Zahnschmelz-Analyse: Frühmenschen ernährten sich von Gräsern

Mit Hilfe von Zahnschmelz-Analysen entschlüsseln Forscher den Speiseplan der Früh- und Vormenschen. Demnach ernährten sich die Homininen schon vor drei Millionen Jahren anders als die Vorfahren der heutigen Menschenaffen.

Fossiler Schädel eines Australopithecus afarensis: Wie aßen die Homininen? Zur Großansicht
AFP

Fossiler Schädel eines Australopithecus afarensis: Wie aßen die Homininen?

Vor mehr als drei Millionen Jahren ernährten sich Homininen bevorzugt von Gräsern. Das belegt die Analyse des Zahnschmelzes mehrerer Australopithecus-bahrelghazali-Fossilien. Die Ernährung der Menschenartigen unterschied sich demnach damals deutlich von der der Menschenaffen-Vorfahren, berichten Wissenschaftler im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Viele Experten stritten bislang darüber, zu welcher Zeit und in welchen Regionen der moderne Mensch seine kräftigen Mahlzähne entwickelte. Diese sind nötig, um sich auch von härteren Lebensmitteln wie Nüssen oder Samen zu ernähren.

Jetzt legen chemische Analysen nahe, dass sich zumindest einige Mitglieder des menschlichen Stammbaums bereits vor drei Millionen Jahren überwiegend von Pflanzen ernährten. Das ist etwa 1,5 Millionen Jahre früher als es bisherige Ergebnisse zeigten.

Kohlenstoff-Isotope im Zahnschmelz analysiert

Das Team um Julia Lee-Thorp von der Oxford University analysierte die Anteile von Kohlenstoff-Isotopen im Zahnschmelz der Art Australopithecus bahrelghazali, einem menschenartigen Primaten. Die fossilen Überreste stammen aus der Region Koro Toro im afrikanischen Tschad. Lee-Thorp fand in den fossilen Zähnen eine Kohlenstoff-Zusammensetzung, die auf eine Ernährung mit Gräsern und Sauergrasgewächsen hindeutet. Solche Pflanzen zählen nicht zur typischen Nahrung der großen Menschenaffen.

Die Fossilien wurden in tonhaltigen Sandsteinschichten gefunden. Auch dies deute darauf hin, dass A. bahrelghazali an bewaldeten Weideflächen und kleinen Flüssen lebte, heißt es in der Studie.

Bereits vor dieser Untersuchung war bekannt, dass Paranthropus boisei, ein jüngerer Verwandter des modernen Menschen, vor rund 1,5 Millionen Jahren einen ähnlichen Speiseplan hatte.

Die Funde belegen, dass sich die Ernährung der frühen Primaten in Süd- und Ostafrika relativ früh veränderte. Die Arten passten sich damit an die Umweltbedingungen ihrer neuen Lebensräume an, vermuten die Autoren.

Die Analyse kann allerdings nicht klären, ob Australopithecus bahrelghazali einen vielfältigen Speiseplan hatte und dabei auch auf in der Savanne wachsende Gräser zurückgriff, oder ob sich diese Homininen auf eine pflanzliche Diät spezialisiert hatten.

wbr/dpa

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Homininen und Hominiden
Affen- und Menschenartige
Ein Hominid oder Menschenaffe ist ein Mitglied der taxonomischen Familie, zu der Menschen, Schimpansen, Gorillas und all deren ausgestorbene gemeinsame Vorfahren gehören. Der Begriff Hominine umfasst dagegen alle Mitglieder der Gattung Homo und deren ausgestorbene Verwandten, die dem Menschen näher stehen als den Schimpansen. Dazu zählen also nicht Schimpansen und Gorillas sowie deren Vorfahren.
Sahelanthropus tchadensis (7 bis 8 Millionen Jahre)
Dieses bisher älteste bekannte Mitglied der Menschenfamilie entdeckte ein Forscherteam aus Frankreich und dem Tschad im Juli 2001 in der Sahel-Zone in Zentralafrika. Der Fund namens Toumaï könnte aus der Zeit der Trennung der Affen-: und Menschenartigen stammen.
Orrorin tugenensis (6 Millionen Jahre)
Französische und kenianische Wissenschaftler fanden im Oktober 2000 in der Boringo-Region (Kenia) die Reste des "Millennium-Menschen". Er zeigt deutliche Hinweise auf den aufrechten Gang. In der Fachwelt ist jedoch umstritten, ob er ein direkter Vorfahr des Menschen war.
Ardipithecus ramidus (4,4 Millionen Jahre)
"Ardi" revolutionierte das Bild unserer Urahnen: Der Fund aus Äthiopien zählt zu den Menschenartigen (Homininen) und ist weit mehr von den Affen entfernt als bisher vermutet, wie im Oktober 2009 ein Forscherteam im Fachjournal "Science" berichtete.
Australopithecus afarensis (3,2 - 3,6 Millionen Jahre)
Am 30. November 1974 wird in Äthiopien "Lucy" ausgegraben, ein Teilskelett, das als letzter gemeinsamer Vorfahr mehrerer Abstammungslinien von Homininen gilt. Für Furore sorgte auch der Fund eines Kindes im Jahr 2006, das als "Lucys Baby" bekannt wurde.
Homo rudolfensis (2,5 - 2,3 Millionen Jahre)
Dieser Mensch hat ein größeres Gehirn als die Australopithecinen und nutzte auch schon Werkzeuge. Er gilt als die älteste bisher entdeckte Art der Gattung Homo. Doch wie bei Australopithecus sediba streiten sich Forscher noch um die Zuordnung zu einer Spezies. Manche Wissenschaftler zählen ihn zur Art Homo habilis, andere widerum erkennen in ihm gar einen Australopithecinen oder einen Kenyanothropus.
Australopithecus sediba (2 - 1,8 Millionen Jahre)
Am 15. August 2008 entdecken Paläoanthropologen in der Nähe von Johannesburg die knapp zwei Millionen alten Überreste eines Jungen und einer Frau. Sie könnten ein lange gesuchtes Bindeglied zwischen den noch affenartigen Vormenschen und den frühen Menschen darstellen, berichtet ein Forscherteam im Fachjournal "Science" im April 2010.
Homo erectus (1,8 Millionen - 300.000 Jahre)
Mit dem Homo erectus begann eine Wanderbewegung aus Afrika nach Europa und Asien. 1891 entdeckt der Holländer Eugène Dubois einen Javamenschen, der vor 500.000 Jahren gelebt hat. In Georgien finden Forscher seit 1999 mehrere 1,75 Millionen Jahre alte menschliche Überreste, die dem Homo erectus zugerechnet werden.
Homo heidelbergensis (780.000/500.000 Jahre)
Im Oktober 1907 wird im Dorf Mauer bei Heidelberg ein rund 500.000 Jahre alter Unterkiefer dieses Menschen ausgegraben. 1995 werden in Gran Dolina (Spanien) 780.000 Jahre alte Überreste von vier Menschen dieser Art und Werkzeuge gefunden. Sie zählen zu den frühesten Menschen Europas, starben wahrscheinlich aber aus.
Homo sapiens (160.000 Jahre bis heute)
Die bisher ältesten Überreste des modernen Menschen findet ein internationales Forscherteam 1997 in Äthiopien. Die 2003 analysierten Schädelknochen erhärten nach Ansicht der Forscher die Vermutung, dass die modernen Menschen in Afrika entstanden sind und sich von dort in die ganze Welt ausgebreitet haben.
Homo floresiensis (120.000 - 10.000 Jahre)
Der als "Hobbit" bekanntgewordene, nur ein Meter große indonesische Urmensch war im Jahr 2004 auf der Insel Flores gefunden worden. Seit Jahren streiten Wissenschaftler, ob es sich um eine eigene Menschenart oder nur einen kranken Homo sapiens handelte.
Homo neanderthalensis (130.000 - 30.000 Jahre)
Morphologische Eigenschaften, die für Neandertaler typisch sind, fand man bereits in etwa 400.000 Jahre alten Fossilien aus Europa. Doch man geht davon aus, dass die ersten Neandertaler vor etwa 130.000 Jahren entstanden sind. Heute gilt der Neandertaler als ausgestorbene Seitenlinie des Menschen. Er verschwand vor etwa 30.000 Jahren von der Bildfläche - warum, ist noch nicht vollständig geklärt.