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Zahlenzauber: "Mathe stärkt die Persönlichkeit"

Rechnen ist für viele Menschen eine Qual, höhere Kunst, ein Rätsel. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der Mathematik-Professor Beutelspacher, warum Geometrie und Mengenlehre ganz anders sind, als viele denken.

SPIEGEL ONLINE: 2008 ist das Jahr der Mathematik. Können wir am Ende des Jahres alle besser rechnen?

Albrecht Beutelspacher: Im Jahr der Mathematik geht es sicher nicht darum, traditionelle Kulturtechniken wie Rechnen zu verbessern. Vielmehr soll sich die Haltung vieler Menschen zur Mathematik ändern. Wir Mathematiker wollen zeigen, wie toll und wie nützlich Mathematik ist. Einerseits ist Mathematik eine Kulturwissenschaft, die den Menschen seit Jahrtausenden mit Themen wie Primzahlen, Unendlichkeit, Geometrie, Formen und Mustern fasziniert. Andererseits ist sie eine unglaublich anwendungsbezogene Wissenschaft. Die allermeisten technischen Produkte würden ohne Mathematik nicht existieren.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem stehen viele Menschen mit der Mathematik auf Kriegsfuß. Wer ist eigentlich schuld daran?

Beutelspacher: Mathematik wird zu 99 Prozent über die Schule vermittelt, also muss es an der Schule liegen. Das Problem ist: Häufig geht es im Unterricht nur um richtig und falsch. Auch wenn nur ein Prozent einer Rechnung falsch ist, ist das Ergebnis komplett falsch. Das birgt die Gefahr, dass der Lehrer der Herr über richtig und falsch wird. Das bedeutet wiederum, dass Macht ausgeübt wird. Und Machtausübung heißt dann auch, dass Angst erzeugt wird.

SPIEGEL ONLINE: Und was kann man dagegen tun?

Beutelspacher: Dieser Teufelskreis muss durchbrochen werden. Mathematik ist nämlich ganz anders. Nicht der Lehrer braucht zu sagen, was richtig oder falsch ist. Mathematik ist eine Wissenschaft, bei der der Schüler selbst erkennen kann: Ich habe es richtig gemacht. Übrigens im Gegensatz zu anderen Fächern wie Deutsch. Wenn da der Lehrer gut ist, hat er einen unendlichen Vorsprung. Er hat Hunderte Bücher gelesen, Dutzende Gedichte interpretiert, da bin ich als Schüler ein Anfänger. Aber in Mathe kann ich gleich mitreden. Mathematik soll, das ist meine These, das Rückgrat stärken und nicht das Rückgrat brechen. Sie stärkt die Persönlichkeit.

SPIEGEL ONLINE: Sie machen in erster Linie die Lehrer für die verbreitete Mathephobie verantwortlich. Aber tragen nicht auch die Mathematiker eine Mitschuld?

Beutelspacher: Sicher. Die Mathematiker verwenden traditionell ganz viel Energie darauf, Argumente und Lösungen so perfekt zu machen, dass völlig makellose Schönheit entsteht. Das ist Artistik auf dem Hochseil, die man bewundern kann. Viele Laien sagen dann auch: Damit habe ich nichts zu tun. Wenn ich hingegen selbst anfange zu argumentieren, dann ist das erst mal ganz grob, zum Teil sogar falsch. Es sind Umwege dabei, es ist überhaupt nicht schön. Verglichen mit dem Ideal der Mathematik ist wirkt das geradezu stümperhaft. Wir müssen aber damit anfangen, den Lernenden Freiräume zu geben, damit sie selber zur Mathematik kommen können.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen die Klarheit, die Perfektion, die viele mit Mathematik assoziieren, ist abschreckend?

Beutelspacher: Genau. Das ist, als wenn ich Klavierspielen lerne, aber nur perfekt gespielt Beethoven-Sonaten höre und keinen Flohwalzer mit Fehlern spielen darf.

SPIEGEL ONLINE: Aber steckt nicht die ganze Mathematik in einer Krise? Man hört wenig von spektakulären Durchbrüchen bei Mathematikern - im Unterschied zu Medizinern, Klimaforschern oder Physikern.

Beutelspacher: Mathematik ist ein unglaublich aktives Forschungsgebiet. Es ist aber so, dass die meisten mathematischen Ergebnisse auch für viele studierte Mathematiker kaum noch vermittelbar sind. Was die Fields-Medaillen-Preisträger machen, das ist schon fantastisch gute Mathematik. Aber das meiste davon verstehe auch ich nicht. Es gibt aber durchaus wichtige Durchbrüche: etwa der Beweis des Vierfarbensatzes vor 20, 30 Jahren oder der Beweis der Fermatschen Vermutung vor ein paar Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Manchmal finden Mathematiker auch den Beweis dafür, dass eine Aufgabe gar nicht lösbar ist. Das muss doch ziemlich frustrierend sein für einen Wissenschaftler, der ja eigentlich Probleme lösen will.

Beutelspacher: Aus psychologischer Sicht mag das wie ein negatives Ergebnis erscheinen. Rein philosophisch gesehen, ist das aber etwas Fantastisches. Man kann beweisen, dass irgendetwas nicht existiert. Ist das nicht toll?

Das Gespräch führte Holger Dambeck.

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Forum - Mathematik - etwas für alle?
insgesamt 2192 Beiträge
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1.
damdinsukhbaatar, 25.01.2008
Zitat von sysopSchrecken aus der Schulzeit oder Faszination pur: Was ist Mathematik für Sie? Liegt es nur daran, wie die Lehre von Zahlen, Formen und Berechnungen vermittelt wird, oder muss man begabt sein?
Ohne ein erhebliches Maß an Faszination wird man wohl kaum M. studieren können, aber man schafft das Diplom auch dann, wenn man kein wirkliches Genie ist - nicht jeder kann schließlich ein neuer Andrew Wiles oder Grigorij Perelman etc. sein bzw. werden ...
2.
DJ Doena 25.01.2008
Mathematik ist nicht für jeden. Das was wir in der Schule aber lernen ist Rechnen und ein bisschen Formelandwenden, dass hat mit Mathe herzlich wenig zu tun. Und ich find es schon ein bisschen peinlich, dass man heutzutage noch damit herumstolzieren kann, von eben diesem Schulmathe keine Ahnung zu haben. Das ist Fremdschämen pur.
3.
Poisen82, 26.01.2008
Zitat von sysopSchrecken aus der Schulzeit oder Faszination pur: Was ist Mathematik für Sie? Liegt es nur daran, wie die Lehre von Zahlen, Formen und Berechnungen vermittelt wird, oder muss man begabt sein?
Ich bin Maschinenbau Ingeneur und hasse Mathe und hatte auch nie etwas damit zutun. Was mir vermittelt wurde ist die Anwendung von Formeln. Jedoch für das frei Beherschen der MAthematik sie so anzuwenden wie eine Sprache, dazu muss man geboren sein.
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Mustermann 26.01.2008
Zitat von sysopSchrecken aus der Schulzeit oder Faszination pur: Was ist Mathematik für Sie? Liegt es nur daran, wie die Lehre von Zahlen, Formen und Berechnungen vermittelt wird, oder muss man begabt sein?
Für mich ist Mathematik lebenslanges Vergnügen gewesen und ist es immer noch. Schönheit, Fazination und Inspiration und das obwohl ich nur ein Feld- Wald- und Wiesentalent bin. Begabung ist notwendig, wenn man wirklich fundamentale Zusammenhänge entdecken will, aber das sind 10% - 20%. Aber guter Unterricht, viel Anregungen und intensive Besachäftigung sind ausschlaggebend (nicht immer, siehe Srinivasa Ramanujan) aber bei den meisten Menschen schon. Und in Deutschland ist der Mathematikuntericht (im Regelfall) sehr schlecht, als ex. Mathematiklehrer könnte ich ein Lied (Blues) davon singen, leider.
5.
dawi 26.01.2008
Zitat von sysopSchrecken aus der Schulzeit oder Faszination pur: Was ist Mathematik für Sie? Liegt es nur daran, wie die Lehre von Zahlen, Formen und Berechnungen vermittelt wird, oder muss man begabt sein?
Mathematik ist wie jede Wissenschaft manchmal langweilig, manchmal lustig, manchmal faszinierend. Da die Mathematik aber sehr alt ist, ist sie unvorstellbar weit entwickelt. Deswegen denke ich, dass für jeden was dabei ist. Das beste an der Mathematik bleibt aber, dass man nicht begabt sein muss. Es gibt keine "grundelegenden Prinzipien" an die man sich halten muss, nur die wenigen logischen Axiome, der Rest wird definiert....und dann bewiesen. Man kann jeden Schritt nachvollziehen, jeder kann das. Von der Begabung hängt nur ab wie lange das dann dauert. Ich glaube, dass man diese Wissenschaft als "Schrecken aus der Schulzeit" wahrnimmt liegt an der Art es zu vermitteln. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass jeder auch angeblich "schwere" Themen verstehen kann. Man muss die Menschen nur ernst nehmen, und nicht von vornherein sagen: "du verstehst das sowieso nicht" oder "das ist aber ganz doll kompliziert". Ich habe z.B. Medizinern Funktionenräume (endlich dimensional aber nur ;) ), Ingeneuren Variationsrechnung, Informatikern Funktionalableitungen, Schulabbrechern Infinitsimalrechnung erklären können. Man muss die Menschen einfach nur ernst nehmen... (Bei BWL und "richtiger" Statistik bin ich gescheitert :D ) mfg dawi
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