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Zahi Hawass: Der Ich-Archäologe

Von Kamila Klepacki und Christian Meier

Wie ein Pharao regiert er über das Erbe seines Landes: Zahi Hawass, der Chef der ägyptischen Antikenverwaltung. Europäischen Archäologen ist er mitunter ein Graus. Doch er hat es geschafft, die Ägypter wieder für ihre eigene Geschichte zu begeistern.

Es ist die Nacht zum 17. September 2002: Ein Miniroboter bahnt sich seinen Weg durch einen 64 Meter langen Luftschacht in der Cheops-Pyramide von Gizeh. Er soll ein 4500 Jahre altes Geheimnis lüften. Was verbirgt sich hinter der Tür am Ende des Schachts? Die Bilder der auf den Roboter montierten Kamera werden dabei per Live-Schaltung in die ganze Welt übertragen.

Zahi Hawass: "Alles, was ich tue, wird im Fernsehen gezeigt"
AP

Zahi Hawass: "Alles, was ich tue, wird im Fernsehen gezeigt"

Schnitt: Eigenhändig stemmt Zahi Hawass, im breitkrempigen, braunen Hut, den Deckel eines Sarkophags zur Seite, der angeblich seit Jahrtausenden unberührt in seiner Grabkammer ruht. Unter der Platte kommt ein Skelett zum Vorschein. Derweil hat der Roboter die geheimnisvolle Tür erreicht. Die winzige Kamera wandert in das bereits vorgebohrte Löchlein im Gestein.

Dahinter? Nichts, Leere. Und ein Stück weiter noch ein Türchen. Die große Enthüllung endet in einer Sackgasse. Hawass spricht von einer "Sensation". Das ZDF übertrug dieses Ereignis als "Die Nacht der Pyramiden". Warum Archäologen mitten in der Nacht Hand anlegen? Nun, während Ägypten schläft, beginnt in Amerika die Primetime.

Zahi Hawass ist Generalsekretär der ägyptischen Antikenverwaltung und damit Herrscher über die Vergangenheit. Er allein entscheidet, wo gegraben wird, welches Geheimnis als nächstes gelüftet wird und wie man es in Szene setzt. Er allein kann Lizenzen entziehen und unerwünschte Archäologen aus dem Land jagen. Spricht der heute 61-Jährige von seiner Behörde, dann am liebsten in der Ich-Form: "Ich habe das Geheimnis der Türen in der Cheops-Pyramide gelüftet", rühmt sich Hawass sodann im Gespräch mit "Zenith". Fünf Minuten kann er zwischen zwei Terminen entbehren. Also los, nächste Frage.

Wie begeistert man die Ägypter für die Pharaonenzeit? Man muss zugeben: Seit seiner Amtsübernahme vor sechs Jahren hat sich die Zahl einheimischer Besucher in den Museen verzehnfacht. "Alles, was ich tue, wird im Fernsehen gezeigt", erklärt Hawass. Seine eigene Popularität kommt in Ägypten auch der Archäologie zugute. So gesehen war die Live-Übertragung aus der Cheops-Pyramide tatsächlich ein Triumph: Wer es bis dahin gewagt hatte, Zahi Hawass nicht zu kennen, wurde in dieser Nacht eines Besseren belehrt.

"Es ist das erste Mal in Ägypten, dass ein Archäologe zum Star wurde." Keine Zeit für Bescheidenheit. Aufregende Entdeckungen verkündet der Chef-Archäologe gerne selbst. Wie im November bei der Ausgrabung einer neuen Pyramide in der Totenstadt Sakkara: "Seit 1988 suche ich nach dieser Pyramide, endlich habe ich sie gefunden."

Europäischen Archäologen, die in Ägypten graben möchten, ist er mitunter ein Graus. Jeder braucht seine Unterschrift. Und Hawass entscheidet gern binnen Minuten über Gedeih und Verderb eines Großprojekts. Also hält man sich an die Regeln und schweigt ansonsten diplomatisch.

"Ich drohe niemandem"

Seit Hawass' Machtübernahme ist die Ägyptologie fest in ägyptischer Hand. "Man kann nicht erwarten, dass man hofiert wird, wie noch vor hundert Jahren", spöttelt eine junge deutsche Ägyptologin. Damals war der Leiter der Antikenverwaltung ein Franzose, und es galt das Prinzip der Fundteilung. Hawass hält das kulturelle Erbe der Ägypter lieber beisammen.

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Archäologische Fundstücke: Von Ägypten in die Welt
Zu seinen Anliegen zählt die Rückkehr aller Antikenschätze, die nach 1971 außer Landes gebracht wurden gemäß den Vereinbarungen der Unesco. Er begehrt aber auch Objekte, die schon weit länger in ausländischen Museen lagern. Dazu zählt auch die Büste der Nofretete, derzeitiges Prunkstück des Alten Museums zu Berlin. Dabei schwingt Hawass auch gerne ordentlich die Keule: Nie mehr werde er eine archäologische Ausstellung in Deutschland organisieren, wenn Nofretete nicht nach Ägypten dürfe - zumindest leihweise.

"Ich drohe niemandem. Aber wenn Sie nicht mit mir kooperieren, kooperiere ich nicht mit Ihnen." Das ist die Logik eines Mannes, der keine Widerworte kennt.

Auch ein Zahi Hawass hat seine weichen Seiten: Seine Aufgabe sei es, den Ägyptern einen Sinn für ihre Geschichte zu vermitteln, besonders den Kindern. "Ich bekomme ständig Briefe von faszinierten Kindern aus aller Welt." Damit auch ägyptische Jungen und Mädchen ihre Begeisterung für Gräber, Mumien und Sarkophage entdecken, sollen sie möglichst schon in der Schule davon hören. Vielleicht werden aus ihnen bald Nachwuchs-Archäologen, die die ausländischen Kollegen ersetzen können.

Und was bringen die nächsten Jahre für Zahi Hawass? "Ich mache weiter meine Arbeit. Wir werden sehen, was ich in der Zukunft tun werde."

Wir alle werden es wohl sehen.

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Archäologie: Streit um die Schätze der Vergangenheit


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