Vatikanische Dokumente: Abstieg ins Geheimarchiv der Päpste

Von Marco Merola

Was wird seit 400 Jahren hinter den Türen des Vatikanischen Geheimarchivs gehortet? "National Geographic" durfte die sagenumwobenen Regalkilometer erkunden - und fand Schätze von unermesslichem Wert. Sie künden von erbitterten Kämpfen und Entdeckungen, die die Welt veränderten.

Hätte der Cortile della Pigna einen durchsichtigen Boden, wäre dieser Hof in den Vatikanischen Museen einer der meistfotografierten Orte der Welt. Anstatt schnellen Schrittes in Richtung Sixtinische Kapelle zu eilen, würden die Besucher innehalten und das Labyrinth aus Bücherregalen bestaunen, das sich unter ihnen ausbreitet. Hier schlägt das Herz des Archivio Segreto Vaticano: des Vatikanischen Geheimarchivs.

"Bunker" nennen die Angestellten den Kubus aus Stahlbeton, der Schätze von unermesslichem Wert birgt: päpstliche Register, Rechnungsbücher römischer Adelsfamilien, Aktenbündel. Millionen Daten, Namen und Fakten. Geschichten von Päpsten und Kriegen, von Entdeckungen, die die Welt veränderten, von erbitterten Kämpfen zwischen frommen Katholiken und gefährlichen Ketzern.

Die offizielle Geschichte des Archivio Segreto Vaticano beginnt im Jahr 1612, als Papst Paul V. das Archiv gründet (anlässlich dieses Jubiläums sind bis zum 9. September einige der wertvollsten Dokumente in der Ausstellung "Lux in Arcana" in den Kapitolinischen Museen zu sehen). Die inoffizielle Geschichte setzt weit früher ein. Die teilweise stark vergilbten Bögen auf dem Schreibtisch des Präfekten bestätigen dies. Es sind Anfragen an den Papst, einige davon aus dem 16. Jahrhundert, mit der Bitte um Einsichtnahme in Dokumente aus dem Archivum Secretum. Die Bezeichnung "Geheimarchiv" ist jedoch irreführend, das lateinische Secretum bedeutet in diesem Zusammenhang "zur alleinigen Verfügung" des Papstes.

Auf Dauer bleibt hier nichts verborgen

Die Kirche erkannte die Notwendigkeit, ihre Geschichte zu dokumentieren, bereits zu einer Zeit, als der christliche Glaube noch verfolgt wurde. Nach dem Toleranzedikt von Kaiser Konstantin I. und der Gleichstellung des Christentums durch die sogenannte Mailänder Vereinbarung (313) begann sie, liturgische Texte und andere Dokumente zu sammeln. Aus dieser Epoche sind allerdings keine Schriftstücke erhalten. Die frühesten im Archivio Segreto verwahrten Werke stammen aus dem 8. und 9. Jahrhundert.

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Vatikan-Archiv: Blick in die Tiefen der Kirchengeschichte
Wenn das Archiv auch das Wort "geheim" im Namen trägt, auf Dauer bleibt hier nichts verborgen. Wie in allen Staatsarchiven werden die Unterlagen erst mit einem gewissen Zeitabstand zu den betreffenden Ereignissen zugänglich gemacht. Der Vatikan geht dabei nach Pontifikaten vor: Derzeit sind die Akten aus der Ära Pius' XI. bis zum Februar 1939 verfügbar. Das kontrovers diskutierte Amt von Pius XII. wartet noch auf eine Offenlegung. Es umfasst die Jahre des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust sowie des Kalten Krieges.

Alessandro Rubechini und Maurizio Vinelli sind erfahrene Restauratoren. Während der eine mit beiden Händen den Abschnitt einer riesigen Schriftrolle vorsichtig an den Rändern hält, bringt der andere mit einer UV-Lampe verblasste Tinte zum Vorschein. Rubechini und Vinelli untersuchen ein einmaliges Dokument: Protokolle der Templerprozesse (1307 bis 1312) unter dem Pontifikat von Papst Clemens V. Den Tempelrittern wurde vorgeworfen, Gott verlassen und Dämonen angebetet zu haben. Nach mehr als fünf Jahren endete das Verfahren mit der Auflösung des Ordens, aber ohne offiziellen Schuldspruch. Die Aufzeichnungen über den Prozess sind entsprechend umfangreich. Der Rotulus besteht aus 80 zusammengenähten Pergamenten und ist 56 Meter lang. Die Hauptaufgabe der Restauratoren bestand darin, das Wachstum von Bakterien zu stoppen, die die Pergamente mit einer violetten Schicht überziehen. Gleichzeitig überprüften sie bereits ausgebesserte Stellen.

"Der Film 'Illuminati' hat uns viel Arbeit beschert"

Zu den Dienstleistungen des Archivs gehört es auch, dass Mitarbeiter täglich Dutzende von E-Mails und Briefen beantworten. "Der Film 'Illuminati' nach dem Buch von Dan Brown hat uns viel Arbeit beschert", merkt Marco Grilli, der Sekretär des Präfekten Bischof Sergio Pagano, scherzhaft an. "Wir haben Hunderte von Besuchsanfragen erhalten. Die Leute glaubten alle, hier irgendwelche Geheimnisse finden zu können." Selbst einige Jahre später verlangen viele noch Auskünfte über den Heiligen Gral und die Tempelritter. Immer wieder wird auch um Beglaubigungsschreiben für die Aufnahme in Ritterorden gebeten.

"Einmal hat uns jemand die Fotografie eines Verwandten zukommen lassen", erzählt Grilli. "Seinen Angaben zufolge stand die abgebildete Person in enger Verbindung zu Papst Leo XIII. und war - so hieß es - gar ein wichtiger Vertreter der päpstlichen Verwaltung." Die Nachforschungen ergaben schließlich, dass es sich um einen facchino di camera e scopatore segreto, also um einen "päpstlichen Kammerdiener und Auskehrer" handelte. Auch solche kleinen Geheimnisse sind in diesem sagenumwobenen Archiv verborgen. Und noch viel mehr.

Die ungekürzte Fassung dieses Textes stammt aus National Geographic Deutschland, Ausgabe April 2012, www.nationalgeographic.de .

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insgesamt 58 Beiträge
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1. alle Missetaten
Meckerliese 14.04.2012
Die ganzen Unterlagen über die Missetaten der Kirche über die Jahrhunderte. z.B. die Hexenprozesse. Die gehören mal ans Tageslicht damit einigen Leuten mal ein Licht aufgeht. Die Menschheit ist so blöd und glaubt alles was die Pfaffen aus Rom uns anlügen.
2. Also mal ganz ehrlich
theodorheuss 14.04.2012
Zitat von MeckerlieseDie ganzen Unterlagen über die Missetaten der Kirche über die Jahrhunderte. z.B. die Hexenprozesse. Die gehören mal ans Tageslicht damit einigen Leuten mal ein Licht aufgeht. Die Menschheit ist so blöd und glaubt alles was die Pfaffen aus Rom uns anlügen.
ich bin kein Katholik, aber mal reinzulesen was seit dem Mittelalter so an Entwicklungen stattgefunden hat in der Gesellschaft Europas. Und Damals waren die Menschen ganz sicher sehr fixiert auf den Glauben und die Kirche. Wie diese Entwicklung gelaufen ist, ja das würde mich interessieren. Und dann noch das Geheime Extra der Vatikanischen Bibliothek. Leider würde ich kein Wort der Alten Sprachen verstehen. Aber auf jeden Fall eine absolut interessante Materie!
3. Nicht nur Rom...
Jonny_C 14.04.2012
Zitat von MeckerlieseDie ganzen Unterlagen über die Missetaten der Kirche über die Jahrhunderte. z.B. die Hexenprozesse. Die gehören mal ans Tageslicht damit einigen Leuten mal ein Licht aufgeht. Die Menschheit ist so blöd und glaubt alles was die Pfaffen aus Rom uns anlügen.
...und ich wiederhole mich gern: Die sogenannten Propheten hatten keine Visionen, sonder litten unter Dehydrierung ! Trotzdem ist das Geheimarchiv bestimmt ein spannender Ort, geschichtlich betrachtet. Leider ist mein Latein eher naja....
4.
akeley 14.04.2012
Wer weiß schon, wie viele Dokumente aus verschiedensten Gründen vernichtet wurden. Sei es, um interne Machtgeplänkel zu verschleiern oder Geschichtsklitterung zu betreiben, oder auch einfach nur versehentlich oder durch "höhere Gewalt". Vieles wird für immer Spekulation bleiben.
5. Hexenprozesse
widower+2 14.04.2012
Zitat von MeckerlieseDie ganzen Unterlagen über die Missetaten der Kirche über die Jahrhunderte. z.B. die Hexenprozesse. Die gehören mal ans Tageslicht damit einigen Leuten mal ein Licht aufgeht. Die Menschheit ist so blöd und glaubt alles was die Pfaffen aus Rom uns anlügen.
Ich gehöre zwar immer zu den ersten, die bereit sind, verbal auf die katholische Kirche einzudreschen und diese hat wahrlich eine Menge schrecklicher Verbrechen zu verantworten. Ihr Beispiel mit den Hexenprozessen ist allerdings etwas unglücklich, weil auf diesem Gebiet die Protestanten und die weltlichen Gerichte wesentlich "fleißiger" waren.
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Gekürzte Fassung aus National Geographic Deutschland, Ausgabe April 2012, www.national-geographic.de.