Zwangsstörung Manipulierte Mäuse mit Putzfimmel

Das Abschalten eines einzigen Gens genügte - und die Labormäuse begannen, sich zwanghaft zu putzen. Was lustig klingen mag, hat einen ernsten Hintergrund: Die Nager könnten als Modell zur Erforschung von Zwangsstörungen bei Menschen dienen.


Mit einem Waschzwang lebt es sich schwer. Betroffene Menschen haben permanent das Gefühl, schmutzig zu sein. Ihr einziger Ausweg ist der Gang ins Badezimmer. Doch kaum haben sie es verlassen, kehrt das Gefühl der Unreinheit schon zurück - und wieder helfen nur Seife und Wasser. Mag es Außenstehenden auch eher komisch erscheinen, für die Betroffenen ist es ein großes Problem, nicht selten eine Qual: Sie wissen um ihre Zwangsstörung, können aber von selbst kaum etwas dagegen tun.

Ein neues Tiermodell könnte nun helfen, die neurologischen Hintergründe von Zwangsstörungen besser zu verstehen: Wissenschaftler vom Duke University Medical Center in Durham (US-Bundesstaat North Carolina) haben Mäuse genetisch so verändert, dass sie einen Putzzwang entwickelten.

Guoping Feng und seine Kollegen erzeugten die zwangsgestörten Tiere, indem sie im Erbgut der Nager das Gen namens SAPAP3 ausschalteten. Dieses bildet vor allem im sogenannten Streifenhügel des Gehirns ein Protein, das an der Kommunikation der Nervenzellen beteiligt ist. Die manipulierten Mäuse verhielten sich ängstlicher als normale Artgenossen.

Zudem putzten sie sich ununterbrochen - selbst dann noch, wenn sie dadurch ihr Fell verloren und ihre Haut verletzten, schreiben die Forscher im Wissenshaftsmagazin "Nature" (Bd. 448, S. 894). Verabreichten die Forscher den Mäusen bestimmte Serotonin-Aufnahmehemmer - also Medikamente, die auch zur Behandlung von Menschen mit Zwangsverhalten eingesetzt werden -, verschwanden die Symptome.

Ist die Wohnungstür abgeschlossen?

Etwa zwei Prozent der Bevölkerung leiden unter unterschiedlich stark ausgeprägten Zwangsstörungen. Den Betroffenen drängen sich immer wieder quälende Gedanken auf, die sie durch die immer gleichen Handlungen loswerden wollen. Wasch- und Putzzwang sind nur zwei Ausprägungen des sogenannten Obsessive Compulsive Disorder (OCD). Daneben gibt es auch den Kontrollzwang ("Ist der Herd wirklich ausgeschaltet?"), zwanghaftes Haarausreißen oder zwanghaftes Stehlen. Die neurologischen Grundlagen dieser Erkrankungen sind bislang aber nur schlecht erforscht.

Beim Menschen seien vermutlich mehrere Gene sowie Umwelt- und Entwicklungseinflüsse an der Entstehung von Zwangserkrankungen beteiligt, kommentiert Steven Hyman von der Harvard Medical School in Cambridge die Forschungsergebnisse in "Nature". Nichtsdestoweniger erlaubten die Modellmäuse wichtige Einblicke in die zellulären Grundlagen von Zwangsstörungen. Feng und seine Kollegen hoffen, mit Hilfe der Mäuse die Entstehung der psychischen Erkrankung besser verstehen und vor allem neue Therapien entwickeln zu können.

Zwangsstörungen werden nicht nur mit Medikamenten behandelt, sondern auch mit Verhaltenstherapien. Beispielsweise müssen vom Waschzwang Betroffene bewusst Orte aufsuchen, die ihnen besonders schmutzig vorkommen, um zu lernen, mit der angstbesetzten Situation besser umzugehen. Die Zwangsstörung kann durch eine solche Therapie stark abgeschwächt werden.

hda/dpa/AFP



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