Zeitumstellung Wie schon der Kaiser an der Uhr drehte

Geschichte wiederholt sich - auch bei der Zeitumstellung. Der Wechsel zwischen Sommer- und Winterzeit ist in Deutschland bereits mehrmals beschlossen und später wieder abgeschafft worden.

Luftbild von Berlin im Jahr 1917 - ein Jahr zuvor war die Uhr erstmals umgestellt worden
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Luftbild von Berlin im Jahr 1917 - ein Jahr zuvor war die Uhr erstmals umgestellt worden


In der Nacht vom Samstag zum Sonntag werden die Uhren um 3.00 Uhr eine Stunde zurückgestellt. Die Sommerzeit endet - Uhren zeigen daher europaweit für die nächsten Monate die im Winter geltende Normalzeit an.

Das Drehen am Zeiger nimmt allerdings in Furtwangen im Schwarzwald mehr Zeit in Anspruch als an anderen Orten. Rund 1300 Uhren sind im Deutschen Uhrenmuseum ausgestellt, etwa 80 von ihnen ticken. Die Zeitumstellung ist stets eine Herausforderung und erfordert Handarbeit.

Das von der EU-Kommission vorgeschlagene Aus der umstrittenen Zeitumstellung würde diese Arbeit überflüssig machen. Nach dem Willen des Kommissionschefs Jean-Claude Juncker sollen die Uhren im kommenden Jahr letztmalig umgestellt werden. Doch die Pläne stoßen in dem Museum auf gemischte Gefühle.

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Zeitumstellung: Niemand hat die Absicht, eine Sommerzeit einzuführen

"Wir haben diese Debatte natürlich aufmerksam verfolgt", sagt Mitarbeiter Johannes Graf. "Es ist ein Thema, das jeden betrifft, zu dem jeder eine Meinung hat und das seit Beginn äußerst kontrovers und emotional diskutiert wird", so der Historiker.

Im Jahr 2016, als die Zeitumstellung ein Jahrhundert alt wurde, organisierte das Museum in Furtwangen eine große Sonderausstellung. Und schon bald folgt das nächste Jubiläum. "Im nächsten Jahr wird die erstmalige Abschaffung der Zeitumstellung 100 Jahre alt", sagt Graf. Genau in dem Jahr, in dem ihr Ende erneut besiegelt sein könnte. Es wäre eine Wiederholung der Geschichte.

1916, in der Nacht zum 1. Mai, wurden Uhren erstmals weltweit eine Stunde vorgestellt. "Deutschland war damals, 1916, mitten im Ersten Weltkrieg", sagt Graf: "Die vom Deutschen Kaiserreich angeordnete Zeitumstellung sollte helfen, Energie zu sparen und war zugleich eine Machtdemonstration." Deutschland wollte der Welt die Zeit vorgeben, so Graf.

Unbeliebte Sommerzeit

Doch es gab Widerstand im Kaiserreich, von der Bevölkerung und der Landwirtschaft sowie im Reichstag. Das belegen Dokumente von damals. Die durch das Drehen der Uhrzeiger entstandene Sommerzeit war umstritten - und wurde 1919, also vor bald hundert Jahren, in der frühen Weimarer Republik wieder beendet und nicht fortgeführt.

In den Vierzigerjahren, im Zweiten Weltkrieg und danach, wiederholte sich das Ganze. Das Tageslicht sollte durch das Verschieben der Zeit besser ausgenutzt werden. Doch 1949 kam erneut das Aus für die in der Bevölkerung damals ungeliebte Sommerzeit.

Gut drei Jahrzehnte später, Ende der Siebzigerjahre, gab es in Europa ganz unterschiedliche Regelungen: Länder ohne und mit Sommerzeit, die auch noch zu unterschiedlichen Terminen begann und endete. Eine einheitliche Sommerzeit sollte diesen "Zeitsalat", wie DER SPIEGEL einst schrieb, beseitigen.

Seit 1980 gilt nun das Verschieben der Zeit in Deutschland, 1981 schloss sich die Schweiz als letztes Land in Mitteleuropa der durch Zeitumstellung geschaffenen Sommerzeit an. Seit 22 Jahren ist sie europaweit einheitlich geregelt. Die Europäische Union dreht seit 1996 für alle verbindlich gleichzeitig am Zeiger: Zum Sommer geht es eine Stunde vor, zum Winter wieder eine Stunde zurück.

"Die Vorteile, die sich deren Befürworter von der Zeitumstellung erhofft haben, sind nie eingetreten und durch Untersuchungen längst widerlegt", sagt der Direktor des Uhrenmuseums, Eduard C. Saluz. "Der Aufwand steht in keinem Verhältnis zu den Vorzügen, die Energieeinsparung ist im geringen Promillebereich." Dies habe der Bundestag schon 1974 festgestellt.

Gleichzeitig sei die Zeitumstellung umstritten, die Gegner seien in Umfragen stets in der Überzahl: "Sie empfinden die staatlich verordnete Zeitumstellung als einen Eingriff in ihre persönliche Freiheit."

Jürgen Ruf, dpa/chs

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