Innovative Technik ist bei manchen Affen eine Frage der Kultur. Sie entwickelt sich nur in bestimmten Gruppen und muss von jeder Generation neu erlernt werden. Im Gombe-Nationalpark in Tansania beispielsweise stochern Schimpansenweibchen mit Stöckchen in den Löchern von Termitenbauten herum und fressen dann die Insekten, die sich daran festgebissen haben. Ihre Kinder beobachten sie dabei.
Doch während die Töchter ihren Müttern sehr bald nacheifern, verbringen die Söhne mehr Zeit mit Balgereien. So werden die Weibchen viel geschickter als die Männchen und kopieren auch sehr genau die Technik ihrer Mutter, wie Elizabeth Lohnsdorf von der University of Minnesota beobachten konnte.
Im westafrikanischen Tai-Nationalpark hat sich hingegen eine andere Kultur der Insektenjagd entwickelt. "Während die Schimpansen in Gombe lange Stöcke verwenden und die Termiten davon mit den Händen absammeln, benutzen ihre Artgenossen im westafrikanischen Tai-Nationalpark kurze Werkzeuge und stecken diese mit den daran hängenden Ameisen direkt in den Mund", berichtet Tobias Deschner vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig.
Für diese Unterschiede sind vor allem die Weibchen verantwortlich: Zwar verwenden in einer Region beide Geschlechter die selbe Technik, doch diese wird von den Kindern nur durch das Vorbild der Mütter erlernt. Dass dabei Mädchen gelehriger sind als Jungs, liegt nach Ansicht von Deschner an den jeweiligen Rollen der Geschlechter.
Weibchen müssen vor allem ihre Kinder mit Nahrung versorgen. Für Männchen ist es dagegen wichtiger, eine hohe Rangposition zu erringen. Die dafür notwendigen Fähigkeiten erwerben sie in spielerischen Balgereien.
Weibchen fördern außerdem die Verbreitung der Werkzeugkultur, weil sie nach ihrer Geschlechtsreife in eine neue Gruppe wechseln. Ihr Wissen über Termitenangeln oder Nüsseknacken verschafft ihnen dort zunächst einen Vorteil und wird dann von ihren Kindern kopiert, vermutet Deschner. "In den Umgangsformen wird sich ein Weibchen jedoch der neuen Gruppe anpassen, denn ein abweichendes Sozialverhalten würde ihr vermutlich schaden", sagt der Wissenschaftler.
Eine solche Anpassung an die Gepflogenheiten in einer neuen Gruppe zeigen auch junge Anubis-Pavianmännchen. Robert Sapolsky und Lisa Share von der kalifornischen Stanford University konnten beobachten, wie dadurch eine ungewohnt friedfertige Paviankultur entstand. Die Forscher untersuchten über mehrere Jahre eine Gruppe im Masai-Mara-Reservat in Kenia. 1982 starben viele Männchen des Trupps an Tuberkulose, weil die Tiere sich an Fleischabfällen aus menschlichen Abfallgruben infiziert hatten.
Da sich dort nur die aggressivsten Männchen ihren Anteil sichern konnten, bestand die Restgruppe vorwiegend aus Weibchen und einigen sanftmütigen Männern. Später wanderten jüngere Männchen aus anderen Gruppen zu. Diese übernahmen die friedlicheren Umgangsformen. Davon profitierten vor allem rangniedrige Männchen, die nicht - wie in anderen Gruppen - ständig von den ranghohen Pavianmännern attackiert wurden. Diese "Underdogs" produzierten daraufhin deutlich weniger Stresshormone als früher.
Diese friedlichen Umgangsformen hatten sich auch nach über zehn Jahren nicht geändert, als nur noch zugezogene Männchen in der Gruppe lebten. Bei einer anderen Gruppe von Anubis-Pavianen, die im selben Gebiet lebte, fand dieser Wandel zur Friedfertigkeit nicht statt. Der Unterschied zwischen den Gruppen konnte deshalb nicht durch veränderte Umweltbedingungen erklärt werden, sondern musste kulturell bedingt sein.
Neben der Nachahmung friedlicher Pavianmänner durch den männlichen Nachwuchs war nach Ansicht von Sapolsky und Share auch hier das Verhalten der Weibchen wesentlich für den Wandel. Während in den meisten Trupps die Paviandamen freundliche Annäherungen der Männchen regelmäßig zurückweisen, kam es in der neuen Gruppe sehr viel häufiger zu einer wechselseitigen Fellpflege zwischen den Geschlechtern. Damit trugen die Frauen wahrscheinlich wesentlich zur friedlichen Stimmung in der Gruppe bei.
Thomas Kappe, ddp
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