In den Baumwipfeln des Wiener Waldes geht es zu wie in einem großen Swingerclub für Singvögel. Blaumeisen-Männchen und -Weibchen leben in festen Zweierbeziehungen und betrügen einander gleichzeitig mit einer Inbrunst, dass Evolutionsbiologen an ihren Thesen zweifeln. Das fröhliche Bäumchen-Wechsel-Dich bleibt nicht ohne Folgen: Jedes sechste Küken in den Nestern hat einen fremden Vater.
Besonders die Untreue der Weibchen konnten sich Wissenschaftler bislang kaum erklären, schließlich riskieren die Vögel, ihre Brut allein großziehen zu müssen. Doch die häufigen Seitensprünge bringen den Weibchen evolutionäre Vorteile, wie Ornithologen der Max-Planck-Forschungsstelle Starnberg und des Zoos Oslo in einer vierjährigen Studie festgestellt haben. "Fremdgehen erhöht die genetische Vielfalt der Nachkommen", schreiben sie in der Zeitschrift "Nature".
Ein Männchen für Zuhause, viele für den Sex
Nach Beobachtungen der Wissenschaftler wählen sich Blaumeisen-Weibchen nur einen einzigen Partner, der den Nistplatz verteidigt und bei der Jungenaufzucht hilft. Da viele Weibchen zur gleichen Zeit Partner und Nistkasten suchen, entspricht der Auserwählte selten dem genetischen Traummann. Fremdgehen bleibt somit die einzige Option, um den Genpool der Nachkommen aufzubessern.
Dabei wählen die untreuen Weibchen ihre Sexpartner ganz gezielt aus. Sie kopulieren besonders gern mit exotischen Männchen aus fernen Wäldern, deren Gene sich stark von den eigenen unterscheiden. So vermeiden sie Schäden bei ihren Nachkommen durch Inzucht, denn in der Regel stehen sich Blaumeisen einer Population genetisch relativ nah. "Die Folgen von Inzucht haben in der Evolution des weiblichen Seitensprungs möglicherweise eine große Rolle gespielt", sagt Max-Planck-Forscher Bart Kempenaers.
Der Ehebruch findet frühmorgens statt. Die Weibchen fliegen wie eine Horde Sextouristen aus, während ihre Gatten noch selig schlafen oder voll Hingabe den Wald beschallen. Die Ornithologen vermuten, dass die Weibchen genetisch attraktive Partner an dem kräftigen Blauschimmer ihres Scheitels erkennen, dem wichtigsten äußeren Geschlechtsmerkmal der Männchen. Bart Kempenaers: "Wir haben festgestellt, dass genetisch vielfältige Männchen kräftiger gefärbte Federn haben". Und eigentlich, fügt er hinzu, müssten die Blaumeisen UV-Meisen heißen, denn ausschlaggebend sei die starke Reflektion in dem für Menschen unsichtbaren Ultraviolett-Bereich.
Ausflug zum Nachbarbaum
Falls gerade kein weit gereister Vogel mit frischem Genmaterial greifbar ist, dann lässt sich eine Blaumeise auch mit einem Blaumeiserich vom Nachbarbaum ein. Aber längst nicht mit jedem: "Liebhaber aus der Nachbarschaft waren älter und größer gewachsen als der eigene Partner", sagt Kempenaers. Auch hier folgen die Weibchen mit ihrem Verhalten offenbar einer strengen Evolutionslogik: Von den vitalen Senioren erhoffen sie sich besonders starke Einzelgene. Der starke Körperbau verspricht bessere Konkurrenzfähigkeit, erhöhte Vitalität und eine besser Abwehr von Krankheiten.
Die Polygamie stürzt die Blaumeisen offensichtlich in keinerlei Beziehungskrisen. Dass ein gehörntes Männchen seine untreue Partnerin verstößt, haben die Ornithologen jedenfalls noch nicht beobachtet. "Wir glauben, dass die Männchen die Promiskuität der Weibchen in der Regel gar nicht bemerken", sagt Kempenaers. Eine Trennung kommt für die Männchen ohnehin kaum in Betracht. "Der Aufwand, eine neue Partnerin zu finden, ist einfach zu hoch."
Michael Pollack
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