Steve O'Shea erstarrte in Ehrfurcht, als er im April erstmals sein Studienobjekt sah: ein fünf Meter langer Gallertkalmar, gefangen von Fischern in der antarktischen Ross-See. Fangarme mit spitzen Krallen und ein messerscharfer Schnabel starrten dem Meeresbiologen vom neuseeländischen National Institute of Water and Atmospheric Research entgegen.
Der Fund, der weltweit Aufsehen erregte, weckte offenbar O'Sheas Jagdfieber. Er hat es nun auf eine noch größere Art abgesehen: den sagenumwobenen Riesenkalmar Architeuthis dux, das größte wirbellose Tier der Welt, das Schätzungen zufolge bis zu 20 Meter lang und fünf Zentner schwer wird. O'Shea will schaffen, was bisher noch keinem Menschen gelungen ist: die kolossalen Kopffüßer innerhalb ihres natürlichen Lebensraums zu filmen.
Keimdrüsen aus der Kühltasche
Der Forscher glaubt, dass die Riesenkalmare einmal im Jahr zur Paarung in eine bestimmte Region vor Neuseeland kommen. Er vermutet außerdem, dass die Weibchen einen sexuellen Lockstoff absondern, um einen Partner zu finden - ähnlich wie ihre nahen Verwandten, die Tintenfische. "Ich habe zu Hause eine Kühltasche voller Keimdrüsen von Riesenkalmaren", sagte O'Shea der britischen BBC. "Übrigens sehr zum Ekel meiner Frau."
Kalmare aber, hofft der Forscher, werden den Lockstoff ganz unwiderstehlich finden. "Wir werden die Kalmar-Keimdrüsen zerreiben und das Püree in der Nähe der Kameras ins Meer spritzen." Die selbst gerührte Sex-Melange werde die Männchen, so hofft O'Shea, "zur absoluten Ekstase" treiben. Die im Wasser schwebenden Kameras sollen durch die Geräusche vorbei schwimmender Tiere aktiviert werden. Was dann kommt, bezeichnete O'Shea als "einen Traum": "Wir werden sensationelles Bildmaterial von einem Riesenkalmar bekommen, der mit unserer Kamera obszöne Dinge macht."
Mit dem Penis unter die Haut
Der Sex der Riesenkalmare gehört nach bisherigen Erkenntnissen zu den ungewöhnlichsten Paarungsritualen in der Tierwelt. Als erstmals ein befruchtetes Weibchen mit noch intakter Haut gefunden wurde, stellten die Forscher fest, dass seine Arme mit kleinen Löchern übersät waren, unter denen Spermienschwänze hervorlugten. Riesenkalmar-Männchen wiederum besitzen einen kräftigen Penis. Das unterscheidet sie von den meisten anderen Kalmar-Arten, deren Männchen mit ihren Armen Sperma-Pakete zum Weibchen bugsieren.
Die Biologen spekulieren, dass Riesenkalmar-Männer ihren Samen buchstäblich in die Haut ihrer Partnerin spritzen. "Die beiden verhaken sich mit ihren Schnäbeln", glaubt O'Shea. "Das Männchen injiziert sein Sperma in die Arme des Weibchens, indem er seinen enormen Penis wie eine riesige Nadel benutzt." Die Weibchen bewahrten den Samen unter ihrer Haut auf, bis sie zur Eiablage bereit seien.
Weibchen trägt Samen unter der Haut
Sei dieser Zeitpunkt gekommen, stoße das Weibchen eine Riesen-Portion Eier zusammen mit einer gallertartigen Masse aus. "Danach beginnt entweder die Haut zu faulen, so dass die Spermien nach außen gelangen", vermutet O'Shea, "oder aber das Weibchen öffnet seine Haut mit ihrem Schnabel oder ihren Saugnäpfen."
Bisher verhinderten die Lebensgewohnheiten der Riesenkalmare, dass sie weder bei der Jagd noch bei der Paarung gefilmt werden konnten. Sie leben in einer Tiefe von schätzungsweise 500 bis 1500 Metern, wo Finsternis, Kälte und großer Druck herrschen. An die Meeresoberfläche kommen sie nur kurz vor dem Tod - oder aber im Magen eines Pottwals.
Meeresbiologen können bislang nur spekulieren, wie alt Architeuthis dux wird, wie er sich verhält und wie schnell er schwimmen kann - wenngleich sie annehmen, dass die rasante Verfolgungsjagd nicht zu den Stärken des Raubtiers gehört. "Wahrscheinlich hängt er im Wasser und lauert auf Beute", sagte Mark Norman, Meeresbiologe am australischen Museum of Victoria. "Er nutzt Chemikalien aus seinem Urin zur Herstellung einer Ammoniaklösung, die in kleinen Beuteln überall in den Muskeln verteilt ist."
Frustrierte Kamera-Wale
Da Ammoniak eine geringere Dichte besitzt als Wasser, lässt es die Kalmare unter Wasser schweben. Unter Tiefsee-Bewohnern, erklärt Norman, ist das nichts Ungewöhnliches, da sie mitunter monatelang auf Mahlzeiten warten und Energie sparen müssen.
Die zehnarmigen Kalmare, die ihre Beute mit den Furcht erregenden Krallen zweier Fangtentakel schnappen, werden regelmäßig auch selbst zu Gejagten. Pottwale etwa bestreiten Schätzungen zufolge 30 bis 40 Prozent ihrer Ernährung mit dem Fressen von Kopffüßern. Das brachte Wissenschaftler bereits auf die Idee, auf gewagte Art eine erste Film-Attacke auf die Riesenkalmare zu starten. Sie befestigten Kameras an den Köpfen von Pottwalen und hofften so, einen Kalmar wenigstens in dessen letzten Momenten zu Gesicht zu bekommen. "Aber alles, was dabei herauskam", sagte Meeresbiologe Norman, "waren frustrierte Wale."
Markus Becker
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