Das Kinderkriegen ist für den Stichling eine anstrengende Sache: Zunächst muss er das Weibchen mit seinem roten Bauch betören, Tänze vollführen und ihren Schwanzansatz massieren. Wenn sie dann endlich in seinem Nest abgelaicht hat, kann er seinen Samen darüber ergießen - um kurz danach allein mit dem Nachwuchs zurückzubleiben.
Zwei Wochen lang muss der werdende Vater den Laich umhegen, ihm sauerstoffreiches Wasser zufächeln und abgestorbene Eier entfernen - "ein harter Job, der ihn rund zwei Drittel seiner Zeit kostet", wie der Zoologe Marc Zbinden weiß. Da kann es sich der Stichling nicht leisten, fremden Nachwuchs hochzupäppeln. Denn auch unter Fischen gibt es Nestbetrug: Rivalen versuchen, ihre Gene ohne lästige Aufzuchtarbeit weiterzugeben, indem sie Eier heimlich befruchten.
An der Universität Bonn hat Zbinden erforscht, wie männliche Stichlinge auf derlei Betrugsversuche reagieren. Der Schweizer Wissenschaftler, der mittlerweile an der Universität Fribourg arbeitet, konfrontierte die Fische vor dem Liebesspiel mit einem virtuellen Konkurrenten: einem computeranimierten Casanova, dessen Aussehen und Verhalten sich beliebig verändern ließ.
Mit dem Fisch-Fernsehen wurde den Vätern in spe einmal ein beschäftigter Stichlingspapi vorgegaukelt, ein anderes Mal schien ein balzender Nebenbuhler nur auf die Gelegenheit zu warten, seinen Samen dazuzugeben. Auf den mutmaßlichen Rivalen reagierten die Männchen mit erhöhtem Einsatz bei der anschließenden Paarung: Ihre Spermienzahl lag in diesem Fall, wie Zbinden und Kollegen im "Journal of Behavioral Ecology and Sociobiology" berichten, durchschnittlich um 75 Prozent höher.
Normalerweise haushalten die Männchen mit ihrem Samen, den sie nur im Herbst produzieren. Die Aussicht, ein Konkurrent könne sie um den Lohn ihrer Balz- und Aufzuchtmühen bringen, veranlasst sie jedoch zu einem verschwenderischeren Umgang. Letztendlich ist die Befruchtung eine Lotterie, philosophiert Zbinden: "Bei einer Verlosung hat auch derjenige die größten Erfolgsaussichten, der die meisten Lose kauft."
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