Zukunft der US-Forschung Wissenschaftler fürchten Palins Energiepolitik

Verlieren die USA ihre Führungsrolle in der Wissenschaft? Forscher blicken bang auf die kommenden Wochen: Die Finanzkrise gefährdet Etats und könnte die Wahlversprechen der Präsidentschaftskandidaten zunichte machen. Und nun droht Sarah Palin auch noch, die Energiepolitik zu kapern.

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Mit dem US-Wahlkampf hat der Countdown zum Ende der Ära Bush begonnen - und die Erleichterung war unter US-Wissenschaftlern geradezu greifbar. "Wer wird den Krieg gegen die Wissenschaft beenden?", titelte etwa das Magazin "New Scientist" über Fotos des demokratischen Präsidentschaftsbewerbers Barack Obama und seines republikanischen Gegners John McCain. Die implizite Botschaft: Nach acht Jahren der Gängelung von Wissenschaftlern, der Hörigkeit gegenüber Öl-Lobbyisten und religiösen Eiferern, der Leugnung des Klimawandels und der Missachtung seriöser Studien kann es nur besser werden im Weißen Haus. Egal, wer Präsident wird.

Doch inzwischen ist man sich nicht mehr so sicher. Spätestens seit McCain Sarah Palin zu seiner Vize-Kandidatin auserkoren hat, schwant manchem Forscher: Schlimmer geht's immer. Und jetzt droht die Wirtschaftskrise, alle milliardenschweren Wahlkampf-Versprechen der beiden Bewerber von vornherein nichtig zu machen.

Wie es weitergehen wird, ist derzeit offen. Denn weder Obama noch McCain haben ihre Stellungnahmen zur Wissenschaftspolitik bisher den neuen Gegebenheiten angepasst. Was sie bisher planten, hat die Online-Initiative " Sciencedebate 2008" veröffentlicht. Sie ist mittlerweile zum Zentralorgan in der Diskussion um die künftige US-Wissenschaftspolitik avanciert und konnte nach eigenen Angaben binnen weniger Wochen rund 38.000 Mitglieder gewinnen - darunter Wissenschaftler, Ingenieure, praktisch jeder größere Forscherverband, mehr als 100 Universitätspräsidenten und Dutzende Nobelpreisträger.

Obama antwortete bereits Ende August öffentlich auf einen 14-teiligen Fragenkatalog der Initiative. McCain zierte sich zunächst. Selbst eine ähnliche Anfrage des altehrwürdigen Wissenschaftsmagazins "Nature" hatte er zuvor, anders als Obama, abgelehnt. Doch nach immer lauter werdender Kritik antwortete er dann doch.

Nur: Die Stellungnahmen von McCain sind inzwischen vier, die von Obama sechs Wochen alt - und wirken dadurch teilweise wie aus einer anderen Welt:

  • Energie: Obama will 150 Milliarden Dollar über einen Zeitraum von zehn Jahren in die Erforschung und Entwicklung alternative Energien investieren. McCain möchte dagegen den Bau von 45 neuen Atomreaktoren vorantreiben. Bei der Entwicklung alternativer Energien sieht er die Regierung eher in einer begleitenden und ermutigenden Rolle gegenüber der Industrie.
  • Weltraum: Die Nasa ist ein wichtiges Wahlkampfthema. McCain will die Amerikaner "zum Mond, zum Mars und darüber hinaus" bringen. Ganz anders Obama: Er möchte die Nasa buchstäblich auf den Erdboden zurückholen. Die Weltraumbehörde soll "bei der Bewältigung der Herausforderungen hier auf der Erde wieder eine führende Rolle spielen", etwa beim Klimawandel und der Unabhängigkeit in der Energieversorgung. Es wäre eine deutliche Abkehr von der Richtung, die George W. Bush der Nasa vorgegeben hat. Sie führte etwa dazu, dass die Nasa den Passus "unseren Heimatplaneten zu verstehen und zu beschützen" aus ihrem "Mission Statement" gestrichen hat.
  • Innovation: Obama will die Staatsausgaben für Grundlagenforschung innerhalb eines Jahrzehnts verdoppeln. Außerdem möchte er "allen Amerikanern" einen Breitband-Internetzugang ermöglichen. McCain verspricht - ganz im Stil des Wirtschaftsliberalen - "große Kapitalpools, niedrige Steuern und Anreize für Forschung" und die Abschaffung "belastender Regulierung".
  • Bildung: Beide Kandidaten treten für eine qualitativ hochwertige Ausbildung ein. McCain will 250 Millionen Dollar in Online-Bildungsprogramme in den einzelnen US-Bundesstaaten stecken.
  • Nationale Sicherheit: Obama will die USA "auf den Weg" zu einer Verdopplung der Ausgaben für Verteidigungs-Grundlagenforschung bringen. McCain ist an dieser Stelle weniger konkret und spricht lediglich davon, dass die USA ihre führende Rolle behaupten sollten.
  • Klimawandel: Sowohl Obama als auch McCain erkennen an, dass der Mensch für die globale Erwärmung zumindest mitverantwortlich ist. Obama will den Kohlendioxidausstoß der USA bis zum Jahr 2050 um 80 Prozent gegenüber dem Vergleichsjahr 1990 senken, McCain um 60 Prozent.
  • Stammzellenforschung: Hier ist offenbar mit einer Lockerung der bisherigen Restriktionen in den USA zu rechnen, egal wer die Wahl gewinnt. Beide Kandidaten haben angekündigt, dass sie die bislang verbotene staatliche Finanzierung der Forschung mit embryonalen Stammzellen unterstützen würden.
  • Integrität der Wissenschaft: Beide Kandidaten versprechen, die Meinung seriöser Wissenschaftler wieder stärker zu berücksichtigen - eine implizite Kritik an Noch-Präsident Bush. McCain sprach sich dafür aus, im Weißen Haus weiterhin einen wissenschaftlichen Berater zu beschäftigen. Obama antwortete wesentlich ausführlicher; er will gleich einen ganzen Beraterstab einführen und die Position eines "Chief Technology Officer" schaffen, einer Art technologischen Schaltstelle zwischen den Bundesbehörden.

Ob die beiden Kandidaten heute auf die gleichen Fragen dieselben Antworten geben würden, erscheint höchst fraglich - insbesondere was die teils großzügigen Versprechen staatlicher Investitionen betrifft. Der Paläoanthropologe Richard Leakey etwa warnte am Donnerstag vor "verheerenden" und Jahre andauernden Konsequenzen der Wirtschaftskrise.

Ein großer Teil des Geldes für die Forschung stamme von vermögenden Philanthropen, Stiftungen und privaten Unternehmen - und die Krise werde diese Gruppen voraussichtlich hart treffen. Deshalb sei mit "dramatischen Einschnitten" bei der Forschungsförderung in vielen Ländern zu rechnen, sagte Leakey, der in den siebziger und achtziger Jahren durch die Entdeckung spektakulärer Vormenschen-Fossilien in Afrika berühmt wurde.

Enttäuschung über McCains Wandel

Was das Wahlverhalten der US-Akademiker betrifft, sieht es derzeit kaum nach steigenden Chancen für McCain aus. Ohnehin neigt die Mehrheit der US-Forscher traditionell eher den Demokraten zu. Nach Angaben der "New York Times" bekommt die Partei etwa von Medizinern doppelt so viel Spenden wie die Republikaner. Bei Entscheidungsträgern in der Technologiebranche betrage das Verhältnis gar fünf zu eins.

McCain hätte durchaus die Chance gehabt, die Gewichte zu verschieben. Er war einer der wenigen in seiner Partei, die die Verantwortung des Menschen für den Klimawandel anerkannten und eine drastische Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen forderten. Er brachte sogar gemeinsam mit dem Demokraten John Kerry einen Gesetzentwurf zur Senkung des Spritverbrauchs ins Parlament ein.

Doch das ist längst vorbei. Inzwischen lautet auch McCains energiepolitisches Credo, das auf nahezu jeder Wahlkampfveranstaltung skandiert wird: "Drill, Baby, Drill!" Er ist jetzt ebenfalls für Ölbohrungen vor den Küsten der USA, und er hat nach den ersten drastischen Benzinpreiserhöhungen eine Aussetzung der Mineralölsteuer verlangt. "Deshalb ist John McCain bisher eine solche Enttäuschung", hieß es jüngst in einem Leitartikel der "New York Times". "Eine Nation, die ein Viertel des Öls der Welt verbraucht und nur drei Prozent von dessen Reserven besitzt, kann sich nicht zu Glück und Autarkie bohren."

Enthaltsamkeit statt Aufklärung

Auf Staunen, mitunter auch ungläubiges Entsetzen stieß unter Wissenschaftlern, dass McCain mit Sarah Palin eine Vize-Kandidatin auserkoren hat, die sich im Biologieunterricht an staatlichen Schulen die biblische Schöpfungslehre wünscht. Teenager möchte sie im Klassenraum nicht sexuell aufklären, sondern zur Enthaltsamkeit bringen lassen - obwohl das erwiesenermaßen nicht funktioniert. In einem Interview hat Palin - die McCain nach einem Wahlsieg zu seiner "Energieexpertin" machen will - gesagt, Menschen hätten mit dem Klimawandel nichts zu tun.

Dieser Logik folgend, tritt sie noch energischer als McCain für eine starke Nutzung fossiler Energieträger ein. Wie auch McCain nahm sie in ihrer Antrittsrede vor dem Republikaner-Parteitag das Wort "Klimawandel" kein einziges Mal in den Mund. Stattdessen sprach sie davon, "Jobs zu schaffen mit sauberer Kohle" - als ob es die bereits gebe. Wahr ist vielmehr, dass Kohlekraftwerke mit geringem CO2-Ausstoß gerade erst in die Erprobungsphase eingetreten sind und frühestens im Jahr 2020 marktreif sein werden.

"Die Ansichten von Gouverneurin Palin sind in alarmierender Weise realitätsfremd", kommentierte die "New York Times". McCains Entscheidung, sich Palins Standpunkte zu Eigen zu machen, sei "nicht weniger alarmierend". Die Möglichkeit, dass McCain die Wahl gewinnt und dann aus Gesundheitsgründen das Amt vorzeitig an Palin übergeben muss, trägt wenig zur Beruhigung bei.

Auch Alan Leshner, Geschäftsführer des weltgrößten Wissenschaftlerverbands AAAS, sieht die Situation mit Unbehagen. "Es ist natürlich unmöglich zu sagen, wie die Positionen der Kandidaten sich bis zum Wahltag noch verändern werden, auch unter dem Einfluss der Vizepräsidentschaftskandidaten", sagte Leshner zu SPIEGEL ONLINE. Obamas designierter Stellvertreter Joe Biden war bisher "für die Forschung und für wissenschaftsbasierte Politik immer eine große Hilfe". Und Palin? "Wir kennen sie nicht", so Leshner. "Aber viele ihrer öffentlichen Aussagen sind ein Grund zur Sorge."

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