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21.11.2003
 

Massensterben

Neuer Verdacht gegen kosmische Killer

Von Alexander Stirn

Haben Meteoriten nicht nur die Dinosaurier ausgerottet, sondern vor 250 Millionen Jahren auch das größte Massensterben aller Zeiten ausgelöst? Die Indizien mehren sich - auch wenn so mancher Forscher noch nicht von der Schuld der kosmischen Killer überzeugt ist.

Meteoriteneinschlag: Löste ein kosmisches Geschoss das Massensterben vor 250 Millionen Jahren aus?
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NASA

Meteoriteneinschlag: Löste ein kosmisches Geschoss das Massensterben vor 250 Millionen Jahren aus?

"Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen", befiehlt der Polizeichef im Klassiker "Casablanca". Und zwar immer dann, wenn er nicht mehr weiter weiß. Ganz so ratlos sind die Erforscher des Erdmittelalters nicht, doch auch sie haben ihre altbekannten Kunden: Wenn es um die zu jener Zeit nicht unüblichen Massensterben in der Tier- und Pflanzenwelt geht, kommen die Hauptverdächtigen in der Regel aus dem Weltall.

In detektivischer Kleinarbeit haben Wissenschaftler zuletzt aufgezeigt, dass die Dinosaurier von einem Meteoriten oder Asteroiden ausgerottet wurden. Die Beweislage ist so erdrückend, dass ihr mittlerweile die meisten Forscher folgen.

Doch auch andere erdgeschichtliche Katastrophen werden mit einem Einschlag aus dem Weltraum in Zusammenhang gebracht: So soll vor rund 250 Millionen Jahren, als beim Übergang vom Erdzeitalter Perm zum Trias 90 Prozent aller Meereslebewesen und 70 Prozent der Landbewohner ausstarben, ebenfalls ein Meteorit im Spiel gewesen sein. Handfeste Beweise für diese Hypothese fehlten bislang allerdings.

"Deutlicher Beweis für einen Einschlag"

Ausgerechnet in den Eiswüsten der Antarktis will Asish Basu von der University of Rochester im US-Bundesstaat New York jetzt auf eine wichtige Spur gestoßen sein. Wie der Geochemiker zusammen mit Kollegen im Fachmagazin "Science" schreibt, hat er zehn bis 20 Zentimeter unter der felsigen Oberfläche etwa 40 Meteoritenbruchstücke gefunden. Für Basu sind die bis zu 0,4 Millimeter großen Splitter ein "deutlicher Beweis für einen Einschlag am Übergang zum Trias".

Andere Forscher sind da nicht so sicher: Zwar bestreitet niemand, dass die Fragmente tatsächlich aus dem Weltall gekommen sind, wie sie 250 Millionen Jahre beinahe unverändert überlebt haben, bleibt indes fraglich. Birger Schmitz von der Universität Göteborg, der selbst schon uralte Meteoriten ausgegraben hat, meint gegenüber "Science": "Mein Bauchgefühl sagt mir, da ist irgendwas faul."

Basu und seine Kollegen sehen das naturgemäß anders und verweisen auf weitere Indizien. So haben Wissenschaftler vor zwei Jahren in China genau am Übergang der beiden Erdzeitalter kondensiertes Eisen entdeckt, wie es normalerweise auf der Erde nicht vorkommt.

Auch Luann Becker, Chemikerin an der University of California und Mitglied in Basus Team, ist zuletzt auf verräterische Fullerene aus genau dieser Zeit gestoßen. In den fußballartigen Kohlenstoffmolekülen waren Gase eingeschlossen, die eindeutig nicht von dieser Welt stammen. Versuche anderer Forscher, ebenfalls auf solch außerirdische Beweise zu stoßen, scheiterten bislang allerdings. Becker sieht die Schuld ganz klar bei ihren Kritikern: "Niemand hat versucht, meine Ergebnisse zu wiederholen - mit denselben Proben oder Experimenten."

Dünne Beweislage

Die Spuren scheinen - jede für sich genommen - unscheinbar, doch damit haben Geologen zu leben gelernt. Die Untersuchung verräterischer "Marker", so unscheinbar sie auch sein mögen, gehört zu einer ihrer Kernaufgaben bei der Suche nach Meteoriteneinschlägen. Zeitzeugen gibt es nicht, die Kraterspuren sind schon lange verwittert.

Auch bei der kosmischen Katastrophe, die allem Anschein nach das Ende der Dinosaurier eingeleitet hat, war die Indizienlage zunächst eher dünn. Einzig ein deutlicher Anstieg des Iridiumgehalts vor 65 Millionen Jahren brachte Geologen auf die Spur eines Meteoriten oder Asteroiden. Denn Iridium, ein seltenes Metall, kommt auf der Erde kaum vor. Erst später entdeckten die Forscher auf der Halbinsel Yucatan zusätzlich seltsam geformte Mineralien, die offensichtlich nur unter dem Einfluss eines gewaltigen Einschlags entstanden sein können.

Hundertprozentig ist die Schuld am Tod der Saurier damit nicht bewiesen. Doch die Indizien sprechen für sich. Vor allem, nachdem ein Alibi, das Gegner der Meteoriten-Hypothese gerne vorbringen, langsam zu bröckeln beginnt: Wie US-Forscher ebenfalls in der aktuellen "Science"-Ausgabe schreiben, haben heftige Vulkanausbrüche vor 66 Millionen zwar die weltweiten Temperaturen stark ansteigen lassen, mit dem Massensterben zu jener Zeit dürften sie aber relativ wenig zu tun haben.

Vulkanismus scheidet wahrscheinlich aus

Den Geochemikern Greg Ravizza und Bernhard Peucker-Ehrenbrink ist es erstmals gelungen, den genauen Zeitpunkt der vulkanischen Aktivitäten zu bestimmen, die damals massenweise das Klimagas Kohlendioxid freisetzten und weite Teile des indischen Subkontinents unter Lavamassen begruben. Geholfen hat den Forschern dabei Basaltgestein: Sobald die erstarrte Lava mit Seewasser in Berührung kam, hat sich das Massenverhältnis zweier Varianten des Elements Osmium verschoben.

Über diesen Umweg glauben die Wissenschaftler, den Zeitpunkt der Vulkanausbrüche mit einer Genauigkeit von rund 10.000 Jahren vorhersagen zu können. Demnach brachen die Feuerberge bereits mehrere hunderttausend, vielleicht sogar eine Million Jahre vor dem Ende der Dinosaurier aus. "Es ist daher unwahrscheinlich", so die Forscher in "Science", "dass der Vulkanismus einer der Hauptverursacher des Artensterbens am Ende der Kreidezeit war."

Hauptverdächtige sind damit einmal mehr die Meteoriten.

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