Zurück in die Vergangenheit Frischer Wind für Zeitreisen-Theorie

Sie sind ein alter Menschheitstraum: Reisen durch die Zeit, in die Zukunft und vor allem in die Vergangenheit. Jetzt hat ein Forscher eine Theorie vorgestellt, die eine der bisherigen Schwierigkeiten von Reisen in frühere Epochen überwindet.

Von Henning Krause


Die Prüfung war schlecht gelaufen. Als der junge Mann das Klassenzimmer verließ, ärgerte er sich. Hätte er die Fragen der mündlichen Abiturprüfung vorher gewusst, hätte er die Antworten lernen können. Gäbe es doch bloß eine Zeitmaschine! Mit seinem jetzigen Wissen könnte er bei einem erneuten Versuch eine glatte Eins machen. Doch Zeitreisen in die Vergangenheit gibt es nur in Science-Fiction-Geschichten, nicht in der Realität. Oder doch?

Wissenschaftler diskutieren schon seit langem die Möglichkeiten von Zeitreisen. Der israelische Physiker Amos Ori hat nun ein neues theoretisches Modell, das einer Zeitmaschine nahe kommt, in der Fachzeitschrift "Physical Review" vorgestellt. Damit könnten zukünftige Generationen eventuell in die Vergangenheit reisen, schreibt Ori, Professor für Theoretische Physik am Technion Israel Institute of Technology in Haifa. Zwar liefert er keine fertige Bauanleitung für eine Zeitmaschine, doch hat er eine bislang vorhandene Hürde hin zum Zeitreisen übersprungen.

Reisen in die Zukunft sind im Prinzip möglich - siehe Zwillingsparadoxon (Kasten oben). Nicht so einfach verhält es sich mit Zeitreisen in die Vergangenheit, denn die Zeit fließt immer nur in eine Richtung. Einstein zufolge ist sie auch unmittelbar an den dreidimensionalen Raum gekoppelt. Physiker sprechen von der Raumzeit und zeichnen zur Veranschaulichung Gitterflächen an ihre Tafeln. Eine Koordinate ist dabei die Zeit.

Dass die Relativitätstheorie Rückwärtsreisen in der Zeit nicht explizit verbietet, hatte der österreichische Mathematiker Kurt Gödel schon vor 60 Jahren bewiesen. "Zeitreisen sind denkbar, indem man die Raumzeit verbiegt", sagt Rainer Schimming, Mathematiker an der Universität Greifswald. Dabei können sogenannte Wurmlöcher entstehen, die Sprünge zu anderen Zeitpunkten erlauben (siehe Kasten).

Doch die Probleme, ein solches Wurmloch zu finden oder zu erzeugen, es zu stabilisieren und sicher nutzen zu können, scheinen unüberwindbar zu sein. Eine der vielen noch ungelösten Schwierigkeiten ist, dass die theoretischen Modelle eine sogenannte exotische Materie verlangen, die eine negative Dichte haben soll. Selbst für Physiker ist das schwer vorstellbar. "Außerdem verursachen Wurmlöcher immer eine komplizierte Raumzeit-Geometrie", sat Schimming.

Ein neues Universum

Ähnliche Abkürzungen wie Wurmlöcher nutzt auch der israelische Physiker Ori in seiner Theorie. Dazu hat er ein eigenartiges Universums ersonnen. "Meine Ausgangsfrage war: Ist es möglich, die Raumzeit so zu krümmen, dass sich Zeitschleifen bilden?", sagte Ori zu SPIEGEL ONLINE. "Dabei fand ich heraus, dass wir die bislang für nötig gehaltene exotische Materie mit ihrer negativen Dichte gar nicht benötigen."

Oris Beschreibung klingt fantastisch: "Wenn jemand eine Zeitreise unternehmen will, muss er sich entlang einer Zeitschleife der gebogenen Raumzeit bewegen." Physiker sprechen von sogenannten geschlossenen zeitartige Kurven in der Raumzeit. So lautet der wissenschaftliche Ausdruck für Reisen durch die Zeit.



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