Ausgegraben

Zuger "Pfahlbaubrot" Angebliches Steinzeitgebäck erweist sich als Kothaufen

Stein, Brot? Nein, Kot! Die runde Versteinerung aus Zug wurde zur Attraktion
Museum für Urgeschichte(n)

Stein, Brot? Nein, Kot! Die runde Versteinerung aus Zug wurde zur Attraktion


Eine runde Versteinerung wurde im Schweizer Ort Zug zur Attraktion - ein Archäologe hatte ein Brot aus der Jungsteinzeit entdeckt. Bäcker buken die vermeintliche Sensation sogar nach, ein Verkaufsschlager. Leider gibt es einen Haken.

Im Sommer 1997 findet ein Archäologe beim Einrichten des Museums für Urgeschichte(n) im Schweizer Zug in einer Kiste mit Steinen scheinbar ein Brötchen. Zumindest hält er das Objekt für ein solches. Es hat die richtige Form und ist auch deutlich leichter als ein gewöhnlicher Stein. Seitdem liegt das "älteste Brot aus dem Kanton Zug" in einer Vitrine und erfreut sich der Beliebtheit der Museumsbesucher.

Ursprünglich stammt der Fund aus einer Siedlung am Ufer des Zugersees. Dort war der Untergrund so nass, dass die Siedler ihre Häuser auf Pfähle bauten. Vor drei Jahren erst wurden die "Prähistorischen Pfahlbauten um die Alpen" - darunter auch die vom Zugersee - von der Unesco zum universellen Erbe der Menschheit erklärt.

Um die Aufnahme der Pfahlbauten ins Unesco-Welterbe zu würdigen, lancierte das Amt für Denkmalpflege und Archäologie im Frühling 2014 mit dem Zuger Bäcker- und Confiseurmeister-Verein ein "Pfahlbaubrot". Vorbild: das verkohlte "Brötchen" vom Seeufer.

Überraschung unterm Mikroskop

Die Aktion wird ein voller Erfolg: "Das 'moderne' Zuger Pfahlbaubrot schmeckt sehr gut. Natürlich ist es dem modernen Geschmacksempfinden angepasst", berichtet Museumsmitarbeiterin Dorothea Hintermann. "Es ist auf Dinkelbasis hergestellt und enthält ganze Haselnüsse. Ich esse es tatsächlich auch privat regelmäßig."

Verkaufsschlager "Pfahlbaubrot": Auf Dinkelbasis, mit Haselnüssen
Museum für Urgeschichte(n)

Verkaufsschlager "Pfahlbaubrot": Auf Dinkelbasis, mit Haselnüssen

Dinkel und Haselnüsse waren bereits zu Zeiten der Pfahlbauer - in der Jungsteinzeit und der Bronzezeit - beliebte Nahrungsmittel. Es ist also nur wahrscheinlich, dass sie auch ihr Brot daraus buken.

Seit Ende März läuft im Museum die Sonderausstellung "Einfach tun - Archäologie vom Experiment zum Erlebnis". Eines der zentralen Ausstellungsstücke ist das Zuger Teigteilchen. Doch dazu wollte man natürlich etwas mehr über das gute Stück wissen. Was kneteten die Pfahlbauer tatsächlich in den Teig?

Eine Analyse an der Universität Wien sollte Klarheit darüber bringen, mit welchen Zutaten er hergestellt und wie das Brot gebacken wurde. Doch als der Gebäckspezialist Andreas Heiss die Semmel unter das Mikroskop legt, sucht er vergeblich nach der typisch blasigen Struktur von Brotteig. Auch Kleiefragmente, wie sie in jedem Brötchen zu finden sind, fehlen in diesem.

Statt dessen entdeckt Heiss in der Vergrößerung nur zusammenklebende Pflanzenfragmente. Diese Struktur ist ganz charakteristisch. Es handelt sich um: Kot. Das Zuger Brötchen ist in Wirklichkeit ein sogenannter Koprolith, der versteinerte Dunghaufen eines Pflanzen- oder Allesfressers. "Das bringt unser Weltbild vorübergehend etwas ins Wanken", gestehen die Ausstellungsmacher auf ihrer Webseite.

Die Zuger nehmen es gelassen

Doch das Kot-Brot sollte noch für weitere Überraschungen sorgen. Die genauen Fundumstände sind ja nicht bekannt - das Stück stammt schließlich nur aus der Kiste mit losen Steinen. Also schickte das Museum es als Nächstes ins "Laboratoriet för 14C-datering" im schwedischen Lund, um sein Alter bestimmen zu lassen.

Die C14-Datierung ergab: Der Haufen stammte keineswegs aus der Jungsteinzeit, sondern wurde bereits deutlich vorher abgelegt. Er ist schon 12.000 Jahre alt und damit mittelsteinzeitlich. Kann das stimmen?

Das Museum möchte sich gern noch eine zweite Meinung einholen und lässt das "Laboratory of Ion Beam Physics" an der ETH Zürich derzeit das Häuflein erneut untersuchen. "Zudem stellt sich ja noch die Frage nach dem Verursacher des Dungs", schließt Hintermann. "Auch der wird momentan nachgegangen, und zwar am Institut für Prähistorische und Naturwissenschaftliche Archäologie der Universität Basel."

Die Zuger nehmen es gelassen. Das "Pfahlbaubrot" bleibt weiterhin im Sortiment der Bäckereien - denn die Nachfrage nach dem Dinkelbrot ist nach Bekanntwerden der Untersuchungsergebnisse weiterhin groß.



Diskutieren Sie mit!
24 Leserkommentare
SGE1899 06.06.2014
HeisseLuft 06.06.2014
wolfgangrainer 06.06.2014
ugt 06.06.2014
nyn 06.06.2014
kontinent 06.06.2014
Ambrosicus 06.06.2014
phboerker 06.06.2014
Pless1 06.06.2014
falsche9 06.06.2014
brille000 06.06.2014
wauz 06.06.2014
poguttke 06.06.2014
Körndlmaus 06.06.2014
wauz 06.06.2014
roulaison 06.06.2014
rudlith 06.06.2014
Loddarithmus 06.06.2014
rreniar 06.06.2014
monika4564 07.06.2014
M. Michaelis 07.06.2014
M. Michaelis 07.06.2014
stereotyp72 08.06.2014
roklu 09.06.2014

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.