Zurückgehaltene Studie CO2-Ausstoß der Luftfahrt könnte dramatisch steigen

Die Klimabelastung durch die Luftfahrt könnte deutlich höher ausfallen. Das legt ein Papier nahe, das Forscher aus Europa und den USA erstellt haben - und das monatelang in der Schublade verschwand. Nun ist der alarmierende Bericht an die Öffentlichkeit gelangt.

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Flugzeug über Frankfurt (2006): "Überzeugt davon, dass dieser Bericht bewusst zurückgehalten wurde""
AP

Flugzeug über Frankfurt (2006): "Überzeugt davon, dass dieser Bericht bewusst zurückgehalten wurde""


Es war eine Fleißarbeit. Mit insgesamt vier Modellen hatte sich ein knappes Dutzend Wissenschaftler aus Europa und den USA daran gemacht, den CO2-Ausstoß der weltweiten Luftfahrtindustrie zu berechnen. Wie schädlich sind die Flugzeuge wirklich fürs Klima, so lautete ihre Frage. Zur Antwort entwickelten sie CO2-Vorhersagen bis ins Jahr 2025, auch für die - vor allem im unmittelbaren Umfeld von Flughäfen wichtigen - Belastungen durch Stickoxide und Lärm stellten die Wissenschaftler detaillierte Prognosen auf. Präsentiert werden sollte die Studie auf einem großen Seminar von Flugkontrolleuren aus den USA und Europa im vergangenen Sommer.

Doch das Papier wurde nicht ins offizielle Vortragsprogramm der Konferenz in Barcelona aufgenommen - und verschwand binnen kurzer Zeit auch von deren Web-Seite. "Ich bin überzeugt davon, dass dieser Bericht bewusst zurückgehalten wurde", sagt Jeff Gazzard von der britischen Organisation Environment Federation im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Die Umweltschützer haben das fast vergessene Papier nun ausgegraben und präsentieren es auf ihrer Internetseite.

Der Inhalt ist brisant: Denn die Forscher, die unter anderem für das US-Transportministerium und die Europäische Flugkontrolle Eurocontrol arbeiten, gehen davon, dass die Luftfahrtindustrie trotz neuer Technologien ihren Klimagasausstoß massiv steigern wird. Dem Bericht zufolge ist für das Jahr 2025 eine globale CO2-Belastung durch den Luftverkehr in Höhe von 1,2 bis 1,5 Milliarden Tonnen zu erwarten, je nachdem welchem der angesetzten Modelle man Glauben schenkt. Bisher liegt die Gesamthöhe der Emissionen bei ungefähr 670 Millionen Tonnen pro Jahr.

Bereits in den vergangenen Jahren ist der Klimagasausstoß durch den Flugzeugverkehr massiv in die Höhe geschnellt: Nach Angaben des Uno-Klimarates IPCC lag die CO2-Belastung im Jahr 1992 beim vergleichsweise niedrigen Wert von 140 Millionen Tonnen. Für die Zukunft hat das IPCC in einem Sonderbericht einen weiteren Anstieg in Aussicht gestellt. Doch selbst die prekärsten Schätzungen der Uno-Experten fallen zurückhaltender aus als die Ergebnisse der Forscher in dem Papier für die Konferenz in Barcelona.

Die Uno-Experten hatten in ihrem mit großem Abstand extremsten Modell eine Menge von 1,03 Gigatonnen CO2 für das Jahr 2025 ausgerechnet. Selbst das nächst konservativere Modell kommt nur auf rund die Hälfte dieses Wertes. Im Gegensatz dazu liegen alle Schätzungen der Forscher im Barcelona-Papier weit darüber. Möglicherweise waren die Nachrichten so schlecht, dass die Organisatoren dem Papier besonders wenig öffentliches Interesse zukommen lassen wollten.

Mehrfach klimaschädlich, bei Kyoto trotzdem nicht dabei

Flugzeuge sind gleich in mehrfacher Hinsicht klimaschädlich. Zum einen stoßen sie CO2 aus, zum anderen auch Stickoxide und Wasserdampf. Und auch die haben negative Folgen. Stickoxide bilden in der Atmosphäre Ozon, das dort als starkes Treibhausgas wirkt. Zwar haben die Stickoxide auch ihr Gutes - sie führen zum Abbau von Methan, einem anderen starken Klimagas. Der Ozoneffekt überwiegt aber. Der Wasserdampf wiederum führt zum Aufbau von Kondensstreifen und hoch in der Atmosphäre schwebenden Eiswolken. Kondensstreifen und Wolken reflektieren von der Erde kommende Wärmestrahlung zurück - und verstärken damit den Treibhauseffekt.

Seit längerer Zeit arbeiten Forscher daran, zu quantifizieren, wie stark die Klimaeffekte der Luftfahrt sind. Es geht unter anderem darum, einen Faktor zu finden, mit dem der CO2-Ausstoß des Fliegers multipliziert werden muss, um die realen Klimafolgen zu ermitteln. Diskutiert werden hier Werte zwischen 1,2 und 4,7, denn in großen Höhen ausgestoßenes CO2 hat eine stärkere Wirkung als in Bodennähe freigesetztes.

Doch auch wenn noch nicht endgültig klar ist, wie hoch dieser Wert tatsächlich liegt, ist klar: Sollten die Forscher in dem nun bekannt gewordenen Gutachten recht behalten, muss sich die Luftfahrtindustrie auf unruhige Zeiten in den kommenden Klimaverhandlungen einstellen. Denn im Kyoto-Protokoll ist der Flugverkehr bislang ausgeschlossen, auch am europäischen CO2-Emissionshandelssystem nehmen die Airlines nicht teil.

Der Druck dürfte steigen, dass sich dies ändert - durch Umweltgruppen wie die von Jeff Gazzard, durch umweltbewusste Verbraucher, aber auch durch andere Industriezweige, die sich mühevoll CO2-Reduktionen abringen müssen. Sie alle werden darauf drängen, dass Erfolge in der Klimapolitik an einer Stelle nicht durch ein rasantes Anwachsen der CO2-Emissionen an anderer Stelle, nämlich im Luftverkehr, zunichte gemacht werden.

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