Fund in Schottland: Der älteste Kalender der Welt

Von Angelika Franz

Früheste Zeitmessung: Gruben als Uhr Fotos
Eugene Chng

Auf einem Feld in Schottland haben Archäologen offenbar den ältesten Kalender der Welt entdeckt: Zwölf Gruben erlaubten bereits vor mehr als 10.000 Jahren eine Zeitbestimmung. Die Steinzeituhr könnte das Zusammenleben radikal verändert haben.

Hamburg - Kornkreise sind auf schottischen Feldern nichts Ungewöhnliches. Wo einst eine Mauer oder ein Graben verlief, ist bis heute der Boden verändert, so dass die Pflanzen dort andere Wachstumsbedingungen vorfinden als ihre Nachbarn auf unberührtem Boden. Daher wunderte sich zunächst auch niemand sonderlich über die Reihe von dunklen Flecken in Warren Field nahe dem Crathes Castle in Aberdeenshire.

Doch dann begann eine Gruppe Forscher um Vincent Gaffney von der University of Birmingham, sich näher mit den unscheinbaren Bodenveränderungen zu beschäftigten. "Und als wir merkten, mit was wir es hier zu tun haben, wurde uns schlagartige die Tragweite bewusst", sagt Gaffney.

Die Archäologen haben einen sogenannten Zeit-Marker gefunden, gebaut in der tiefsten Mittleren Steinzeit, im 8. Jahrtausend vor Christus. Eine Konstruktion, mit deren Hilfe sich anhand des Mondes und der Sonne der Verlauf der Zeit messen und darstellen ließ - fast fünf Jahrtausende, bevor in Mesopotamien die ersten Kalender gebaut wurden.

Der Zeit-Marker von Warren Fields besteht aus einer Reihe von Gruben, die von Südwesten nach Nordosten ausgerichtet sind. Die äußeren Gruben sind kleiner, die näher der Mitte liegenden erreichen einen Durchmesser von über zwei Metern. Insgesamt sind es zwölf Gruben, wobei direkt neben der größten Grube in der Mitte noch drei kleinere Pfostenlöcher liegen.

Pfähle in den Gruben als Uhrzeiger

In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Internet Archaeology" beschreiben die Forscher, wie sie den Aufbau der Löcher im Boden mit Hilfe elektromagnetischer Induktion, Bodenradar, Magnetometrie, Messungen des Bodenwiderstands sowie geoelektrischen Untersuchungen bestimmten. Eine Software erlaubte es den Forschern, das Verhältnis der Gruben zur Landschaft zu berechnen und den Blick eines Beobachters im Mesolithikum über die Gruben hinweg in Richtung eines Tales zwischen zwei Hügeln, den so genannten Slug Road Pass, zu simulieren.

Das Ergebnis war atemberaubend: Die Gruben markieren die verschiedenen Mondphasen und sind entsprechend der Lunarmonate aufgebaut. Pfähle, die in die Gruben gesteckt wurden, erlaubten nach Meinung der Forscher eine Zeitrechnung. Die Ausrichtung auf den Slug Road Pass markiert außerdem den Sonnenaufgang am Tag der Wintersonnenwende, so dass der sich von Jahr zu Jahr wandelnde Mondkalender im Sonnenjahr verankert und korrigiert werden kann.

Warum aber gruben die Erbauer des Monuments ausgerechnet Löcher in den Boden? "Die Vermutung ist derzeit noch hypothetisch", schreiben die Forscher, "aber es ist interessant zu beobachten, dass zwei der zentralen Gruben, 5 und 6, Holzpfosten halten konnten, die als Marker gedient haben können." Wenn alle diese Beobachtungen tatsächlich zutreffend sind, "konnte ein Beobachter der Struktur von Warren Field durch das Jahr hindurch die Zeit bestimmen und einmal im Jahr die Sequenz den jeweiligen Jahresschwankungen angleichen" - anhand der Wintersonnenwende.

Als der Zeit-Marker von Warren Field gebaut wurde, zogen die Menschen in der Region des heutigen Schottlands als Jäger und Sammler durch die Landschaft. Nur wenig ist bekannt aus dieser Zeit. "Die Menschen tendieren dazu, das Mesolithikum einfach zu vergessen", beklagt Gaffney. Dabei passierten hier jene revolutionären Umwälzungen, die eine Sesshaftwerdung im späteren Neolithikum erst ermöglichten.

Wann treffen wir uns?

"Was passiert, wenn die Menschen plötzlich einen Sinn für Zeit entwickeln?" fragt Gaffney. "Wie verändert sich ihr Zusammenleben, wenn sie plötzlich die Zukunft planen können?" Während beispielsweise ohne Möglichkeit zur Zeitberechnung Treffen größerer Gruppen mehr oder weniger dem Zufall überlassen bleiben, kann man mit einer Zeitbestimmung große Versammlungen koordinieren.

Etwa so: Steckte der Pfahl in Warren Field im fünften Loch, ist die Zeit gekommen, sich zu treffen. "Die allerspannendste Frage ist nun: Wer steckt dahinter?" meint Gaffney. "Jemand oder eine Gruppe muss ja diese Events gemanagt haben."

Und warum stand dieser Zeit-Markierer ausgerechnet auf einem abgelegenen Feld in Schottland? "Er war bei weitem nicht der einzige!" vermutet Gaffney. Tatsächlich fanden Archäologen bereits 1966 auf dem Gelände des heutigen Parkplatzes von Stonehenge drei Pfostenlöcher, deren Bedeutung nie geklärt werden konnte.

Der erste Steinkreis wurde zwar erst um 3000 vor Christus errichtet. Doch Kiefernholzreste aus einem der Pfostenlöcher belegen, dass die Löcher unter dem Parkplatz wesentlich älter sind. Wie auch die Gruben von Warren Field stammen sie aus der Zeit um 8000 vor Christus. "Und wir werden in Zukunft noch mehr solcher Pfostensetzungen finden", ist Gaffney sich sicher. "Denn jetzt erst wissen wir ja, wonach wir überhaupt Ausschau halten müssen."

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insgesamt 33 Beiträge
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    Seite 1    
1. Abgelegen?
lug&trug 15.07.2013
Zitat von sysopEugene ChngAuf einem Feld in Schottland haben Archäologen offenbar den ältesten Kalender der Welt entdeckt: Zwölf Gruben erlaubten bereits vor mehr als 10.000 Jahren eine Zeitbestimmung. Die Steinzeit-Uhr könnte das Zusammenleben radikal verändert haben. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/zeitmessung-archaeologie-aeltester-kalender-entdeckt-a-911211.html
LOL! Das Wort "abgelegen" in diesem Zusammenhang zu verwenden ist recht gewagt. Auch wenn das Feld heute nicht direkt an der Autobahn liegt, heißt das ja nicht, dass der Platz zu jener Zeit abgelegen war.
2. Ameisen, drüben im Abendland.
SchwesterPolyester 15.07.2013
"Einst hatten wir Zeit! Ich weiß nicht, wer sie uns genommen hat. Ich weiß nicht, wessen Sklaven wir sind. Wir leben wie die Ameisen, drüben im Abendland.“ - Max Frisch
3.
sushiboi 15.07.2013
Zitat von sysopEugene ChngAuf einem Feld in Schottland haben Archäologen offenbar den ältesten Kalender der Welt entdeckt: Zwölf Gruben erlaubten bereits vor mehr als 10.000 Jahren eine Zeitbestimmung. Die Steinzeit-Uhr könnte das Zusammenleben radikal verändert haben. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/zeitmessung-archaeologie-aeltester-kalender-entdeckt-a-911211.html
Das ist wohl eher eine freie Interpretation des Autors. Richtigerweise müsste es heißen "fast fünf Jahrtausende, vor den uns bekannten in Mesopotamien gebauten Kalendern"
4. Zeitsklaven
Layer_8 15.07.2013
Zitat von SchwesterPolyester"Einst hatten wir Zeit! Ich weiß nicht, wer sie uns genommen hat. Ich weiß nicht, wessen Sklaven wir sind. Wir leben wie die Ameisen, drüben im Abendland.“ - Max Frisch
Termine und so... Am Ende des abendländischen Mittelalters wurde es notwendig, bei den Seefahrern der "Entdeckungen", die Minuten und Sekunden einzuführen wegen den Längengraden beim navigieren. Genaue Uhren wurden dabei entwickelt, welche die reinen Stunden (Sonnenuhren) obsolet machten. Die Kapitalisten haben diese Uhren gerne übernommen, um sowas wie "Wecker" unter das Volk zu verteilen, welches eigentlich und natürlicherweise mit den gegebenen Tages- und Jahreszeiten ganz gut zurecht kam. Geld ist Zeit ist Geld :-/
5. versteh ich nicht...
seikor 15.07.2013
da sind zwölf Gruben, die "die Mondphasen" darstellen sollen. Ich kenne 4 Mondphasen. Dann gibt es noch die 12 Monate des Jahres, die aber nicht mit den Mondmonaten übereinstimmen. Bin gespannt, wer das Ganze plausibel entschlüsselt... Noch eine Frage: was versteht man unter einem "Verhältnis der Gruben zur Landschaft"? Gemeint ist wohl die Lage der Gruben?
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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

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