Zahlensinn Mathe-Begabung schon bei Babys erkennbar

Einfache Tests erlauben schon bei sechs Monate alten Kindern, künftige mathematische Fähigkeiten vorherzusagen. Die verblüffende Beobachtung zeigt, wie wenig Forscher bislang über die Entwicklung des Zahlensinns beim Menschen wissen.

Experiment: Mengenverständnis von Säuglingen verrät spätere Rechenkünste
Melissa Libertus

Experiment: Mengenverständnis von Säuglingen verrät spätere Rechenkünste


Was entscheidet darüber, ob ein Kind gut mit Zahlen umgehen kann? Ist es vor allem eine Frage der Begabung? Entscheidet die Förderung durch Eltern und Erzieher? Oder ist es eine Mischung aus beidem?

Eine Studie von Psychologinnen der Duke University und der Johns Hopkins University in den USA gibt nun eine überraschende Antwort: Wer bereits als Säugling gut mit Mengen umgehen kann, wird auch im Alter von drei Jahren mathematische Aufgaben besser meistern als andere Kinder. Das gelte selbst dann, wenn man den Faktor Intelligenz herausrechne, schreiben Ariel Starr und ihre zwei Kolleginnen im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Die Psychologinnen hatten 66 Kinder im Alter von sechs Monaten untersucht und drei Jahre später zu weiteren Tests der mathematischen Fähigkeiten in ihre Labore gebeten. Den Säuglingen zeigten die Forscher schwarze Punkte auf weißem Untergrund und beobachteten die Reaktionen der Babys, wenn sich die Anzahl und die Anordnung der Punkte änderten.

Säuglinge erkennen Unterschied zwischen zwei und drei

Die dreijährigen Kinder sollten verschiedene Aufgaben lösen, die Rückschlüsse auf ihr Verständnis von Mengen und Zahlen erlauben. Beispielsweise wurden ihnen auf zwei Monitoren Punktmengen gezeigt, und sie sollten den Monitor antippen, auf dem mehr Punkte zu sehen waren. Oder sie wurden gebeten, Spielzeugfische zu zählen. Dabei zeigte sich, dass Kinder, die schon im Alter von sechs Monaten die besten Ergebnisse erreicht hatten, auch mit drei Jahren besonders gut abschnitten.

Mit der Erkenntnis, dass bereits Babys einen ausgeprägten Zahlensinn besitzen, hatte der Psychologe Prentice Starkey schon 1980 die Fachwelt verblüfft. Bis dahin glaubte man, ein Verständnis für Mengen und Zahlen sei erst ab etwa fünf Jahren möglich. Starkey hatte Säuglingen im Alter von 16 bis 30 Wochen in seinem Labor an der University of Philadelphia Punkte auf einem Bildschirm gezeigt. Anfangs waren es immer zwei, nur ihre Anordnung änderte sich. Starkey ließ bei jedem Kind stoppen, wie lange es auf den Monitor mit den zwei Punkten starrte - im Schnitt zwei Sekunden.

Dann passierte etwas Neues: Beim Wechsel von einem Bild zum nächsten änderte sich nicht nur die Anordnung der Punkte, es kam noch ein dritter hinzu. Und das weckte nachweisbar die Aufmerksamkeit der Babys. Sie schauten eine halbe Sekunde länger hin. Die Kinder hatten den Übergang von zwei zu drei bemerkt, folgerte Starkey, verfügten also bereits über ein elementares Zahlenverständnis - noch bevor sie überhaupt eins, zwei, drei sagen konnten.

Das Experiment des Teams von Ariel Starr war ganz ähnlich aufgebaut, nutzte jedoch statt nur einem zwei Monitore. Auf einem änderte sich die Zahl der angezeigten Punkte, auf dem anderen variierte ihre Anordnung, nicht jedoch ihre Anzahl. Die Psychologinnen beobachten dann, welcher der beiden Bildschirme die Blicke der Babys stärker anzog.

Die Entdeckung zeige, dass der Zahlensinn im Säuglingsalter ein Baustein der späteren mathematischen Fähigkeiten sei, schreiben die Forscherinnen. Sie weisen jedoch auch daraufhin, dass es Studien gibt, die keine solche Korrelation ergeben hätten. Deshalb seien weitere Untersuchungen des Phänomens nötig. Einen Tipp an Eltern und Erzieher wagen die Psychologinnen trotzdem: Man solle darüber nachdenken, Kinder mathematisch zu fördern, noch bevor sie überhaupt zählen können.


hda



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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
andy12123 22.10.2013
1. Warum brauch Spon immer eine solche Schlagzeile
Zitat von sysopMelissa LibertusEinfache Tests erlauben schon bei sechs Monate alten Kindern, zukünftige mathematische Fähigkeiten vorherzusagen. Die verblüffende Beobachtung zeigt, wie wenig Forscher bislang über die Entwicklung des Zahlensinns beim Menschen wissen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/zahlensinn-mathe-begabung-schon-bei-babys-erkennbar-a-929152.html
Den Artikel selbst finde ich nicht einmal schlecht, dass Kinder ein Zahlengefühl haben. Völlig überraschend ist das nicht, aber aus meiner Sicht durchaus forschenswert. Wo ist jetzt belegt, das Kinder die beim Erkennen der Punktemengen eine bessere Mathebegabung bekommen.
jürgenstock 22.10.2013
2. Statistisch insignifikant
Ein Gesamt-Sample von 66 (!) ist statistisch absolut insignifikant. Fielen selbst alle 66 "Probanden" in eine Kategorie (alles "gute" oder alles "schlechte" Rechner), läge der statistische Fehler noch bei ungefähr 12%, hätte wir zwei gleich starke Gruppen, läge bei jeder der Fehler bei 17%. Also, was soll das Ganze? Die Aussage ist Null.
HuFu 22.10.2013
3.
Zitat von sysopMelissa LibertusEinfache Tests erlauben schon bei sechs Monate alten Kindern, zukünftige mathematische Fähigkeiten vorherzusagen. Die verblüffende Beobachtung zeigt, wie wenig Forscher bislang über die Entwicklung des Zahlensinns beim Menschen wissen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/zahlensinn-mathe-begabung-schon-bei-babys-erkennbar-a-929152.html
Mir wäre lieber, wenn man Babys wieder Babies schreiben würde! Ich hasse Denglisch!
gweihir 22.10.2013
4. Zahlen => Buchhaltung. Mathe ist was anderes.
Fuer Mathematiker ist ein Zahlensinn voellig nebensaechlich.
losmanus 22.10.2013
5. Für Eltern nichts Neues
Ich wusste auch aus der Theorie, dass Kinder mit 5 Jahren mit Zahlen umgehen lernen und wurde dann bei den eigenen Kindern und deren Freunden eines Besseren belehrt. Ich war sehr erstaunt festzustellen, dass schon mit drei Jahren Mengen bis drei oder vier auf einen Blick erkannt werden - und ich rede hier nicht von hochbegabten Kindern. Manchmal braucht das Alltagswissen einfach ein wenig länger bis es experimentell bestätigt ist und in Büchern landet...daher lohnt immer mit wachen Augen durch die Welt zu gehen und die Realitäten für sich selbst zu sehen ;)
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