Zweifel am Dreamliner-Rumpf Ex-Mitarbeiter brockt Boeing Sicherheitsdebatte ein

Boeing droht neuer Ärger mit dem Dreamliner. Zwei Wochen nach der Verschiebung des Jungfernflugs behauptet ein ehemaliger Ingenieur, der Rumpf des neuen Jets sei unsicher. Der US-Flugzeughersteller dementiert entschieden.

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Der Dreamliner soll Boeing in die Zukunft bringen - nicht nur in finanzieller, sondern auch in technischer Hinsicht. Denn der Passagierjet mit der Typbezeichnung 787 hat den US-Flugzeughersteller nicht nur wieder zum Konkurrenten Airbus aufschließen lassen, sondern enthält auch eine Reihe technischer Innovationen. Unter anderem besitzt der Dreamliner einen Rumpf, der hauptsächlich aus kohlenstofffaserverstärktem Kunststoff besteht - ein Novum bei einem Großraumflugzeug.

Dreamliner von Boeing: Ist der Rumpf sicher genug?
AFP

Dreamliner von Boeing: Ist der Rumpf sicher genug?

Doch der neue Jet bereitet Boeing nicht nur Freude. Vor zwei Wochen wurde bekannt, dass der Jungfernflug verschoben werden muss. Jetzt muss Boeing der Öffentlichkeit erklären, warum der Rumpf der 787 sicher genug ist - denn ein Ex-Angestellter behauptet das Gegenteil. Vincent Weldon, der nach eigenen Angaben 46 Jahre lang als leitender Ingenieur bei Boeing beschäftigt war und im Juli 2006 unter merkwürdigen Umständen entlassen wurde, erhebt schwere Vorwürfe gegen seinen Ex-Arbeitgeber.

In der Sendung des US-Moderators Dan Rather auf dem US-Kabelkanal HDNet sagte Weldon, der Rumpf des Dreamliners sei aus mehreren Gründen nicht sicher genug - und Boeing habe es versäumt, angemessene Tests durchzuführen. Das Thema wurde daraufhin von mehreren US-Tageszeitungen aufgegriffen, die Nachrichtenagentur Reuters schickte Weldons Kritik rund um den Globus.

Beschwerdebrief an die Luftfahrtbehörde

Weldon hatte seine Bedenken bereits im Juli detailliert dargelegt - allerdings nicht öffentlich, sondern in einem elfseitigen Brief an die US-Luftfahrtbehörde FAA. Sein Hauptkritikpunkt: Der für den Rumpf verwendete Verbundwerkstoff sei wesentlich spröder als Aluminium. Stöße würden deshalb direkter an die Passagiere im Innern weitergeleitet als in einem Alu-Rumpf, der sich verformen und so einen Teil der Energie absorbieren könne. Bei einem Absturz, den Passagiere in einem Metallrumpf überleben würden, könne der Kunststoff bersten, erklärte Weldon in dem Schreiben, das die US-Zeitung "Seattle Times" zum Download anbietet. Durch die Löcher könnten giftige Gase und feinste Partikel des Rumpfmaterials in den Innenraum eindringen.

Die Kritik an den angeblichen Nachteilen von Verbundwerkstoffen ist zwar nicht neu. Weldon aber argumentiert, Boeing führe den neuartigen Rumpf überstürzt bei Großraum-Passagierjets ein - und riskiere damit das Leben von Passagieren. Boeing arbeite mit einem "unerprobten Verbundwerkstoff, der bis zu 300 Menschen beschützen muss, ohne zunächst einen Prototypen zu testen", heißt es in Weldons Brief. Zugleich habe die Firma den Zeitplan für die Dreamliner-Entwicklung gekürzt. "Das steht in grobem Widerspruch zu dem Unternehmen von großer Integrität, dem ich 1960 beigetreten bin", so Weldon.

Boeing hält Materialien für sicher

Boeing bestätigte zwar, dass Weldon im Unternehmen ein leitender Ingenieur gewesen sei. Allerdings sei er nicht unbedingt ein Materialexperte, sagte Boeing-Sprecherin Lori Gunter der "Seattle Times". Man habe Weldons Behauptungen durch technische Komitees prüfen lassen und sehe keinen Handlungsbedarf. Die Materalien seien sicher.

Boeing müsse der FAA beweisen, dass die Crash-Sicherheit des Dreamliners "vergleichbar mit heutigen Flugzeugen ist", sagte Gunter. "Und das tun wir." Kürzlich durchgeführte Tests seien erfolgreich verlaufen. Sie seien erst der Anfang eines Prozesses, bei dem im Computer jedes mögliche Unfallszenario simuliert werde. Bisher hätten Versuche auch gezeigt, dass bei der Verbrennung von Verbundwerkstoffen in einem Kerosinfeuer keine giftigeren Gase entstünden als bei einem Aluminiumflugzeug.

Weldons Kritik beschränkt sich nicht auf die mechanischen Eigenschaften des Verbundwerkstoffs. Auch Gewitter könnten dem Ingenieur zufolge dem Dreamliner gefährlicher werden als Flugzeugen mit Metallrumpf. Letzteren kann selbst der direkte Einschlag eines Blitzes nur selten etwas anhaben, da die elektrische Energie nicht ins Innere eindringen kann. Zwar ist ein Flugzeug kein vollständig geschlossener Faradaykäfig, da sich auch nicht leitende Materialien wie Fenster und Dichtungen außen befinden. Dennoch sind durch Blitze verursachte Flugzeugabstürze selten.

Zweifel am Schutz vor Blitzschlag

Da der Verbundstoffrumpf des Dreamliners keinen Strom leitet, wurde ein Metallnetz in das Material integriert. In dessen Schutzfunktion habe er aber "nicht annähernd so viel Vertrauen", wie in die entsprechenden Fähigkeiten eines Aluminiumrumpfes, schrieb Weldon der FAA.

Sein Vorwurf: Um Zeit bei der Endmontage und Gewicht zu sparen, habe Boeing das Netz so dünn wie möglich konstruiert. "Eine Aluminiumstruktur kann viel mehr Spannung ableiten, als sie jemals abbekommen wird", erklärte Weldon. Bei der Dreamliner-Schutzschicht, die aus einer Kupferlegierung bestehe, sei er sich weniger sicher - zumal der gewaltige Strom des Blitzes von einem Rumpfsegment zum anderen weitergeleitet werden müsse, und zwar durch die Hauptbolzen, die die Segmente zusammenhielten.

Zwar besitze auch der B-2-Bomber der US-Luftwaffe eine leitende Schutzschicht unter seiner Außenhaut und werde deshalb als Beispiel angeführt, dass das Konzept funktioniere. "Aber in der gesamten Luftwaffe gibt es nur 20 B-2-Bomber", wandte Weldon ein. Zudem müssten die Kampfflugzeuge viel weniger Kilometer abspulen als ein Linienflugzeug wie der Dreamliner und weniger hohe Sicherheitsstandards erfüllen. "Die B-2 hat nur zwei Passagiere, von denen jeder einen Schleudersitz hat." Auch machten die Bomber um Gewitter oft einen Bogen - ein Luxus, den sich Linienflieger aus Zeitgründen nur selten leisten könnten. Boeing-Sprecherin Gunter betonte dagegen, die Blitzschlagsicherheit des Dreamliners werde die FAA-Vorgaben erfüllen.

Forderung nach längeren Tests

An die Öffentlichkeit gekommen sind Weldons Vorwürfe erst durch seinen Auftritt in der Sendung von Dan Rather in der Nacht zum Mittwoch. Handelt es sich hier nur um die Rache eines frustrierten Ex-Angestellten, begünstigt durch einen Ex-Top-Moderator, der sich mit großen Schlagzeilen zurückmelden will? Rather hatte mitten im letzten US-Präsidentschaftswahlkampf über George W. Bushs Rolle während des Vietnamkriegs berichtet und war dabei gefälschten Dokumenten aufgesessen. Der heute 75-jährige Starjournalist, der zu den bekanntesten TV-Moderatoren der USA gehörte, verlor daraufhin seinen Job als Nachrichtenmoderator und wurde 2006 von CBS entlassen. Jetzt klagt er auf 70 Millionen Dollar Schadenersatz.

Auch Weldon und Boeing trennten sich im Streit. Einem Bericht der "Seattle Times" zufolge behauptete der Ingenieur gegenüber der Aufsichtsbehörde Occupational Safety and Health Administration, Boeing habe ihn wegen seiner Bedenken bezüglich der Crash-Sicherheit des Dreamliners gefeuert. Boeing aber habe der Behörde mitgeteilt, man habe Weldon wegen Drohungen gegen einen Vorgesetzten entlassen.

Rather betonte, Weldon habe nicht selbst die Öffentlichkeit gesucht. "Wir sind auf ihn zugekommen", sagte der Journalist der Zeitung. "Am Anfang war es alles andere als sicher, dass er mitmacht."

Eine Sprecherin von Boeing Deutschland sagte zu SPIEGEL ONLINE, man müsse den strengen Sicherheitsanforderungen der Behörden gerecht werden - und das gelte selbstverständlich auch für den Dreamliner. "Jeder Boeing-Angestellte nimmt die Sicherheit der Millionen Passagiere an Bord unserer Flugzeuge sehr ernst", heißt es in einer Erklärung des Unternehmens - und zwar "von der Chefetage bis in die Fabrikhalle".

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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uli789 21.09.2007
1. Gewitter
Also "Auch machten die Bomber um Gewitter oft einen Bogen - ein Luxus, den sich Linienflieger aus Zeitgründen nur selten leisten könnten." stimmt definitiv nicht, kein airliner wird freiwillig in ein Gewitter fliegen. Für Fluglotsen sind Gewitterlagen extrem schwierig zu arbeiten, weil kein Flugzeug mehr so fliegt wie geplant. Verspätungen und Flugausfälle sind bei Gewitterwetter völlig normal. Wenn ich sowas in dem Artikel lese, frage ich mich wie es um den Wahrheitsgehalt der anderen Aussagen bestellt ist.
toytuu, 21.09.2007
2. Die letzte Erprobungsphase.....
obliegt immer öfter dem Endverbraucher. Wir haben uns doch daran gewöhnt, dass z.B. neue Software nur unzureichend funktioniert, neue Automodelle in die Werkstätten zurückgerufen werden, Plastikspielzeug ungeprüft in den Handel kommt, Arzneimittel erst nach mehreren tragischen Zwischenfällen auf Nebenwirkungen überprüft werden. Derlei Beispiele gibt es viele. Im Zweifel, also im Ernstfall übernimmt das Unternehmen keine Verantwortung mehr. Warum sollten sie auch? Die PR-Abteilungen haben sicherlich schon für (fast) alle denkbaren Zwischenfälle ein Kommunikationspapier entwickelt. Dazu gehören garantiert auch "Beweise" , die z.B. Sabotage, Schlamperei der Zulieferer oder Rache gemobbter Mitarbeiter. Die Welt wird Verständnis zeigen, wenn der erste Flieger von Himmel fällt. Aber mal ganz ehrlich? Bei derart komplexen Maschinen ist es doch unmöglich auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Es ist unmögliche alle Szenarien zu antizipieren. Der Kostendruck zwingt heute allen Unternehmen eine schmale Gradwanderung zwischen Sorgfalt und Profit auf. Leichtfertig wird kein Hersteller Fahrzeuge oder Flugzeuge auf den Markt bringen, von denen er annehemen muß, dass diese innerhalb kürzester Zeit den Ruf des Unternehmens dauerhaft schädigen würden. Schließlich halten die Top-Manager auch umfangreiche Aktienpakete.....
squamp beskor, 21.09.2007
3. Faradayscher Käfig
natürlich ist ein herkömmlicher Alu-Rumpf ein Faradayscher Käfig, daran ändern auch die Fenster nichts - bitte besser recherchieren. Moderne Kampfflugzeuge,wie z.B. der Eurofighter Typhoon, haben Kunststoffaussenhäute, die allerdings bei Blitzschlag teilweise ausgetauscht werden müssen. Es wäre interessant wie Boeing dieses Problem gelöst hat.
Gandhi, 21.09.2007
4. Schadenfreude
ist ja auch so ein schoenes deutsches Wort, das Eingang in die englische Sprache gefunden hat. Schwierigkeiten infolge von Neuentwicklungen sind eigentlich voellig normal. All dies erinnert an Airbus, wo der 380 auch zu Problemen fuehrte. Das war dann ja auch Anlass zur Freude, erhofften sich doch die stolzen "Patrioten" hier Auswirkungen zu Gunsten von Boing. Und jetzt das? Wenn es dem Ingenieur um Publizitaet gegangen waere, haette er sich an die Oeffentlichkeit gewendet. Doch er richtete sein Schreiben an die zustaendigen Behoerden. Es bleibt zu hoffen, dass man es dort ernst nimmt und nicht aus falschem Patriotismus den Beteuerungen aus Seattle blindlings vertraut.
Sergeij, 21.09.2007
5. Nicht nur Zweifel am Rumpf, sondern Zweifel am Zeitplan!
Zitat von uli789Also "Auch machten die Bomber um Gewitter oft einen Bogen - ein Luxus, den sich Linienflieger aus Zeitgründen nur selten leisten könnten." stimmt definitiv nicht, kein airliner wird freiwillig in ein Gewitter fliegen. Für Fluglotsen sind Gewitterlagen extrem schwierig zu arbeiten, weil kein Flugzeug mehr so fliegt wie geplant. Verspätungen und Flugausfälle sind bei Gewitterwetter völlig normal. Wenn ich sowas in dem Artikel lese, frage ich mich wie es um den Wahrheitsgehalt der anderen Aussagen bestellt ist.
Tja - da scheint doch ein wenig Sensationslust in die Feder des Schreibers geflossen zu sein. In der Regel werden Gewitter um- oder überflogen, schon allein aufgrund der starken Scherwinde in der Peripherie einer Gewitterwolke, sowie der Gefahr von Beschädigungen durch Hagelschlag. Es kann aber z.B. bei Start und Landung in der Nähe eines Gewitters zu Blitzendladungen kommen, die auch das Flugzeug treffen können. Das Geräusch für die Insassen ähnelt dem eines Kanonenschusses (ich habe es selbst schon erlebt), im Gegensatz zu dem im Artikel geschriebenen flackert da aber keinesfalls das Licht. So etwas kommt nur in Katastrophenfilmen vor. Insgesamt habe ich aber schon einige Zweifel am Zeitplan Boeings für den Dreamliner. So war der Erstflug für September diesen Jahres geplant, die Erstauslieferung für Mitte nächstes Jahr. Weniger als ein Jahr zwischen Erstflug und Auslieferung! Das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Besonders vor dem Hintergrund, das zum ersten Mal bei einem Verkehrsflugzeug dieser Größe fast ausschließlich Composite-Materialien verwendet werden. Ich denke, Boeing steht noch ein ähnliches Debakel bevor, wie es Airbus bereits beim A380 erlebt hat. cu/ Sergeij
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