Zwischenfälle in Frankreichs AKW Der Atomkraft-Weltmeister wankt

Arc de Triomphe, Armagnac, Atomstrom - Frankreich ist stolz auf seine Eigenheiten. Doch die Serie von Zwischenfällen im Kraftwerk Tricastin kratzt am Selbstbewusstsein des Atomkraft-Weltmeisters. Setzt jetzt ein Umdenken der Öffentlichkeit ein, wie französische AKW-Gegner hoffen?

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Die Winzer haben bereits reagiert: Sie wollen ihren Wein künftig nicht mehr Côteaux du Tricastin nennen. Sie fürchten, dass die jüngsten Zwischenfälle in der gleichnamigen Atomanlage nahe Avignon dem Absatz ihres Weines schaden. "Kernkraft und Lebensmittel gehen in den Köpfen der Verbraucher nicht sehr gut zusammen", sagte der Vorsitzende des örtlichen Gütesiegelverbands AOC, Henri Bour, Ende Juli. Möglicherweise werde der Wein künftig die Herkunftsbezeichnung Grignan tragen - nach dem Ort, in dem der Verband seinen Sitz hat.

Inzwischen hat sich die Situation nicht verbessert - im Gegenteil: Erneut ist in Tricastin radioaktives Material ausgetreten. Bei der Entsorgung von nuklearem Müll gelangte Kohlenstoff-14 in die Atmosphäre - ein radioaktives Isotop. Der Vorfall liegt bereits einen Monat zurück, wurde aber erst jetzt bekannt. Die zulässige Jahresfreisetzungsmenge sei dadurch bereits um fünf Prozent überschritten worden, teilte die Atomaufsicht ASN mit. Die Strahlenbelastung betrage jedoch nur "mehrere Tausendstel" der zulässigen Grenzwerte.

Die französische Anti-Atomkraft-Initiative "Sortir du nucléaire" hat die Pannenserie von Tricastin dokumentiert. Es hat demnach bereits drei weitere Zwischenfälle seit Anfang Juli gegeben:

  • In der Nacht vom 7. zum 8. Juli traten 75 Kilogramm Uran aus und gelangten in die umliegenden Flüsse und Seen. Die Bevölkerung wurde erst Stunden später darüber informiert.
  • Wegen eines Lecks in einem abgeschalteten Reaktor kamen am 23. Juli 100 Personen in Kontakt mit radioaktivem Kobalt-58. Die Strahlenbelastung der Betroffenen habe um den Faktor 40 unterhalb des zulässigen Grenzwertes gelegen, erklärte die Behörde ASN. Der Vorfall wurde als Störfall der Stufe 0 klassifiziert.
  • Am 29. Juli wurde nach einem Alarm des Reaktors Nummer vier von Tricastin das Personal in Sicherheit gebracht. Mediziner untersuchten die Mitarbeiter, haben jedoch nach Angaben des Betreibers keine erhöhte Strahlenbelastung gemessen. Sortir du nucléaire berichtet hingegen, dass bei zwei von 45 Personen leichte Spuren von Radioaktivität gefunden wurden.

Frankreich und die Atomkraft - das war seit Jahrzehnten eine innige Beziehung. Kein anderes Land setzt mit derartiger Konsequenz auf die Stromerzeugung durch Kernspaltung. Die 58 Reaktoren produzieren rund 80 Prozent der Elektrizität des Landes, die Nation ist deshalb nur noch gut zur Hälfte von Energieimporten abhängig. Zweifel an der Technologie wie in Deutschland gibt es in Frankreich kaum. Was zählt, sind stabile Strompreise, Tausende sichere Arbeitsplätze und gute Geschäfte mit dem Export von Kraftwerkstechnologie.

"Das Medienecho fällt unterschiedlich aus"

Ist das nach den Ereignissen von Tricastin auch noch so? Stéphane Lhomme, Sprecher von Sortir du nucléaire, bezweifelt das. "Die Pannenserie wird ihre Spuren im öffentlichen Bewusstsein hinterlassen", glaubt er. "Das beeinflusst die Meinung der Leute über die Atomkraft."

Der Umgang mit Störfällen ist in Frankreich anders als in Deutschland. Während hierzulande beinahe jede abgebrochene Schraube eine neue Debatte über die Zukunft der Kernkraft auslöst, gibt man sich in Frankreich geradezu lässig. In Deutschland veröffentlicht das Bundesamt für Strahlenschutz regelmäßig eine umfangreiche Liste über sämtliche Störfälle in deutschen AKW - 2007 waren es beispielsweise 104 der Kategorie null und zwei der Kategorie 1.

So viel Transparenz ist im zentralistischen Frankreich unüblich. Die Atomaufsicht ASN publiziert nur die Summe der Störfälle (2007: 708 in der Kategorie null und 56 in der Kategorie 1). Informationen zu einzelnen Störfällen werden erst ab Kategorie 1 auf der ASN-Webseite veröffentlicht. Bei Kategorie-null-Zwischenfällen liegt es im Ermessen der Behörde, ob sie darüber informiert oder nicht. Im Jahr 2007 war das genau viermal der Fall - wohlgemerkt bei insgesamt 708 Störfällen der Stufe null.

Glaubwürdigkeit eines Gebrauchtwarenhändlers

So wie die Atomaufsicht ASN berichtet in der Regel auch die französische Presse über diese Ereignisse: zurückhaltend bis gar nicht. Bei der Pannenserie von Tricastin war das freilich anders, die Nachrichten landeten auf den Titelseiten. "Bei den jüngsten Ereignissen war das Medienecho groß - verständlicherweise, denn es ist ja auch zu Freisetzungen von Radioaktivität gekommen", sagt Helmut Hirsch, Nuklearexperte aus Hannover, der nach eigenen Angaben das Umweltministerium in Wien und Greenpeace berät. Nach Hirschs Aussage informiert die ASN die Fachwelt umfangreich über Zwischenfälle. "Es wird relativ viel bekannt, aber das Medienecho fällt unterschiedlich aus", sagt er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Bei Sortir du nucléaire sieht man das anders: "Von Dingen, die wirklich Probleme machen, erfahren wir nichts. Sie werden versteckt", meint Sprecher Lhomme. Bei den jüngsten Zwischenfällen in Tricastin sei die Gefahr zu groß gewesen, dass irgendjemand etwas mitbekommt. Deshalb hätten sie publikgemacht werden müssen. Die erste Reaktion der Kraftwerksbetreiber bei Zwischenfällen sei üblicherweise: nichts sagen. Wenn sie doch darüber berichteten, dann heiße es einfach, alles sei gar nicht so schlimm.

Lhomme verweist auf den Dezember 1999, als nach einem Orkan das Atomkraftwerk Blayais bei Bordeaux überschwemmt wurde. Zwei Reaktoren mussten heruntergefahren werden. Erst Tage später erfuhr die Öffentlichkeit von dem nach Einschätzung von Sortir du nucléaire "schweren Zwischenfall". Die Atomaufsicht ordnete ihn auf der Stufe 2 ein.

Das Verhaltensmuster des Verschweigens und Verharmlosens kennt man auch von deutschen AKW-Betreibern. Vattenfall hatte nach den Störfällen im Juni 2007 der Hintergründe nur häppchenweise publikgemacht und seine Glaubwürdigkeit ramponiert. Der Chef der Atomsparte, der Vattenfall-Europe-Vorstandschef und der zuständige Pressesprecher mussten ihre Hüte nehmen. In der Öffentlichkeit blieb der Eindruck zurück, dass die Aussagen von Atommanagern etwa so viel wert sind wie die von Gebrauchtwagenhändlern.

Sortir du nucléaire hat nach Bekanntwerden des jüngsten Zwischenfalls in Tricastin erneut die Schließung der Firma Socatri gefordert, einer Filiale des Atomkonzerns Areva. Sie bereitet auf dem Gelände des AKW radioaktive Abfälle auf und ist für zwei der vier Störfälle verantwortlich.

Lhomme kennt die Meinung der Franzosen über die Nuklearindustrie genau. "Bislang denken die meisten: Die Kraftwerke sind sicher und sauber, Frankreich ist der Atomkraftweltmeister." Doch das, so glaubt er, wird sich ändern.

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