Zweckentfremdet Viagra soll lungenkranke Babys retten

Der Wirkstoff des Potenzmittels Viagra könnte auch Kindern mit einem lebensbedrohlichen Lungenleiden helfen, glauben Mediziner. Einige Babys wurden bereits behandelt - ohne klinische Studien.


Potenzpille Viagra: Wirksam gegen Lungenhochdruck?
DPA

Potenzpille Viagra: Wirksam gegen Lungenhochdruck?

Dutzende von Babys haben das Potenzmittel Viagra erhalten, um eine lebensgefährliche Lungenerkrankung zu behandeln. Es gebe Hinweise darauf, dass Viagra bei der so genannten pulmonalen Hypertonie wirkt, berichtet das Wissenschaftsmagazin "New Scientist". Das Leiden ist durch einen erhöhten Blutdruck in den Lungenarterien gekennzeichnet, der oft durch Herzfehler hervorgerufen wird.

Zuletzt sind dem Bericht zufolge drei Neugeborene in Indien mit dem Wirkstoff von Viagra, Sildenafil, behandelt worden. "Es war eine lebensbedrohliche Situation", sagte P. K. Rajiv vom Amrita Institute of Medical Sciences der südindischen Stadt Kochi. "Als Arzt ist es meine Pflicht, das Leben eines Kindes mit allem zu retten, was mir zur Verfügung steht." Er würde das Mittel aber erst wieder geben, wenn die indischen Behörden dies genehmigten.

Denn die Therapie nur auf Grund einzelner Fallstudien ist unter Experten umstritten. "Ich würde den Gebrauch von Sildenafil außerhalb von sorgsam erstellten klinischen Studien nicht empfehlen", erklärte der Arzt David Wessel vom Boston Children's Hospital. Dennoch hatte Wessel, so der "New Scientist", selber 14 Kindern ab einem Alter von sechs Wochen Viagra gegeben, um pulmonale Hypertonie zu behandeln.

Ethiker lehnen solche Versuche nicht vollständig ab: "Unter bestimmten Umständen ist es moralisch gerechtfertigt, neue Therapien auszuprobieren, wenn man damit vermutlich Leben retten kann", sagte Raanan Gillon, emeritierter Professor für Medizinethik am Imperial College in London. "Wenn das ohne vorige klinische Studien geschieht, besteht aber die Gefahr, dass die Vermutung falsch ist."

Immerhin gibt es einige Anhaltspunkte für die Wirksamkeit des Mittels. So hatte etwa Ian Adatia vom Hospital for Sick Children in Toronto zehn Kinder mit Sildenafil behandelt, nach seinen Angaben mit ermutigendem Erfolg. Der Mediziner will an Studien des Viagra-Herstellers Pfizer teilnehmen, bei denen der Wirkstoff direkt in die Blutbahn gegeben werden soll.

Pfizer hat dem Bericht zufolge bestätigt, eine Untersuchung an Erwachsenen mit pulmonaler Hypertonie vornehmen zu wollen. Durch die intravenöse Aufnahme soll die Wirkung gesteigert werden. Klinische Studien mit lungenkranken Kindern seien noch nicht in Vorbereitung, so das Unternehmen. Pfizer hatte Viagra ursprünglich als gefäßerweiterndes Medikament entwickelt, bevor der potenzsteigernde Effekt erkannt wurde.



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.