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"Verschwinde da!" Hoover, der sprechende Seehund

2. Teil: "How are you?" - Lesen Sie im zweiten Teil, wie Forscher herauszufinden versuchen, warum "Hoover" so gut sprechen konnte

Seehunde: Töne formen wie ein Mensch
DPA

Seehunde: Töne formen wie ein Mensch

Chucks Sprechkarriere beginnt im Jahr 2001. Eines Tages kommt seine Trainerin Cheryl Clark mit ihrem Fischeimer an den Pool und gibt Chuck ein Signal zum Lautausstoß. Aus seinem Bellen und Grunzen hört sie ein "How are you?" heraus. Von jetzt an lockt sie ihn mit Fisch auf das Poolufer und spricht ihm deutlich "How are you?" vor. "Wir verstärken immer nur, was der Seehund selbst anbietet", erläutert die Trainerin. Inzwischen antwortet Chuck oft mit einem klaren "How are you?". "Dabei benutzt er die gleichen Sprechorgane wie wir", sagt Clark, "er öffnet den Mund, bewegt leicht die Lippen, die Nasenlöcher, die Zunge und den Kehlkopf."

Bis Hoover auftauchte, war Forschern bei Seehunden kein sprachliches Nachahmungstalent aufgefallen. Diese Fähigkeit, nicht angeborene Laute zu imitieren, ist eine erste Voraussetzung für das Herausbilden von Sprache. Über sie verfügen nur wenige Lebewesen unseres Planeten: der Mensch, einige Delfine und Wale sowie etwa 300 Vogelarten. So kann der amerikanische Mockingbird - zu Deutsch: die Spottdrossel - den Gesang von 80 Vogelarten sowie Türknarren und Handyklingeln nachahmen.

Die Mitglieder dieses zusammengewürfelten Clubs, dem jetzt wohl auch Seehunde zuzurechnen sind, haben eines gemeinsam: eine gute Atemkontrolle. Diese erlangten Meeressäuger und Vögel im Lauf der Evolution dadurch, dass sie ihre Bewegungen in Wasser und Luft mit einer effizienten Atmung koordinieren mussten. Entsprechend untalentiert in der Imitation fremder Laute zeigen sich unsere nächsten Verwandten, die Primaten. Sie sind zwar intelligent genug, von Wissenschaftlern Zeichensprache zu lernen, aber Wörter bringen sie nicht heraus.

Hoover und Chuck scheinen fremde Laute ähnlich zu erwerben wie einige Vogelarten. Frühprägung spielt eine entscheidende Rolle. Von Vögeln berichtet Deacon: "Sie hören als Küken bestimmte Klänge. Bis zur Geschlechtsreife sind sie so gut wie stumm. Dann reproduzieren sie die Klänge ihrer frühen Lebensphase - und lernen keine neuen mehr dazu." Auch Hoover habe nach der Geschlechtsreife offenbar hervorgebracht, was er von seiner ersten Bezugsperson hörte. Wegen einer Augeninfektion war auch Chuck als Heuler ständig in den streichelnden Händen der Aquariumsmitarbeiterinnen. Von ihnen mag er einen Satz besonders oft vernommen haben: "How are you?"

Vögel, Wale und Delfine imitieren unangeborene Laute mittels anderer Gehirnstrukturen und Artikulationswerkzeuge als der Mensch. "Der Seehund", so Tecumseh Fitch, Evolutionsbiologe an der schottischen University of St Andrews, "ist das einzige Lebewesen, das fremde Laute mit der Hilfe ähnlicher Gehirnstrukturen und Sprechorgane nachahmt wie wir."

Forschungen an Fossilienfunden haben kaum Erkenntnisse über die menschliche Sprachentwicklung gebracht. "Eine Vergleichsanalyse mit lebenden Arten, die zur Lautimitation fähig sind, ist eine viel versprechende Alternative", meint Fitch. Im Aquarium von St. Andrews möchte er Hoovers Fall rekonstruieren und jungen Seehunden das Sprechen beibringen.

Terrence Deacon, der heute an der kalifornischen Universität Berkeley lehrt, fürchtet, dass Fitchs Seehunden kein Wort über die Lippen kommen könnte. "Es fragt sich, warum nicht mehr Seehunde sprechen, wo doch viele in Aquarien von Menschen aufgezogen werden." Seine These: "Hoover litt wahrscheinlich als Welpe an einer Gehirnentzündung. Sie könnte eine Gehirnmanipulation verursacht und Hoovers graue Zellen zufällig den menschlichen näher gebracht haben." Bei einer Untersuchung nach Hoovers Tod im Jahr 1985 stellt ein Tierarzt Kalkablagerungen im Gehirn fest, was diese These erhärtet.

Kürzlich hat man im Boston Aquarium Hoovers Gehirn wiedergefunden. Deacon, der auch Neurowissenschaftler ist, will es demnächst untersuchen. Wenn die Zeit kommt, möchte er auch Chucks Gehirn analysieren. Falls Hoover einen sprachfördernden Gehirndefekt hatte, könnte er diesen an seinen Enkel vererbt haben. Fitchs Experiment hält Deacon jedoch für wichtig, um dem Mysterium der sprechenden Seehunde auf den Grund zu gehen.

An den Atlantikküsten Nordeuropas tummeln sich viele Vertreter der Hoover-Spezies Phoca vitulina. Sagen aus Schottland und Föhr erzählen von Seehunden, die sich in sprechende Menschen verwandeln. Wer weiß? Seehundstationen an der Nordsee setzen aufgefundene Heuler vor der Geschlechtsreife wieder aus. Vielleicht vertrauen später einige von ihnen - ob gehirngeschädigt oder nicht - den Wellen menschliche Worte an. Wer auf einer einsamen Wattwanderung also plötzlich Stimmen hört, möge an das Schild denken, das Mitarbeiter des Boston Aquarium am Seehundpool aufstellten: "Wenn Sie aus dem Wasser eine Stimme hören, ist das kein Grund zur Aufregung."

Katharina Kramer, mare

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