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Der Fluch der 32: Schiefe Zähne, kluger Kopf!

Von Axel Wagner

Zahnschiefstand: Indiz unserer einzigartig eigenartigen Intelligenz Zur Großansicht
Corbis

Zahnschiefstand: Indiz unserer einzigartig eigenartigen Intelligenz

Als unsere Vorfahren zu klugen Werkzeugmachern wurden, konnten sie auch ohne kräftiges Gebiss überleben. Also schrumpfte der Kiefer. So entstand eine Platznot, unter der wir noch heute leiden.

Im Mundraum von Milliarden Menschen offenbart sich ein Dilemma. Die Zähne wachsen in der Regel prächtig, doch es fehlt an Platz. Kaum dass wir dem Milchgebiss entwachsen sind, bilden plötzlich Schiefstand, Kieferorthopädie und Zahnspange ein leidvoll-logisches Trio.

Schuld daran ist die Natur, genauer eine Zahl aus ihrer Formelsammlung. 32 heißt sie. So viele Zähne hat nämlich die Evolution für das Gebiss der "Schmalnasenaffen" standardmäßig vorgesehen, zu denen im weiteren Sinne auch wir Menschen zählen.

BAUSTELLE MENSCH

Eine halbe Milliarde Jahre Entwicklungszeit und trotzdem unvollkommen. Zwar haben wir eine ganze Menge Biopatente von unseren tierischen Urverwandten geerbt, aber für den Alltag sind viele hinderlich. Axel Wagner beschreibt in seiner Kolumne den Weg des Homo sapiens zwischen Adrenalinstau und Zwerchfellkrampf bis zu der Selbsterkenntnis: Wir sind tierisch menschlich!

Der Fluch der 32

Das Problem ist nur: Unsere vergleichsweise kurzen Kiefer sind für diese Menge zu klein. Die Zähne stehen folglich dicht gedrängt, Schmelz an Schmelz, nicht selten krumm und schief. Bitte im Selbsttest mit der Zunge das Gebiss abtasten und schon dürfte klar sein, was gemeint ist.

Und es kommt noch schlimmer: Die große Pein plötzlich durch das Zahnfleisch dringender Weisheitszähne erinnert schmerzhaft an jene Epoche tierischer Vergangenheit, als sogar noch mehr als 32 Zähne die Kiefer unserer Ahnen zierten. Wann also immer ein Weisheitszahn seinen Mitstreitern den Stehplatz im Kiefer streitig macht und sie unschön aus ihrer Reihe drängt, ist dies ein tiefer Rückgriff in die alte Zahlenwelt der Evolution.

Andere Säuger dagegen, wie etwa unsere nächsten Verwandten, die Schimpansen, haben stets gut lachen. Deren Zähne stehen nämlich beneidenswert schön in Reih und Glied und können sich schmerzfrei entfalten. Kurzum, im Affenmund ist die Zahl 32 kein Problem. Aber bei uns. Und warum?

Zahnstein statt Lücke

Was haben wir bloß verbrochen, dass unsere Zähne im allzu kurzen Kiefer um jedes Zehntel Millimeter kämpfen müssen? Warum fühlt sich der Zahnarzt genötigt, selbst Menschen, die sich fleißig um die Sauberkeit ihrer nicht wirklich vorhandenen Zahnlücken bemüht haben, die Frage ins Ohr zu flüstern: "Wollen Sie es nicht doch mal mit Zahnseide probieren?", da sich selbst die schmalste Bürstenborste als noch zu dick erwiesen hat?

Schuld an alldem ist das, was uns den Titel Homo sapiens (frei übersetzt: kluger Mensch) einbringt: das Gehirn. Auf dem langen Weg vom Tier zu uns wurde es nämlich immer größer und beeinflusste dabei das Entwicklungsprogramm der Schädel- und Kieferknochen. Diese Erkenntnis haben nun Wissenschaftler der Universität Zürich gewonnen.

Für ihre Publikation, die sie im Fachblatt "Nature Communications" veröffentlichten, untersuchten sie nicht weniger als 134 Tierarten und kamen zu einem verblüffenden Ergebnis: Die im Laufe der Evolution zunehmende Gehirngröße hat den gesamten Zeitplan der Schädelentwicklung bei den Säugetieren durcheinandergebracht. Folgte es in den Frühzeiten während der Heranreifung im ursprünglichen Säugetier-Mutterleib noch einem recht starren Programm, so wurde dieses Wachstumsmuster mit zunehmender Gehirngröße immer weiter über den Haufen geworfen - auch beim Menschen. Doch was genau hat nun das Gehirn mit schiefen Zähnen zu schaffen?

Unsere Vormenschen-Verwandten führte das größere Gehirn in den Savannen Afrikas zu der Überlegung, ob nicht Werkzeuge das Gebiss ersetzen könnten. Ob also etwa harte Schalen sich nicht viel besser mit Ästen oder Steinen öffnen ließen als mit den Backenzähnen. Aus der Idee wurde die Tat, und mit dem Homo habilis war der erste Werkzeugmacher in unsere Ahnengalerie hineingeboren. "Köpfchen statt Kaumuskeln" hieß ab da die Devise bei der Nahrungszubereitung. Verfeinerung der Werkzeuge, Verkleinerung der Kiefer.

Wohin mit den Zähnen?

Das Gehirn wuchs mit seinen Aufgaben von Generation zu Generation weiter und weiter, denn die Anforderungen an das Leben, wie etwa die Bedienungsanleitungen der Werkzeuge, wurden immer komplizierter. Der Gesichtsschädel wurde im Schläfenbereich für den Denkapparat nach vorne ausgebaut und die äffische Schnauze von einst zog sich zur menschlichen Stupsnase über einem zierlichen Kinn zurück. Adieu Affenkiefer.

Dumm nur: Der Stellplatz verschwand, doch die Zahnformel "32" blieb und mit ihr die Frage "Wohin mit den vielen Zähnen?". Eine Antwort ist uns die Evolution bislang schuldig geblieben, und so kommt es, dass wir mit allerlei Drähten, Spangen und Schrauben aus den Dentallabors dem Lauf der Dinge die Stirn bieten müssen. So bleibt für den von Leid Geplagten mit dem Ende dieser Zeilen leider nur ein schwacher Trost: Im Licht der Anthropologie betrachtet ist der Zahnschiefstand des Menschen ein Indiz seiner einzigartig eigenartigen Intelligenz.

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insgesamt 19 Beiträge
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1. homo sapiens
gpavlov08 16.04.2014
übersetzt = weiser mann/mensch
2.
dubdidu 16.04.2014
Die Idee, dass es irgendwas mit Evolution oder Genen zu hat, dass unsere Jugend heute mit Zahnspange rumlaufen muss, ist nicht korrekt. Der Zahnarzt und Forscher Weston Price hat, um 1930 herum, bei jahrelangen Studien isolierter Menschengruppen mit traditioneller Ernährung wahrlich erstaunliches entdeckt: Bei traditioneller Ernährung spielt Karies keine Rolle und auch die Kiefer der Menschen sind voll ausgebildet. Die Zähne sind schön gerade. Sobald diese Menschen ihre Ernährung umstellen auf den westlichen Lebenstil, werden die Zähne schlecht und die Kiefer der Kinder sind unvollständig ausgebildet. Weston Price zeigt, dass dieser Effekt auch innerhalb der Familie passiert: Erstes Kind traditionell ernährt, Kiefer schön. Dann stellen die Eltern um auf Weissbrot, Zucker und Dosenfutter. Zweites Kind hat dann einen zu engen Kiefer. Mit genetische Anpassung hat das logischerweise nichts zu tun. Wer sich mal ganz alte Fotos von hierzulande ansieht, wird bemerken, dass zur Zeit unserer Urgroßeltern die Kinder dieses typische "Pausbackengesicht" hatten. Heute sieht man fast nur noch diese schmalen Gesichter. Ich hab auch mal ein Werbeschild aus dem Jahr 1930 gesehen, in dem Lebertran angeprisen wurde damit Kinder ein normal entwickeltes Gesicht bekommen.
3.
ilek 16.04.2014
Zitat von sysopCorbisAls unsere Vorfahren zu klugen Werkzeugmachern wurden, konnten sie auch ohne kräftiges Gebiss überleben. Also schrumpfte der Kiefer. So entstand eine Platznot, unter der wir noch heute leiden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/zaehne-32-zaehne-zu-viele-fuer-menschen-kiefer-a-964341.html
Die Kernfrage ist aber auch dieser Artikel schuldig geblieben: Wir haben zu wenig Platz im Mund, weil unsere Schnauze zurückgebildet ist. Aber warum hat sich unsere Schnauze zurückgebildet? Was hat das Gehirnwachstum damit zu tun? Ich bin da kein Fachmann, aber das kann ich so nicht nachvollziehen. Welchen biologischen Vorteil hat es, wenn man eine kürzere Schnauze hat und gleichzeitig ein großes Gehirn? Im übrigen gibt es auch Schmalnasenaffen, die ein viel kleineres Gebiss (mit 32 Zähnen) haben als wir und trotzdem weniger Platzprobleme, weil der Mundraum groß genug geblieben ist. Es gibt ja noch die Theorie der "aquatichen Phase", zu der auch ein eher vertikal als horizontal angeordneter Kopf gehört - aber die hat wiederum andere Schwächen...
4.
nsa 16.04.2014
Zitat von sysopCorbisAls unsere Vorfahren zu klugen Werkzeugmachern wurden, konnten sie auch ohne kräftiges Gebiss überleben. Also schrumpfte der Kiefer. So entstand eine Platznot, unter der wir noch heute leiden. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/zaehne-32-zaehne-zu-viele-fuer-menschen-kiefer-a-964341.html
Darauf sind Schimpansen aber auch gekommen, das beantwortet die also nicht die Frage warum Schimpansen keine Probleme mit 32 Zähnen haben.
5.
glamax 16.04.2014
Zitat von ilekDie Kernfrage ist aber auch dieser Artikel schuldig geblieben: Wir haben zu wenig Platz im Mund, weil unsere Schnauze zurückgebildet ist. Aber warum hat sich unsere Schnauze zurückgebildet? Was hat das Gehirnwachstum damit zu tun? Ich bin da kein Fachmann, aber das kann ich so nicht nachvollziehen. Welchen biologischen Vorteil hat es, wenn man eine kürzere Schnauze hat und gleichzeitig ein großes Gehirn? Im übrigen gibt es auch Schmalnasenaffen, die ein viel kleineres Gebiss (mit 32 Zähnen) haben als wir und trotzdem weniger Platzprobleme, weil der Mundraum groß genug geblieben ist. Es gibt ja noch die Theorie der "aquatichen Phase", zu der auch ein eher vertikal als horizontal angeordneter Kopf gehört - aber die hat wiederum andere Schwächen...
[QUOTE=ilek;15441365]...Welchen biologischen Vorteil hat es, wenn man eine kürzere Schnauze hat und gleichzeitig ein großes Gehirn?/QUOTE] Wahrscheinlich ganz einfach Ressourceneinsparung. Größeres Gehirn war hilfreich und den Ressourceneinsatz wert, der große Kiefer war nicht mehr nötig und wurde wegrationalisiert. So eine Kieferverkleinerung ist als stetiger Prozess evolutorisch wohl recht gut machbar. Eine Verringerung der Zähneanzahl hingegen benötigt dann doch eine plötzlichere und deutlichere Umkonstruktion. Irgendwo habe ich einmal die Hypothese gelesen, dass der Mensch den Neandertaler verdrängt hat, weil sein Kalorienbedarf geringer war.
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Der Autor
  • Axel Wagner ist Wissenschaftsjournalist (FU Berlin) und Diplom-Biologe(Universität Bonn). Seit 1999 arbeitet er für Fernsehen, Radio, Internet und Verlage. Seine Karriere begann er als Redakteur beim Südwestrundfunk, für den er heute noch vor und hinter der Kamera arbeitet. Er ist Dozent am Nationalen Institut für Wissenschaftskommunikation Nawik.

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