Zu viele Hormone: Warum Männer zu Autismus neigen

Britische Forscher halten das männliche Hormon Testosteron für den Verursacher von Autismus. Sie hatten bei autistischen Kindern vor deren Geburt einen erhöhten Testosteronspiegel im Mutterleib gemessen.

Autistische Kinder: Eine Frage der Hormone?
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Autistische Kinder: Eine Frage der Hormone?

Rationalität gepaart mit Gefühlskälte und übersteigerter Selbstfixiertheit - so in etwa werden Autisten beschrieben. Weil Autismus bei Männern drei bis fünf Mal häufiger auftritt als bei Frauen, wird die Erkrankung mitunter auch als extreme Form männlichen Denkens und Verhaltens interpretiert. Neue Erkenntnisse des britischen Psychologen Simon Baron-Cohen stützen diese These nun auf überraschende Weise.

Das Team um Baron-Cohen von der University of Cambridge hatte in einer Studie 70 Kinder untersucht, von denen gleichzeitig Fruchtwasseranalysen aus der Schwangerschaft vorlagen. Dadurch war es den Forschern möglich, die Hormonkonzentrationen in den Föten zu bestimmen, berichtet die Newssite BBC Online.

Als die Kinder das Alter von vier Jahren erreichten, mussten ihre Eltern einen Fragebogen ausfüllen, in dem es um Verhaltensauffälligkeiten ging, die mit Autismus in Zusammenhang stehen.

"Die Kinder mit erhöhten Testosteronwerten hatten größere Probleme, sich in neue soziale Gruppen einzufügen", berichtete Baron-Cohen auf dem Jahrestreffen der British Psychological Society.

Kinder mit hohen Werten des männlichen Hormons erwiesen sich weniger neugierig als andere Probanden. Obwohl diese Kinder nicht als Autisten einzustufen seien, legten die Ergebnisse der Studie einen Zusammenhang zwischen Testosteron bei Föten und autistischen Zügen nahe, hieß es.

Schon seit Jahren rätseln Mediziner und Psychologen über die Ursachen von Autismus. Die Erkrankung manifestiert sich mitunter schon vor dem dritten Lebensjahr. Die Kinder meiden Blick- und Körperkontakt, ziehen sich zurück und kapseln sich regelrecht ein. Das Phänomen tritt auch bei Erwachsenen auf. Diese sind unfähig, soziale Beziehungen aufzubauen oder Mitgefühl zu entwickeln. Autismus tritt in verschiedenen Formen und verschieden stark ausgeprägt auf.

Als Konsequenz seiner Ergebnisse bezeichnete Baron-Cohen Autismus als "eine extreme Variante des männlichen Gehirns". Die Studie beweise, dass die Geschlechter verschieden seien. "Es geht nicht darum zu sagen, die eine Person ist besser als eine andere", betonte der Psychologe.

Forscher haben Testosteron als Autismus-Ursache schon länger im Visier. Auf die Idee dazu brachten sie Studien mit "Inselbegabten", die früher auch unfreundlich "idiots savants" genannt wurden. Diese Wunderdenker, die Dutzende Sprachen beherrschen, über Zehntausende von Jahren für jedes Datum den Wochentag berechnen, sind in der Regel gleichzeitig Autisten.

Die Fähigkeiten, mit denen sie brillieren, sind mathematischer, musikalischer oder zeichnerischer Natur - allesamt Dinge, die von der rechten Gehirnhälfte gesteuert werden. Neurobiologen vermuteten deshalb, dass die rechte Gehirnhälfte bei "Savants" Defizite der linken Gehirnhäfte kompensiert.

Als Ursache galt eine Testosteron-Vergiftung in der Embryonalentwicklung. Weil die linke Gehirnhälfte sich langsamer entwickelt und gleichzeitig sensibel auf Testosteron reagiert, könnten erhöhte Werte des männlichen Hormons für die Schädigung der linken Hemisphäre verantwortlich sein - so die bisherige Hypothese. Die neue Studie des Briten Baron-Cohen bestätigt diese Annahme. Einen echten Beweis liefert sie jedoch noch nicht, dafür ist die Datenbasis von 70 untersuchten Kindern schlicht zu klein.

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