Zoo im Bett Im Kopfkissen lauert der Pilzcocktail

Keimbeladen statt kuschelig: In Kopfkissen wimmelt es nach dem Befund britischer Mikrobiologen nur so von Pilzsporen. Unter den ungebetenen Bett-Bewohnern sind solche, die Allergien und sogar lebensgefährliche Infektionen auslösen können.

Von Volker Mrasek


An seligen, erholsamen Schlaf ist kaum noch zu denken, wenn man von Ashley Woodcock erfährt, wie sich unsereins des Nachts bettet. Oder besser: worauf wir da genau schlummern. Ganz gleich, ob der Kopf auf einem mit Federn oder mit synthetischen Hohlfasern gefüllten Kissen ruht: Darin gehe es zu "wie in einem kleinen Zoo", sagt der Mediziner von der University of Manchester. Die notorischen Hausstaubmilben, aber auch Bakterien und Pilze - Woodcock spricht von einem "Mini-Ökosystem", das da heimlich in der Schlafunterlage prosperiert, und stellt es sich so vor: "Die Milben laben sich an menschlichen Hautschuppen und sicher auch an den Pilzen, und die Pilze und Bakterien wiederum am Milbenkot."

Pilz Aspergillus fumigatus: In Polyesterkissen an erster Stelle
Fungal Research Trust

Pilz Aspergillus fumigatus: In Polyesterkissen an erster Stelle

Wie bunt - und bedrohlich - es in der Bettwäsche zugeht, legt der Spezialist für Allergien und Lungenkrankheiten jetzt in einer vom Fachmagazin "Allergy" online veröffentlichten Studie dar. Zu den Autoren zählen auch Forscher vom Hope Hospital im englischen Salford. Demnach wimmelt es in Kopfkissen von allen möglichen Pilzen, und darunter sind auch potentiell krankmachende Arten.

Woodcocks Team besorgte sich zehn Kissen aus Privathaushalten, das jüngste seit anderthalb Jahren in Benutzung, das älteste seit über 20. Proben der Füllungen behandelten die Mediziner und Mikrobiologen mit Antibiotika, um vorhandene Bakterien abzutöten, und betteten sie dann eine Woche lang in Kulturschalen mit Nährmedium - um zu sehen, welche Pilzarten in den Bettfedern und -fasern gedeihen. Und ob darunter möglicherweise bekannte Allergieauslöser sind. Der Verdacht lag für Woodcock nahe, denn in Kopfkissen müssten Pilze eigentlich ideale Wachstumsbedingungen vorfinden, spekulierte der Mann aus Manchester: "In einem Jahr rinnen rund hundert Liter Schweiß in ein Kopfkissen, das Milieu ist zudem warm und feucht."

Blätterpilze und gewöhnlicher Kellerschimmel

Volltreffer, kann man da nur sagen. Die Forscher wiesen insgesamt 50 verschiedene Pilzarten nach, und sie zählten bis zu 10.500 Sporen pro Gramm Feder beziehungsweise Faser. Das macht im Höchstfall mehrere Millionen einzelne Pilzindividuen pro Kopfkissen. Selbst die 18 Monate alte Unterlage erwies sich bereits als dicht besiedelt. Aus der Bettwäsche mit synthetischer Füllung ließen sich bis zu 16 verschiedene Pilzarten isolieren, aus Federkissen bis zu 12. Darunter waren diverse Penicillium-Sorten und Hefen, der gewöhnliche Kellerschimmel, aber auch Blätterpilze und der Auslöser der sogenannten Rohfäule ("Botrytis") im Weinberg.

Kissenbewohner Aspergillus: Lebensbedrohliche Komplikationen
Fungal Research Trust

Kissenbewohner Aspergillus: Lebensbedrohliche Komplikationen

Alarmiert ist Woodcock aber vor allem von die Präsenz von Aspergillus fumigatus, des rauchgrauen Gießkannenschimmels. In den Kissen mit Polyester-Füllung rangierte diese Spezies an erster Stelle. Unter allen bekannten Pilzarten wird ihr das größte Allergie auslösende Potential zugeschrieben. Außerdem ist Aspergillus fumigatus der häufigste Erreger von Schimmelpilzinfektionen der Lunge und Nasennebenhöhlen. Eine solche "Aspergillose" kann zu lebensbedrohlichen Komplikationen bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem führen. Dazu gehören unter anderem Aids- und Leukämiekranke wie auch Patienten nach einer Organtransplantation.

Von den Aspergillen im Bettzeug könne insofern eine echte Gefahr ausgehen, glaubt Ashley Woodcock: "Wenn auch nicht für gesunde Menschen." Der Mikrobiologe Geoffrey Scott sieht ein Risiko "insbesondere für Patienten, die gerade aus dem Krankenhaus entlassen wurden". Klinik-Bettwäsche stecke in aller Regel in Plastikhüllen. "Daheim aber sind die Kopfkissen möglicherweise schon lange in Gebrauch und verkeimt", so der Vorsitzende der Stiftung Fungal Research Trust, die die neue Studie finanziert hat.

Tiefer Zug aus der Pilzwolke?

Dass die Aspergillen aus den Kissen in die Raumluft übertreten und beim Zubettgehen eingeatmet werden, steht für Lungenfacharzt Woodcock außer Frage. Die Sporen seien lediglich zwei Mikrometer groß. Daher passten sie problemlos durch die üblichen Kissenhüllen. Doch wie stark die Exposition tatsächlich ist, ob das Haupt von Otto Normalschläfer nachts womöglich in einer wahren Pilzwolke ruht, das müsse erst noch genau ermittelt werden, sagt Woodcock. Und zwar durch Messungen der Keim-Konzentrationen in der Zimmerluft. Der Mediziner plant bereits entsprechende Folgeexperimente: "Ich wäre sehr überrascht, wenn sich Kopfkissen dann nicht als bedeutende Quelle von gesundheitsschädlichen Pilzen herausstellten."

Aspergillus-Pilz: Der Schädling passt problemlos durch Kissenhüllen
Fungal Research Trust

Aspergillus-Pilz: Der Schädling passt problemlos durch Kissenhüllen

Gewissheit gibt es also noch keine, allenfalls in der Bewertung der unterschiedlichen Kissenfüllungen. "Es wird immer gesagt, aus hygienischen Gründen solle man lieber Bettwäsche aus Kunstfasern benutzen, doch das ist offenkundig falsch", sagt Studienfinanzier Scott. Gemessen an der Sporenzahl sei gerade Aspergillus fumigatus in Polyester-Kopfkissen häufiger anzutreffen als in fedrigen. Laut Woodcock gibt es überdies ältere Befunde, "aus denen wir wissen, dass synthetische Kissen rund zehnmal mehr Allergene von Hausstaubmilben enthalten als Federkissen".

Wozu sie verunsicherten Verbrauchern nun raten sollen, wissen die Forscher nicht so recht. Steppbetten durch Decken und Laken ersetzen? Ständig neue Kissen kaufen? Oder, sofern man gesund ist, einfach das Nachtlager weiter wie bisher mit dem unsichtbaren Pilz-Zoo teilen? Mikrobiologe Scott schlägt die vermutlich praktikabelste Lösung vor: "Man kann ja auch Federbetten reinigen lassen. Vielleicht sollte man das öfter mal tun!"



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