Ausgegraben

Zwangsinterniert in Idaho Archäologen untersuchen, was nach Pearl Harbor geschah

Knochenfunde: Zwangsinterniert in Idaho Fotos
The Kooskia Internment Camp Archaeological Project

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Nach den Angriffen auf Pearl Harbor internierten die USA "vorsichtshalber" rund 112.000 Japaner in Lagern. Die Archäologin Stacey Camp erforscht dieses dunkle Kapitel der jüngeren amerikanischen Geschichte.

Als am 7. Dezember 1941 feindliche Kampfflieger Pearl Harbor attackierten, lebten auf dem amerikanischen Festland etwa 127.000 Japaner. Die große Mehrheit von ihnen, rund 80.000, hatte das Land ihrer Vorfahren nie gesehen. Sie und oftmals bereits ihre Eltern waren in den USA geboren und besaßen die amerikanische Staatsbürgerschaft.

Doch Woche um Woche wurde nach dem Angriff auf das Hauptquartier der amerikanischen Pazifikflotte die Stimmung aufgeheizter - den "Japs" sei nicht zu trauen. "A Jap's a Jap!" wurde der Anführer der westlichen Streitkräfte, Lieutenant General John L. DeWitt, nicht müde, den Journalisten immer wieder einzutrichtern.

Am 19. Februar unterzeichnete Präsident Franklin D. Roosevelt schließlich die Executive Order 9066, die es den militärischen Befehlshabern erlaubte, "einige oder alle Personen" aus Gegenden zu entfernen, die zu "militärischen Zonen" erklärt wurden. Für 112.000 Japaner, die an der gesamten Pazifikküste in den Staaten Oregon, Washington, Kalifornien und sogar Arizona lebten, bedeutete dieser Erlass die Zwangsumsiedlung in Internierungslager.

Jede Flucht wäre sinnlos gewesen

Eines dieser Lager war Kooskia in den abgelegenen Bitterroot Mountains im US Bundesstaat Idaho. Obwohl die Barracken schon vor ihrer Umfunktionierung zum Internierungscamp als Gefängnis gedient hatten, gab es dort weder Zäune noch Wachtürme. So abgelegen in den nördlichen Rocky Mountains lag Kooskia, dass jede Flucht sinnlos in der Wildnis geendet wäre. Dementsprechend schnell verfielen die Gebäude auch wieder, als das Camp nach Kriegsende aufgelöst wurde.

Als die Anthropologin Stacey Camp von der University of Idaho begann, mit einer archäologischen Ausgrabung dieses Stück amerikanisch-japanischer Geschichte zu untersuchen, zeugten von der Existenz lediglich noch das begradigte Gelände, auf dem einst die Unterkünfte standen, sowie die große Betonplatte, die dem Wasserturm als Basis gedient hatte.

Während das größere Minidoka Relocation Center, in dem über 7000 Japaner interniert waren, historisch gut dokumentiert ist, geriet Kooskia mit seinen 256 Insassen bald in Vergessenheit. "Diesen Sommer haben wir nach der Kantine des Lagers gesucht, wo die Insassen Waren kaufen konnten. Wir glauben auch, sie gefunden zu haben - müssen das aber erst noch verifizieren", berichtet Camp SPIEGEL ONLINE.

Inhaftierte bauten Highway 12

Die Japaner von Kooskia besaßen Geld, um Waren zu erwerben. Die amerikanische Regierung versuchte in dem Lager zum ersten Mal, Internierte als Arbeitskräfte einzusetzen. Gegen einen Lohn von 50 bis 60 Dollar in der Woche durften sie sich beim Bau des U.S. Highway 12 zwischen Idaho und Montana verdingen. Zwar war die Arbeit hart und gefährlich, aber die Möglichkeit, Geld zu verdienen und die relativ guten Haftbedingungen im kleinen Kooskia gegenüber den größeren Camps machte das Angebot so attraktiv, dass Männer aus anderen Lagern sich um den Aufenthalt in Kooskia sogar bewarben.

Dementsprechend waren alle Insassen männlich. Außerdem konnten die Ausgräber feststellen, dass viele von ihnen doch noch enge Bande zur japanischen Heimat hatten - oder zumindest ihr Geschirr selber mitgebracht hatten. "Wir haben weitere Fragmente einer japanischen Vase gefunden, auf der ein Drache abgebildet ist", berichtet Camp. "Wir hatten erste Stücke davon bereits 2010 entdeckt, aber die waren nur klein und es war schwer, drauf einen Drachen auszumachen."

Unter den Funden war auch ein Relief, das einen Otter zeigt. Hatte ein Insasse den Stein mit ins Lager gebracht - oder ihn in den Abendstunden nach Rückkehr von der Baustelle bearbeitet? "Schließlich haben wir auch noch ein faszinierende Teetasse gefunden, über die wir aber erst noch mehr herausfinden müssen", ergänzt Camp die Liste. "Wir sind uns noch nicht sicher, ob sie in Japan für eine westliche Kundschaft hergestellt und exportiert wurde, oder für Japaner gemacht ist."

Wer möchte, kann die Arbeit der Archäologen im Internet verfolgen. "Ich habe gerade eine ganze Menge Fotos auf unserer Facebook-Seite eingestellt", schreibt Camp, "und arbeite gerade an einem neuen Eintrag für das Grabungsblog".

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9 Leserkommentare Diskutieren Sie mit!
mwen002 16.08.2013
Vanagas 16.08.2013
Holbirn 16.08.2013
slotermeyer 16.08.2013
sea-gal 16.08.2013
Kaygeebee 16.08.2013
largo25 16.08.2013
amarildo 16.08.2013
mobil724 22.08.2013
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Zur Autorin
  • Sabine Bungert
    Angelika Franz ist Archäologin. Als freie Autorin schreibt sie meistens über Kriege, Seuchen und alles, was verwest, verrottet und verfallen ist. Trotzdem ist sie keineswegs morbide veranlagt, sondern findet vielmehr, dass Archäologie die praktischen Dinge des Lebens lehrt. Bei Bedarf kann sie ein Skalpell aus Flint schlagen, in einer Erdgrube Bier brauen oder Hühner fachgerecht mumifizieren.
  • Homepage von Angelika Franz

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