Montag, 23. November 2009

Wissenschaft



  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
  • Merken
14.08.2002
 

Klimaforscher zum Unwetter

"Warnschuss vor den Bug"

Von Sabine Hoffmann

In den schweren Regenfällen der letzten Tage sehen Experten Anzeichen eines gravierenden Wetterwandels. Womöglich sind die Unwetter nur eine Kostprobe des künftigen Klimas.

Der August im Jahre 1342 war eine Katastrophe: Die Flutwellen gingen als Jahrtausendhochwasser in die Historie ein, das Überschwemmungsdesaster hinterließ in allen mitteleuropäischen Flussgebieten Verwüstungen. In Prag wurde damals die Judith-Brücke, die Vorgängerin der berühmten Karlsbrücke, von reißenden Wassermassen zerstört.

Auto auf überschwemmter Straße: "Wir müssen uns auf Stürme einstellen"
Zur Großansicht
DPA

Auto auf überschwemmter Straße: "Wir müssen uns auf Stürme einstellen"

660 Jahre später fliehen in der tschechischen Hauptstadt wieder Menschen vor dem Hochwasser. Große Teile Europas werden von sintflutartigen Regenfällen heimgesucht, in Deutschland hat die Flutwelle inzwischen auch Sachsen und Sachsen-Anhalt erreicht. Hermann Ott, Leiter der Abteilung Klimapolitik am Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt, Energie, verwundert dies alles nur wenig: Die augenblicklichen Geschehnisse entsprächen genau den Szenarien, welche die Klimaforschung mit einer großen Menge von Wetterdaten am Computer errechnet hätten.

Zwar sind sich die Wissenschaftler weitgehend einig, dass die globale Erwärmung bereits voll im Gange ist. Aber es fällt schwer, einzelne Extremereignissen wie die derzeitigen Unwetter eindeutig auf ein verändertes Klima zurückzuführen: Erst statistische Analysen über einen längeren Zeitraum könnten den Beweis erbringen, so Ott. Die starken Regenfälle sieht der Experte jedoch als "Indiz für den beginnenden Klimawandel", als "Warnschuss vor den Bug".

Eine Veränderung des Klimas haben Forscher auch in Deutschland registriert. In den vergangenen hundert Jahren sei die jährliche Niederschlagsmenge hier zu Lande im Schnitt um zehn Prozent angewachsen, berichtet Christian Schönwiese vom Institut für Meteorologie und Geophysik der Goethe-Universität in Frankfurt. In diesem Zeitraum sei die Temperatur weltweit um durchschnittlich 0,7 Grad Celsius angestiegen, in Deutschland sogar um 0,9 Grad Celsius, so der Wissenschaftler, der auch Mitglied im Uno-Klimaforschergremium IPCC ist.

Gerade in den letzten Jahrzehnten scheint sich ein Trend abzuzeichnen. Allein seit 1970 seien die Winter in Europa um zwei Grad Celsius wärmer geworden, so Schönwiese gegenüber der "Frankfurter Rundschau". Zwar seien die Sommertemperaturen gleichzeitig nur um 0,7 Grad Celsius gestiegen, dafür seien aber die Niederschläge in der warmen Jahreszeit nach anfänglichem Rückgang in den letzten Jahren wieder angewachsen. Auch sei auffallend, dass sich der Regen nicht gleichmäßig über die Monate verteile. Immer öfter käme er in extremen Regenfällen vom Himmel herab.

Für eine Zunahme der Unwetter in manchen Regionen sprechen auch Daten des Deutschen Wetterdienstes. So hat sich nach den Messungen in Oberbayern allein in den vergangenen 120 Jahren die Häufigkeit der Starkniederschläge fast verdoppelt. Die Anzahl der Tage pro Jahr, an denen mehr als 30 Millimeter Niederschlag pro Quadratmeter fielen, erhöhte sich von 2,8 auf 5,2. Zugleich habe die Temperatur in dieser Region seit Beginn des vorherigen Jahrhunderts um rund ein Grad Celsius zugenommen.

Grafik zur Erderwärmung
Zur Großansicht
DER SPIEGEL

Grafik zur Erderwärmung

Durch die globale Erwärmung häufen sich Klimaforschern zufolge in einigen Teilen der Erde die extremen Wetterbedingungen. Auch wenn das Gesamtsystem äußerst komplex ist, lassen sich verstärkt auftretende Niederschläge einfach erklären. "Die Atmosphäre erwärmt sich", so der Klimaforscher Mojib Latif vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. "Wärmere Luftmassen nehmen mehr Wasser auf. Das führt zwangsläufig dazu, dass mehr Regen fällt."

Da Wetterverschiebungen eher langsam vor sich gingen, werde Deutschland zunächst noch nicht jedes Jahr von Unwettern betroffen sein, so Latif. Dennoch rechnet der Experte mit gravierenden Veränderungen in der Zukunft: "Im Sommer werden wir Überschwemmungen haben, im Winter heftige Stürme". Durch die Erwärmung werde zudem die Schneefallgrenze steigen: "Oben wird es mehr schneien als bisher."

An das veränderte Klima wird man sich wohl gewöhnen müssen - das prognostizieren zumindest Europas Klimaexperten. "Wir müssen uns auf heftige Hagelschläge, ergiebige Regenfälle und starke Stürme einstellen", so Latif. "Das Wetter hat uns mit dem Regen der vergangenen Wochen nur einen Vorgeschmack darauf gegeben, was in 50 Jahren ganz alltäglich sein wird."

Social Networks

  • Twitter
  • Facebook
  • MySpace
  • deli.cio.us
  • Digg
  • Folkd
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • Newsvine
  • reddit
  • StumbleUpon
  • Windows Live
  • Yahoo! Bookmarks
  • Yigg

© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH





Service von SPIEGEL-ONLINE-Partnern