Von Alwin Schröder
Der 16. Mai 2003 war kein guter Tag für Kenia, seinen Tourismus, seine Nationalparks und vielleicht auch für seine Tiere. Denn Kenias Innenminister Chris Murungaru berichtete, Flüge von British Airways nach Nairobi könnten Ziel von Anschlägen werden. Nach Erkenntnissen von Geheimdiensten halte sich der weltweit gesuchte Terrorist Fasul Abdullah Mohammed wieder in Kenia auf. Der Qaida-Terrorist plane erneut ein Attentat auf "westliche Interessen" in Kenia.
Es folgte eine Kettenreaktion der Angst: Sofort stellte British Airways den Flugverkehr in die Hauptstadt Kenias ein, denn London befürchtete eine "unmittelbare Gefahr" für die britischen Bürger. Touristen, die nach Ostafrika reisten, sollten vorsichtig sein, besonders auf öffentlichen Plätzen, die von Ausländern besucht würden. Israels Fluggesellschaft El Al schloss sich British Airways an, und auch das Auswärtige Amt in Berlin riet von nicht notwendigen Reisen nach Kenia, Tansania und Dschibuti ab, was Stornierungen und einen Rückgang von Buchungen bei großen Reiseveranstaltern wie der TUI oder dem auf Tierbeobachtungen spezialisierten "African Safari Club" zur Folge hatte. Mit fast 60.000 Besuchern war Deutschland für Kenia im Jahr 2002 nach Großbritannien (91.500) der bedeutendste touristische Markt.
Doch nicht nur die Tourismusbranche leidet unter einem Rückgang von Safari-Gästen in den weltberühmten Reservaten Serengeti, Amboseli, Masai Mara oder Tsavo mit seinen "Big Five" Elefant, Löwe, Leopard, Nashorn und Büffel. Auch der Tierschutz gerät dann in Gefahr. "Überall dort, wo es Kriegsgebiete gibt, wird es extrem schwierig, Naturschutz zu betreiben", weiß Volker Homes, Artenschutzexperte vom World Wide Fund For Nature (WWF).
Von Kriegszuständen wie im benachbarten Kongo ist Ostafrika zwar weit entfernt, aber ausbleibende Touristen bedeuten einen massiven Devisenrückgang und damit auch eine Verschlechterung der Lebensbedingungen für die Bevölkerung. "Der Tourismus ist eine Alternative zur Nutzung der Tiere, weil durch das friedliche Beobachten von Elefanten oder Löwen Einkommen erzielt werden", sagt Homes. Sei dies nicht mehr der Fall, müsse sich die Bevölkerung zwangsläufig anders orientieren, und die Wilderei könne zum Beispiel wieder zunehmen in den Tierparks. Homes: "Statt der Kamera wird dann mit dem Gewehr geschossen."
Wilderer, die es zum Beispiel auf das Elfenbein der Elefanten abgesehen haben, können ebenso leicht wie Terroristen nach Kenia gelangen, denn die Grenze zu Somalia ist durchlässig. Auch zwischen Kenia und Tansania ist ein illegaler Grenzübertritt jederzeit möglich.
Die meisten Einheimischen können sich keine Safari leisten
Den meisten Einwohnern in Kenia oder Tansania jenseits der Reservate sind wilde Tiere und die damit verbundenen Emotionen wie bei westlichen Touristen ohnehin fremd. Da sie sich den Eintritt in die Parks kaum leisten können, haben sie noch nie einen Elefanten oder ein Nashorn zu Gesicht bekommen. Im schlimmsten Fall könnte sich ereignen, was in Nationalparks in anderen Regionen der Erde seit langem Realität ist: In den Naturreservaten Indonesiens mit seinen Orang-Utans oder in Zentralafrika mit seinen Gorillas, Bonobos und Schimpansen bestehen die Schutzzäune nur noch auf dem Papier. Längst dringen die Menschen dort ein, um an Brennholz zu kommen - oder an "Bushmeat", das ihnen die wilden Tiere liefern, die vom Aussterben bedroht sind. Von 1983 bis 2000 sank die Dichte der Schimpansen und Gorillas im Kongo und in Gabun zum Beispiel um durchschnittlich 56 Prozent, in einigen Gegenden verschwanden sogar 99 Prozent.
Noch sind solche Szenarien in Kenia oder Tansania Spekulation - aber eine "Befürchtung, die nicht so weit hergeholt ist", glaubt WWF-Experte Homes. Elefanten, die die geschützte Savanne verlassen und Maisfelder zerstören, sind ein regelmäßiges Ärgernis für die Landwirte.
"Al-Qaida ist wie ein verwundetes Tier"
Ohne Tourismuseinnahmen könnte eine Regierung in Ostafrika überlegen, ob es die wenigen Nashörner weiterhin wert sind, Geld in ihren Schutz zu investieren. Das wäre ein fataler Fehler, meint Homes: "Kenias größtes Kapital ist eine intakte Natur, die der Besucher aus dem Westen spannend findet." Die 26 Nationalparks und 38 Wildreservate sind eine der Hauptattraktionen des Landes.
Die Bevölkerung müsse aufgeklärt werden über ihre wertvollen Ressourcen, von denen sie dann auch profitieren könne, wünscht sich Homes. Auch die nachhaltige Nutzung von Tierarten könne zu ihrer Erhaltung dienen: "Wenn Sie jemandem erklären können, dass in Tansania eine Abschussquote von Leoparden, die in vielen Regionen hochgradig gefährdet sind, dem Naturschutz dient, weil das Geld der reichen westlichen Jäger wieder in den Naturschutz investiert wird, haben Sie es geschafft, Konzepte zu vermitteln", sagt Homes. "Schutz und Nutzung hängen zusammen."
Noch ist die Hoffnung groß, dass es zu keinen weiteren Anschlägen in Ostafrika kommt und dass die Touristen ihre Angst verlieren - auch wenn ein Islam-Experte wie Peter Scholl-Latour meint: "Absolut sicher sind Touristen nirgendwo mehr." Der pensionierte US-General Wayne Downing, bis Juli 2002 im Pentagon für die Terrorbekämpfung zuständig, vergleicht al-Qaida mit einem verwundeten Tier: "Es ist vielleicht nicht in der Lage, dich schnell zu attackieren, aber wenn du in seine Reichweite gerätst, wird es zuschlagen."
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