Von Jochen Bölsche
Ähnlich wie der Bremer Schirmer argumentiert seit längerem auch dessen Hamburger Forscherkollege Professor Helmut Graßl, Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie. Entlang der Elbe, warnt Graßl, sacken wie an der Weser die Landmassen links und rechts der Ufer zunehmend ab - mitbedingt nicht zuletzt durch das Abpumpen von Erdgas und von Grundwasser. "Die meisten Bürger wissen gar nicht, wie viel unseres Landes schon freigepumpt wird", sagt der Wissenschaftler. "Um weiterhin Landwirtschaft betreiben zu können, muss man den Wasserspiegel absenken."
Der sei inzwischen auch an der Unterelbe so niedrig, dass das Land sich vielerorts nicht mehr selbst entwässere und dass der größte niedersächsische Elbnebenfluss, die Oste, schon "nicht mehr freiwillig in die Elbe fließt". Wenn die Pumpen der Schöpfwerke an den grünen Deichen des idyllischen Flusses ausfallen, würde das Wasser nicht mehr gen Nordsee abfließen, sondern Teile des platten nassen Dreiecks zwischen Elbe und Weser fluten.
"Sturmwind-Wetterlagen nehmen zu"
Weil in Norddeutschland "immer mehr Gebiete bis zu zwei Metern unter Null" liegen, wären die Folgen von Deichbrüchen laut Graßl verheerender als in früheren Jahrzehnten. Auch die immer weiter abgesackte Hamburger Elbinsel Wilhelmsburg - eine der Todeszonen bei der Sturmflut 1962 - wäre, so Graßl, "ohne Deiche längst ein schönes Süßwasserwatt".
Der globale Anstieg der Weltmeere potenziert die Wirkung der Landabsenkungen, wie sie auch im Emsland und in Dithmarschen beobachtet werden. Jede künftige Sturmflutwelle "reitet schließlich auf dem gestiegenen Meeresspiegel", erläutert Graßl. Fatalerweise bewirkt der Klimawandel - wie auch die Statistiken von Rückversicherern wie der Münchner Rück belegen - jedoch nicht nur einen rascheren Anstieg des Meeresspiegels, sondern auch immer heftigere Sturmfluten. "Sturmwind-Wetterlagen nehmen an Stärke und Häufigkeit deutlich zu", registrierten Klimaforscher der Universität Oldenburg. "Die bisherigen Extremwasserstände bei Sturmfluten werden immer öfter erreicht bzw. überschritten."
Orkanfluten setzen neue Höchstmarken
Jahrzehntelang galten an der Nordsee die Hochwassermarken der 1962er Schicksalsflut, die vier bis sechs Meter über Normalnull aufgelaufen war, als Basis für die Berechnung der "Bemessungswasserstände" für Deiche. Doch diese vermeintlich langfristige Absicherung war, so die Oldenburger Wissenschaftler, bereits wenige Jahrzehnte später nicht mehr gewährleistet. Extremwasserstände und Orkanfluten setzten bald schon neue Höchstmarken - so bereits 1975, 1976, 1981, 1990 und 1992.
Zwar rüsten sich die Küstenländer - und auch die Anrainer der großen Flüsse im Binnenland - seit einiger Zeit verstärkt für die veränderte Bedrohungslage. Die Münchner Landesregierung kalkuliert bei neuen Hochwasserschutzanlagen etwa an der Donau und deren Nebenflüssen einen "Klimafaktor von plus 15 Prozent" ein. Hohe Summen flossen 2003 in Niedersachsen (50 Millionen Euro), Schleswig-Holstein (43 Millionen Euro) und Mecklenburg-Vorpommern (29 Millionen Euro) in den Küstenschutz.
Doch gewaltige Aufgaben stehen noch an. Allein in Niedersachsen sollen mindestens 200 Kilometer Deiche ausgebaut oder erhöht werden. In Greifswald entsteht im kommenden Jahr für 25 Millionen Euro ein riesiges Sperrwerk, der bis dato teuerste Küstenschutzbau in Mecklenburg-Vorpommern.
Sehr viel aufwendiger wäre ein Sperrwerk, das bei Katastrophengefahr den Mündungstrichter der Elbe abriegeln könnte, wie es schon seit Jahrzehnten an vielen Nebenflüssen praktiziert wird. "Für die Stadt Hamburg", so die Oldenburger Klimaforscher, wäre ein "umfassender und effizienter Schutz gegen künftige Sturmfluten vermutlich nur mit dem Bau eines Elbe-Sperrwerkes zu erreichen". Denn die Elbe sei, ebenso wie Ems und Weser, in besonderem Maße "durch die zunehmende Häufung von Extremwasserständen gefährdet". Hier nämlich habe die "künstliche Vertiefung der Schifffahrtsrinnen" den Tidenhub, die Differenz zwischen Hoch- und Niedrigwasser, hochgetrieben - und damit das Katastrophenrisiko.
Hafenwirtschaft gegen Sperrwerksbau
Dennoch ist der Bau eines Elbsperrwerks in Hamburg kein Thema. Zwar waren 1989 bei den Sitzungen einer "Unabhängigen Kommission Sturmflut" die Vertreter von Wissenschaft, Deichverbänden und Baubehörde einhellig der Meinung gewesen, ein Sturmflutsperrwerk sei die beste Lösung. Doch die professionellen Deichschützer in der Kommission konnten sich nicht durchsetzen.
Warum sie scheiterten, hat unlängst der Bremer Sozialwissenschaftler Professor Gerhard Bahrenberg für die hannoversche Akademie für Raumforschung und Landesplanung rekonstruiert: Die (politisch ausschlaggebenden) Vertreter der Parteien in der Sturmflut-Kommission folgten sämtlich der Auffassung der Hafenwirtschaft. Die aber hatte geltend gemacht, "dass in den Zeiten einer Schließung der Sperrwerke wegen Hochwassers der Hafen für den Schiffsverkehr nicht mehr zugänglich sein würde".
Im Interesse der Hafen-Lobby wollen Hamburgs Politiker nun ein weiteres Risiko für den Küstenschutz eingehen: Der Senat will die Elbe, die im 19. Jahrhundert gerade mal vier Meter tief war, zugunsten einer neuen Generation von Superfrachtern demnächst auf mehr als 15 Meter ausbaggern lassen - was nach Ansicht der Oldenburger Fachleute wie jede Flussvertiefung die Hochwassergefahr entlang des Stroms "drastisch erhöht".
"Ich bin mir nicht sicher, ob die Deiche in Hamburg bei einer neuen Jahrhundertflut halten werden", sagt auch der Stader Kreistagsabgeordnete Egon Ohlrogge, der bis zu seinem Ruhestand an der Seefahrtsschule in Grünendeich an der Elbe lehrte. Der Ex-Kapitän fordert den Hamburger Senat auf, im Falle der geplanten Elbvertiefung schon mal einen Geldfonds einzurichten - zum Zweck der Soforthilfe für die Opfer der nächsten Sturmflut. Was auf sie zukommt, wenn Käpt'n Ohlrogge recht behält, können sich die Elbanrainer bald auf dem Bildschirm zu Gemüte führen. RTL will "Die Sturmflut" 2006 ausstrahlen.
"Eine ungeheure Welle schoss herein"
Auf einer eigens eingerichteten Website präsentiert der Sender jetzt schon mal Augenzeugenberichte aus dem Jahre 1962 - so von einem kleinen Mädchen, das damals notierte: "Meine Eltern wurden von einem starken Brausen geweckt. Zuerst dachten sie, ein Rohrbruch wäre die Ursache, aber als meine Mutter aus dem Fenster sah, war das ganze Land überschwemmt. Mein Vater stieß eine Scheibe ein. Eine ungeheure Flutwelle schoss herein."
Während einst Hunderte in den eisigen Fluten krepierten, wünschten sich die TV-Schauspieler wohltemperiertes Wasser in dem Freibad, in dem sie jetzt die Hölle von Hamburg nachspielen. Doch diesen Gefallen kann ihnen Karl-Heinz Bochnig, verantwortlich für Spezialeffekte und Pyrotechnik, beim besten Willen nicht erweisen. "Bei Lufttemperaturen um den Nullpunkt", weiß er, verhält sich lauwarmes Wasser "wie in einer türkischen Dampfsauna".
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