Galapagos-Schildkröten scheinen über ein ganz besonderes Gedächtnis zu verfügen. Kurz vor ihrem Tod können die schwerfälligen Tiere auf ein in der Regel 150 Jahre langes Leben zurückblicken. In ihren Genen sind dagegen noch weitaus ältere Informationen gespeichert.
Zumindest dann, wenn sie an den Hängen eines urzeitlichen Vulkans leben, wie ein US-Forscherteam nun im Fachmagazin "Science" berichtet. Auf der Suche nach historischen Genspuren hat Luciano Beheregaray von der Yale University in New Haven zusammen mit seinem Team die genetische Vielfalt aller fünf Schildkrötenpopulationen untersucht, die auf der kleinen Galapagos-Insel Isabela leben. Die Vulkaninsel tauchte erst vor rund 500.000 Jahren aus dem Ozean auf.
Bei der Analyse ihrer Daten stellten die Biologen fest, dass die mit bis zu 5000 Exemplaren größte Population auf der Insel genetisch deutlich einförmiger ist als die vier anderen untersuchten Gruppen. Die Vertreter der genetisch jungen Population leben dabei hauptsächlich an den Hängen des Vulkans Alcedo.
Dass die Schildkröten mit ihrem auffälligen Erbgut einst durch Walfänger dezimiert wurden, bevor sich aus einer geringen Zahl von Tieren die neue Population aufbauen konnte, schließen die Forscher aus. Vielmehr dürfte der Alcedo das Schicksal der Tiere nachhaltig beeinflusst haben.
Denn im Gegensatz zu den anderen Vulkanen auf Isabela brach der Feuerberg vor rund 100.000 Jahren in einer gewaltigen Explosion aus. Der Lebensraum der Schildkröten wurde, so die Forscher, meterhoch mit Bimsstein bedeckt. Die Population schrumpfte extrem, ein genetischer Flaschenhals entstand.
Auch den ungefähren Zeitpunkt der Katastrophe konnten die Wissenschaftlern in den Genen ausmachen: Durch Vergleich der Variationen aller fünf Arten kamen sie zu dem Schluss, dass sich die Alcedo-Linie vor rund 88.000 Jahren von ihren Artgenossen abgespalten hat. Für Beheregaray ein erfreuliches Ergebnis: "Das zeigt uns, wie wichtig ein molekularer Ansatz ist, wenn demographische Informationen aus der Vergangenheit nicht auf anderen Wegen zu erkennen sind."
Alexander Stirn
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