Nicht repräsentativ Statistiker hält Umfrage zur Zeitumstellung für verzerrt

Ist bald Schluss mit dem Wechsel von Winter- und Sommerzeit? Das jedenfalls schwebt EU-Kommissionspräsident Juncker vor - und er verweist auf eine Umfrage. Ein Statistiker übt an der Onlinebefragung scharfe Kritik.

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EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker setzt sich für die Abschaffung der Umstellung zwischen Sommer- und Winterzeit in der Europäischen Union ein und argumentiert mit dem Ergebnis einer Onlineumfrage seiner Kommission. An der Aussagekraft dieser Befragung sind Zweifel angebracht, warnt der Dortmunder Statistikprofessor Walter Krämer. "Dergleichen Umfragen sind immer mit ganz großer Vorsicht zu genießen", so der Wissenschaftler.

Schließlich handele es sich nicht um eine repräsentative Umfrage mit zufällig ausgewählten Bürgern, so Krämer, der an der Technischen Universität Dortmund Statistik lehrt und das Buch "So lügt man mit Statistik" veröffentlicht hat. Im Fall der Umfrage der EU-Kommission zur Zeitumstellung sei vielmehr davon auszugehen, "dass die Leute, denen das Thema wichtig ist, die sich ärgern, wenn die Uhr umgestellt wird, mitgemacht haben".

Menschen, die der Zeitumstellung positiv oder gleichgültig gegenüberstehen, hätten sich wahrscheinlich kaum beteiligt, sagte Krämer. Wenn Juncker und die EU-Kommission auf Grundlage dieser Umfrage eine Empfehlung zur Zeitumstellung abgäben, sei dies aus Krämers Sicht fragwürdig. "Bei anderen Leuten, die so etwas tun, würde man sagen, das sind Populisten", kritisierte der Wissenschaftler, der sich in seinen Publikationen mit Irreführung durch Statistiken beschäftigt hat.

Krämer riet der Kommission, etwas Geld in die Hand zu nehmen und ein Umfrageinstitut mit einer repräsentativen Befragung zu beauftragen. Nur so könne sie ein realistisches Stimmungsbild erhalten.

Mehrheit der Teilnehmer aus Deutschland

Die EU-Kommission hatte ihre "öffentliche Konsultation zur Sommerzeitregelung" am 4. Juli gestartet und am 16. August beendet. An der Internetumfrage beteiligten sich nach ihren Angaben etwa 4,6 Millionen Menschen. Außer Privatpersonen durften auch Behördenvertreter, Unternehmen und Verbände teilnehmen. Medienberichten zufolge stammten gut drei Millionen Teilnehmer aus Deutschland.

Auch wegen der übermäßigen Beteiligung von Deutschen sei die Umfrage nicht repräsentativ für das Meinungsbild in den 28 EU-Staaten, sagt Krämer. Außerdem seien bei der Onlinebefragung Menschen ausgeschlossen gewesen, die kein Internet nutzen.

Juncker hatte am Freitag im ZDF-"Morgenmagazin" angekündigt, die EU-Kommission werde noch am selben Tag die Empfehlung beschließen, die Zeitumstellung abzuschaffen und dauerhaft auf die Sommerzeit umzusteigen. Danach seien die Mitgliedstaaten und das Europaparlament am Zug. Juncker begründete das damit, es ergebe "keinen Sinn, Menschen zu fragen, was sie denken" und dies dann nicht umzusetzen. (Hier erfahren Sie mehr darüber, ob man die Zeitumstellung technisch einfach so abschaffen kann.)

chs/AFP



insgesamt 156 Beiträge
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Seite 1
lachina 31.08.2018
1. Dann eben keine Umfrage,
sondern ein wirkliches Plebizit durchführen. Auch wer nicht zu einer Wahl geht, hat ja verloren.
kurzanbinden 31.08.2018
2. Umfrageinstitute sind aber noch schlimmer.
wie vor nichtmal einem Jahr hier bei Spiegel online lang und breit gezeigt sind Umfrageinstitute noch schlimmer. deren Daten kann man getrost vergessen.
ted211 31.08.2018
3. Wahlpflicht
Die Argumente treffen weitgehend auch auf Wahlen zu. Um das zu ändern, müsste die Wahlpflicht eingeführt werden.
geoper67 31.08.2018
4. Mehrmals erfolglos versucht ...
Mehrmals habe ich erfolglos versucht, auf die Abstimmungsseite zu gelangen. Was hat eigentlich diese Internetseite so überlastet? Bots vielleicht? Diese Umfrage war doch ein schlechter Witz! Ich hätte übrigens für die Zeitumstellung gestimmt, denn die Zäsur finde ich jedesmal wieder Klasse. Eine professionelle Umfrage wäre zu begrüßen.
Fuxx81 31.08.2018
5.
Ich bin für die Abschaffung der Zeitumstellung, da ich auch so schon genug Probleme habe, meine Biorhythmus im Griff zu halten. Aber natürlich ist eine solche Umfrage biased und kann nicht das letzte Wort in dieser Angelegenheit gewesen sein.
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