Von Markus Becker
Eine Theorie etwa besagt, dass es vor Erdbeben zu Aufladungen in der Atmosphäre kommt, die unter anderem Wetterleuchten auslösen können. So berichteten kanadische Wissenschaftler im Oktober 2003 im Fachblatt "Seismological Research Letters" über ungewöhnlichen Lichterscheinungen vor und nach Erdbeben.
Rätselhafte Erdbebenlichter werden schon seit der Antike beschrieben, etwa von Seneca, der "immense Flammensäulen" erwähnte, die vor der Zerstörung der Städte Helike und Bura das Erdbeben angekündigt hätten. 1968 präsentierte der japanische Geologe Yutaka Yasui erstmals Fotos von roten und blauen Farbstreifen am Himmel, die einen ganzen Schwarm kleinerer Beben in der Region Matsushiro begleiteten.
"Gut dokumentiert" ist laut Tributsch, dass positiv geladene Schwebeteilchen in der Luft, so genannte Aerosole, im Gehirn zur Ausschüttung von Serotonin führen können. Der Botenstoff löst Aufregung und Angst aus.
Allerdings könne das nicht die einzige Erklärung für die Aufregung unter Tieren kurz vor einem Beben sein, räumt der Forscher ein. Denn das Epizentrum der Erschütterung, die den Tsunami in Asien auslöste, lag in 40 Kilometern Tiefe. Die Wassermassen rollten erst Stunden später über die indische Küste hinweg. "Möglicherweise können Tiere die Schallwellen und Vibrationen wahrnehmen, die entstehen, wenn die Schockwelle über den Meeresboden rast", vermutet Tributsch. "Schall breitet sich in Gestein wesentlich schneller aus als die Welle im Meer."
Wechselnder Erfolg beim Tier-Einsatz
Bewohner von Erdbebengebieten haben immer wieder versucht, Tiere als lebendes Frühwarnsystem zu benutzen - allerdings mit wechselhaftem Erfolg. "In den späten sechziger und frühen siebziger Jahren verteilte die chinesische Regierung Fächer mit Anweisungen, welche Warnsignale die Bauern den Behörden melden sollten", sagt Tributsch.
Im Februar 1975 schien die Initiative von Erfolg gekrönt. Bewohner der nordostchinesischen Stadt Haicheng hatten beobachtet, wie Schlangen aus dem Winterschlaf erwachten und ans Tageslicht krochen, um dann auf den Straßen zu erfrieren. Vor allem wegen solcher Berichte wurde Haicheng evakuiert - nur wenige Tage, bevor ein Beben der Stärke 7,3 die Stadt dem Erdboden gleichmachte. Nur vier Menschen kamen damals ums Leben.
Doch dem Erfolg, der Tributsch als Titel seines Buches "Wenn Schlangen erwachen" diente, folgte nur wenig später die tragische Ernüchterung. 1976 erschütterte ein Erdstoß der Stärke 7,8 die chinesische Industriestadt Tangshan. Bis zu 655.000 Menschen starben.
Im Nachhinein gab es zwar Berichte darüber, dass auch vor diesem Beben Tiere verrückt gespielt haben sollen. Laut Tributsch kam eine Kommission der chinesischen Akademie der Wissenschaften zu dem Schluss, dass die politischen Wirren der damaligen Zeit die Weitergabe der Warnungen an die verantwortlichen Stellen verhindert hätten.
Tatsächlich besagte ein Report der Vereinten Nationen, dass die Bewohner einer Nachbarregion von Tangshan bestens auf das Beben vorbereitet gewesen seien, weil sie nachtaktive Tiere wie Wiesel und Ratten am helllichten Tage gesichtet hätten. Da die Berichte aber erst nach der Katastrophe bekannt wurden, ist ihr Wahrheitsgehalt heute kaum noch überprüfbar.
"Natürlich gibt es zahlreiche Meldungen, dass Tiere genauso von einem Erdbeben überrascht worden sind wie die Menschen", sagt Tributsch. Allerdings könnten diese Fälle auch dazu genutzt werden, die Theorien über die Ursachen der Tier-Wahrnehmungen zu überprüfen. "Regen würde etwa verhindern, dass geladene Schwebeteilchen in der Luft auf das Beben hinweisen."
Die Tatsache aber, dass die Geschichte der tierischen Prophezeiungen beinahe ebenso lang ist wie die der Erdbeben-Tragödien, lässt vermuten, dass Tiere nicht als zuverlässiges Beben-Warnsystem funktionieren. Auch Plinius dem Älteren nutzte sein Wissen um die Vorzeichen am Ende wenig. Der römische Naturforscher und Offizier starb im Jahr 79 - in Pompeji, beim Ausbruch des Vesuvs.
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