Von Jochen Bölsche
Zuerst nämlich wachsen, wenn es Stickstoff regnet, "die Wälder immer besser", wie der Forstwissenschaftler Siegfried Anders berichtet. Erst nach Jahren, sobald sich die Puffer- und Abwehrkräfte der Bäume erschöpft haben, "gewinnen die destruktiven Prozesse die Oberhand". Die zunächst rasch emporgeschossenen Bäume verlieren Nadeln und werden anfällig gegen Trockenheit und Schädlinge.
In Brandenburg etwa krepierte schon vor Jahren massenhaft die Kiefer. "Die Laubwälder halten zwar mehr aus", urteilte der Öko-Systemforscher Anders - aber "irgendwann" seien auch sie überfordert.
Dieser Zeitpunkt ist vielerorts spätestens in diesem Jahr erreicht worden. Mittlerweile trifft es auch die mythenumwobene Eiche, unter der die Germanen ihre heidnischen Götter verehrten und aus deren Ästen die keltischen Druiden ihre Zaubermisteln schnitten. Bei der Eiche, einst Symbol von Stärke und Ausdauer, ist der Anteil der Bäume mit Kronenverlichtungen nach dem aktuellen Künast-Bericht um weitere sechs Prozentpunkte auf 45 Prozent angestiegen.
Gesunde Buchen muss man suchen
Auf der Liste der aussterbenden Arten, hatte der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) schon vor Jahren geunkt, werde die deutsche Eiche bald "der Weißtanne Gesellschaft leisten". Und nicht nur die Eichen weichen - auch gesunde Buchen muss man suchen. Bei dieser Baumart vollzog sich dem Waldzustandsbericht zufolge die "stärkste Zunahme deutlicher Kronenverlichtungen". Der Anteil der geschädigten Bäume sei von 30 auf 55 Prozent gestiegen und habe sich damit nahezu verdoppelt.
Bereits vor zwölf Jahren, als sich erste Laubbaum-Schädigungen abzeichneten, hatte der BUND gefordert, "den nationalen Notstand auszurufen", wenn der Trend anhalte. Mittlerweile jedoch, so urteilte unlängst BUND-Geschäftsführer Gerhard Timm, scheine der Wald, anders als früher, Politikern aller Parteien nicht mehr am Herzen zu liegen. Auch im Hause der Grünen Künast würden die Waldschäden nur noch "verwaltet".
Dabei ist schon seit über einem Jahrzehnt bekannt, was geschieht, wenn Bauern auf ihren Äckern Jauche ausbringen: Bis zu 80 Prozent des darin enthaltenen Ammoniums verdampfen gleichsam und lösen, verstärkt durch Autoabgase, eine Serie fataler Kettenwirkungen aus. Schlimmste Folge: Der jahrmillionenlang funktionierende Giftschlucker und Wasserfilter Wald funktioniert nicht mehr. Er beginnt, die bislang herausgefilterten Schadstoffe in Form von Treibhausgasen und belastetem Trinkwasser wieder an die Umwelt abzugeben. "Da kommt dann aus dem Wald das gleiche raus wie aus dem Autoauspuff", sagte der Weihenstephaner Forstwissenschaftler Karl Kreutzer.
Der Teufelskreis der Ammoniakisierung
Die vielfältigen Folgen der allgegenwärtigen Ammoniakisierung sind kaum noch überschaubar. Die Übersättigung der Wälder mit Stickstoff, warnen Sachverständige seit Jahren,
Eine Spirale ohne Ende? Umweltschützer halten es jedenfalls für unabdingbar, den Ausstoß von Stickoxiden einschließlich des Agrar-Ammoniaks drastisch zu reduzieren.
Der "Autokanzler" müsste umsteuern
Dazu müsste die Regierung Gerhard Schröders, der sich gern als "Autokanzler" titulieren lässt, allerdings verkehrspolitisch entschieden umsteuern. BUND-Geschäftsführer Timm appellierte bereits an Verkehrsminister Stolpe, nicht zuletzt dem Wald zuliebe Schadstoffausstoß und Verbrauch neuer Fahrzeuge weiter zu senken.
Auch die Agraremissionen ließen sich sehr wohl mindern, etwa durch streng überwachte Düngeverordnungen und eine Größenbegrenzung für Massentierhaltungen. Praktikable Lösungsansätze haben deutsche Tierhygieniker entwickelt: Für die Zukunft des deutschen Waldes wäre aus der Sicht dieser Zunft bereits einiges getan, wenn die Landwirte dazu übergingen, die Futtermittelgaben weiter zu optimieren, die Viehstallabluft besser zu filtern und ihre zum Himmel stinkenden so genannten Gülle-Lagunen sorgfältig abzudecken.
Moskau, Kyoto und der deutsche Wald
Richtig ist zweifellos auch Künasts Hinweis, der beginnende Klimawandel setze die Bäume zusätzlichem Stress aus und trage zu den Waldschäden bei. Und zutreffend ist auch ihre Bemerkung, schon der Verzehr von Öko-Obst und -Gemüse trage zur Verminderung des Düngemittelverbrauchs bei.
Weiter aber als bis zur Empfehlung, Bio-Äpfel zu kaufen, mochte die Politikerin - verständlicherweise - nicht gehen. Nur Radikalökologen empfehlen strikten Vegetarismus als Heilmittel gegen das Vegetationssterben durch Rinderfürze.
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