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Zwei Tote: Vogelgrippe-Virus war resistent gegen Tamiflu

Tamiflu ist noch immer Hoffnungsträger Nummer eins im Kampf gegen H5N1-Viren. Im Dezember starben allerdings zwei Ägypter, die eine mutierte Variante der Erreger in sich trugen – sie waren resistent gegen die Arznei.

Es ist nicht das erste Mal: 2005 starben zwei vietnamesische Mädchen an einem H5N1-Virus, das widerstandsfähig war gegen herkömmliche Grippemittel. Jetzt sind es zwei Ägypter, ein 26-jähriger Mann und seine 16-jährige Nichte. Sie starben im Dezember 2006, kurz nachdem sie sich bei infiziertem Geflügel angesteckt hatten. Die Analyse der Viren in ihrem Körper ergab jetzt, dass die Erreger ebenfalls resistent waren gegen Tamiflu, die wichtigste Arznei im Kampf gegen die Vogelgrippe.

Überträger: Die meisten Menschen haben sich durch engen Kontakt mit Geflügel angesteckt
REUTERS

Überträger: Die meisten Menschen haben sich durch engen Kontakt mit Geflügel angesteckt

Der Stamm "294S" sei "mittelmäßig" resistent gegen das Medikament, teilte Fred Hayden, Experte von der Weltgesundheitsorganisation WHO, am heutigen Donnerstag mit. Tamiflu mit dem Wirkstoff Oseltamivir kommt von der Pharmafirma Roche in Basel. Infolge dieser Veränderungen sei das Virus zwar nicht so ansteckend geworden, dass eine Pandemie drohe. Allerdings könnten mehrere solcher Mutationen die Behandlungsmethoden in Zukunft in Frage stellen. "Wir verändern unsere Therapieempfehlungen derzeit nicht, denn bislang haben wir keine Hinweise darauf, dass Oseltamivir nicht verwendet werden sollte", sagte Hayden. Viele Regierungen haben für den Fall einer Pandemie vorsorglich Tamiflu-Packungen für einen Teil der Bevölkerung eingelagert.

Die jetzt untersuchten Erreger veränderten sich, so vermutet die WHO, als die beiden Ägypter im Krankenhaus Tamiflu bekamen. Die entdeckten Mutationen unterschieden sich allerdings deutlich von denen der zwei vietnamesischen Mädchen, betonte Hayden. Dort waren die Erreger vollkommen resistent gegen Oseltamivir. Von 19 Menschen, die sich in Ägypten nachweislich mit dem Vogelgrippe-Virus H5N1 angesteckt hatten, sind mindestens zehn durch die Infektion gestorben.

Die Vogelgrippe
Virus
DDP
Die Vogelgrippe, auch als Aviäre Influenza bekannt, ist eine hochansteckende Viruskrankheit und befällt vor allem Hühner und Puten, aber auch Wildvögel, Fasane und Perlhühner. Der Virusstamm H5N1 ist eine besonders aggressive Variante, die bei 80 bis 100 Prozent der erkrankten Tiere innerhalb weniger Tage zum Tod führt. In seltenen Fällen können sich auch Menschen anstecken. Weltweit wurden bisher über 300 solcher Fälle festgestellt, die meisten in Asien. Fast 200 Menschen starben. Die meisten hatten beruflich mit Geflügel zu tun.

Übertragen wird die Seuche von Tier zu Tier durch direkte Berührung, über Kot, Speichel und Tränenflüssigkeit oder über Kontakt mit infiziertem Material wie Transportkisten oder Eierkartons. Bei starker Staubentwicklung ist auch eine indirekte Ansteckung über die Luft möglich.
Symptome
AP
Die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit beträgt meist 3 bis 14 Tage. Oft treten hohes Fieber, Atemwegsprobleme, Schwarzfärbung von Kamm und Kehllappen, Mattigkeit, Fressunlust, verminderte Legeleistung und Durchfall auf. Die Tiere können aber auch plötzlich tot umfallen oder ersticken.
Gefahr für Menschen
AP
Forscher sind besorgt, dass H5N1 mutieren könnte, bis es von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Neuere Forschungsergebnisse bestätigen diese Befürchtung: Der Subtyp H1N1, der von 1918 bis 1920 als Spanische Grippe grassierte und bis zu 50 Millionen Tote forderte, war ein reines Vogelvirus, das sich an den Menschen angepasst hat. Denkbar ist auch eine Doppelinfektion eines Menschen oder eines Schweins mit menschlichen und tierischen Erregern. Dabei könnte sich eine Virus-Variante bilden, die eine verheerende weltweite Seuche - eine sogenannte Pandemie - auslösen könnte.
Behandlung
Zwei Medikamente können Menschen im unwahrscheinlichen Fall einer H5N1-Infektion helfen: Die antiviralen Medikamente Tamiflu (Roche) und Relenza (GlaxoSmithKline). Tamiflu gibt es als Tablette oder Saft, Relenza als Pulver, das inhaliert wird. Sie werden auch Neuraminidase-Hemmer genannt. Neuraminidase ist eine Eiweißstruktur an der Virushülle. Wird diese Struktur von den Medikamenten blockiert, können neu gebildete Influenza-Viren die Wirtszelle nicht mehr verlassen und sich daher nicht weiter im Körper ausbreiten. Die deutschen Bundesländer haben 2006 beschlossen, mehr als acht Millionen Dosen beider Medikamente als Vorsichtsmaßnahme kaufen. Sie sollen die Monate zwischen einem Pandemie-Ausbruch und der Entwicklung eines Impfstoffs überbrücken.

Die resistenten Erreger befinden sich nach derzeitigem Kenntnisstand nicht bei Vögeln im Umlauf. Das würde bei den Forschern weitaus mehr Besorgnis erregen als die jetzt entdeckten Mutationen beim Menschen. Die meisten Erkrankten haben sich bisher bei infiziertem Geflügel angesteckt. Es könne jedoch derzeit nicht ausgeschlossen werden, dass das Virus auch von Mensch zu Mensch übertragen werde, sagte Hayden.

Viren, die widerstandsfähig sind gegen das Grippemedikament Tamiflu, können auch mit einem anderen Arzneien bekämpft werden: Amantadin heißt der Wirkstoff, den Ärzte auch bei der Parkinson-Krankheit einsetzen. Das Mittel Relenza mit dem Inhaltsstoff Zanamivir von GlaxoSmithKline hingegen wirkt ähnlich wie Tamiflu.

hei/AP/rtr

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