Von Dominik Baur
Call vergleicht die Arbeit am MPI mit einer Zeitmaschine. "Sie erlaubt uns, in die Vergangenheit zu gehen und zu sehen, was unsere Vorfahren wahrscheinlich getan haben." Stelle man beispielsweise fest, dass Menschen, Schimpansen und Bonobos eine bestimmte Fähigkeit haben, Probleme zu lösen, die Orang-Utans und Gorillas nicht haben, könne man mit einiger Wahrscheinlichkeit daraus schließen, dass sich diese Fähigkeit herausgebildet hat, nachdem Gorillas auf dem Evolutions-Stammbaum von dem mit Menschen und Schimpansen gemeinsamen Ast abgezweigt sind, erklärt er.
Die Leipziger Zeitmaschine funktioniert freilich nur wegen der Zusammenarbeit der verschiedenen Fachrichtungen. Ohne die Genetiker um Svante Pääbo etwa könnte sie sich keine Sekunde weit zurückbewegen. So spielen all die Rechenbeispiele, wie viel Prozent seines Gensatzes der Mensch mit der Maus, der Schimpanse mit dem Gorilla oder der asiatische mit dem afrikanischen Elefanten gemeinsam haben, vor allem mit Blick auf die Evolutionsgeschichte eine Rolle. Da man relativ genau sagen kann, wie schnell sich Gene ändern, kann man durch den Anteil gleicher Gene Rückschlüsse ziehen, vor wie vielen Millionen Jahren zwei Tiere einen gemeinsamen Vorfahren hatte. "Und wir hatten vor ungefähr fünf Millionen Jahren einen gemeinsamen Vorfahren mit dem Schimpansen", folgert Pääbo. "Und das ist noch gar nicht so lange her." Evolutionsgeschichtlich, versteht sich.
Wer mit wem?
Das Rädchen der Zeitmaschine, das sich am weitesten entfernt von den übrigen dreht, ist die Abteilung des Primatologen Christophe Boesch. Seine Studenten arbeiten zum größten Teil in Afrika. Dort gilt ihr Interesse vor allem den Verhaltensunterschieden bei wild lebenden Populationen von Menschenaffen. So beobachtet die Boesch-Abteilung zum Beispiel seit langem eine Schimpansengruppe im Taï-Nationalpark an der Elfenbeinküste. Boesch selbst hat zwölf Jahre am Stück dort gelebt. In dieser Zeit hat er so viel Daten gesammelt, dass er mit ihrer Auswertung noch lange nicht am Ende ist, obwohl er inzwischen kaum noch mehr als zwei Monate im Jahr in Afrika verbringt.
Gesucht: Bananen und das Wesen des Menschen
Ein fotografischer Spaziergang durch Pongoland
Um zu möglichst allgemeingültigen Ergebnissen zu kommen, versucht Boesch, mit den MPI-Psychologen Projekte zu koordinieren. "Wir wollen bei gefangenen und wilden Tieren ähnlichen Fragen nachgehen und dabei zum Teil sogar ähnliche Methoden anwenden." Ein Forschungsschwerpunkt sind derzeit die reproduktiven Strategien von Männchen und Weibchen in sozialen Gruppen. Oder kürzer: die Frage "Wer mit wem?". Boesch will herausfinden, welche Tiere bei der Fortpflanzung den größten Erfolg haben. Hier kommt dem Primatologen die Gentechnologie zur Hilfe. Im Labor in Leipzig werden anhand von Kotproben die Verwandtschaftsverhältnisse der Taï-Schimpansen bestimmt oder bestätigt.
Bevor sich Forscher wie Christophe Boesch an die Arbeit gemacht haben, war die Welt für viele Anthropologen noch in Ordnung. Da gab es auf der einen Seite den Menschen, das Ebenbild Gottes, das intelligent war, Gefühle hatte, sprach, Werkzeuge benutzte und in verschiedenen Kulturen lebte, und auf der anderen Seite den primitiven Schimpansen, der nicht dachte, nicht fühlte, nicht sprach, keine Werkzeuge benutzte und keine Kulturen kannte.
Die riskante Reise übers Wasser
Als vor 40 Jahren Jane Goodall auszog, um im Regenwald von Gombe als Erste wilde Schimpansen zu studieren, zerbrach diese heile, anthropozentrische Welt schon bald. So beobachtete die Pionierin der Schimpansenforschung, dass die Tiere Werkzeuge benutzten, zum Beispiel Strohhalme zum Angeln von Termiten. Christophe Boesch entdeckte etwas später, dass sie ihre Fähigkeiten zum Teil nur innerhalb einer Kultur weitergeben. Er wies das unter anderem anhand eines spezifischen Nussknackverhaltens einer bestimmten Schimpansenpopulation nach. Gefangene Schimpansen lernten bald darauf bis zu 200 Wörter der menschlichen Gebärdensprache. Die Frage stellte sich also völlig neu: Was, bitte, soll an diesem Menschen noch einzigartig sein?
"Inzwischen müssen wir sehr bescheiden sein", sagt Boesch deshalb. Es sei ja auch kein Wunder: Menschen habe der Mensch seit Jahrhunderten studiert. Für frei lebende Schimpansen interessiere er sich gerade einmal seit 40 Jahren. "Wenn Sie mich nach dem Unterschied zwischen dem Menschen und dem Schimpansen fragen, sage ich Ihnen: Kommen Sie in 20 oder 30 Jahren wieder. Dann können wir vielleicht eine Antwort versuchen."
Auch Svante Pääbo ist weit davon entfernt, die Frage abschließend beantworten zu wollen. Aber er hat eine Theorie. Die Neandertaler, erklärt der Genetiker, stammten von den gleichen Urmenschen wie der moderne Mensch ab, der Afrika vor zwei Millionen Jahren verlassen habe. In der ganzen Zeit hätten sie niemals Wasser überquert, ohne das Ufer auf der anderen Seite zu sehen. Der Mensch dagegen habe in einer 20-mal kürzeren Zeit nicht nur Australien und Amerika besiedelt, sondern sogar die Osterinseln. "Wie viele Menschen müssen in den Stillen Ozean hinausgefahren und ertrunken sein, bevor irgendeiner dann zufällig die Osterinseln entdeckt hat?" Svante Pääbo zufolge gibt es nur eine Antwort darauf, was den Menschen zu einer derart waghalsigen Tat getrieben hat - und ihn folglich einzigartig macht: "Der Mensch muss verrückt sein."
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