Drei Monate nach der verheerenden Tsunami-Katastrophe bebte der Meeresboden vor Indonesien erneut. Doch diesmal blieb die Flutwelle aus, die am 26. Dezember binnen weniger Stunden rund 300.000 Menschen aus dem Leben riss. Etwa 2000 Menschen starben bei dem Osterbeben, vor allem, weil sie in ihren einstürzenden Häusern erschlagen wurden.
Das Ausbleiben einer Monsterwelle gilt als kleines Wunder. Es sei "ausgesprochen erstaunlich", dass kein Tsunami entstanden sei, sagte Jochen Zschau vom Potsdamer Geoforschungszentrum gegenüber dem Deutschlandfunk. Das Potsdamer Institut wird in den nächsten Monaten in der Region ein Tsunami-Frühwarnsystem installieren.
Dass es zu keinem Tsunami kam, führt Zschau auf zwei Faktoren zurück. Zum einen habe sich der Meeresboden offenbar vor allem horizontal bewegt. Nur bei einer starken Auf- und Abwärtsbewegung des Bodens können Tsunamis entstehen.
Zum anderen sei die frei gesetzte Energie diesmal zehnmal geringer gewesen als im Dezember. Das gestrige Beben hatte eine Stärke von 8,7 auf der Richterskala, am zweiten Weihnachtsfeiertag wurden hingegen 9,0 gemessen. Die Richterskala ist eine sogenannte logarithmische Skala, eine Steigerung um einen ganzen Punkt würde ein rund 30fach stärkeres Beben bedeuten. Zwei US-Forscher glauben sogar, dass das Dezemberbeben eine Stärke von 9,3 hatte.
Es sind jedoch nicht nur Art und Schwere des Bebens, die darüber entscheiden, ob eine verheerende Welle ausgelöst wird. Auch die Wassertiefe und die Struktur der Küste spielen eine wichtige Rolle. Seebeben im flachen Wasser bleiben folgenlos, weil nur eine kleine Wassermenge beteiligt ist. "Entscheidend ist die Höhe der Wassersäule", sagt Birger Lühr, der ebenfalls am Geoforschungszentrum Potsdam arbeitet.
Er erklärt einen Tsunami mit einem kleinen Experiment in der Badewanne: "Wenn man ein Brett im Wasser schnell nach oben bewegt, steigt der Wasserspiegel darüber kurz an und eine Welle entsteht."
Wie schnell sich die dadurch erzeugte Welle bewegt, hängt von der Wassertiefe ab. Im Dezember erreichte die Welle vor Sumatra rund 700 Stundenkilometer - sie war damit beinahe so schnell wie ein Verkehrsflugzeug. Wissenschaftler haben auch schon 900 km/h schnelle Tsunamis beobachtet.
Auf hoher See bleibt die Wellenenergie meist unbemerkt, ihre Höhe beträgt oft wenige Dezimeter. Erst wenn die Dünung in flachem Gewässer abgebremst wird, bäumt sie sich zu einer zerstörerischen Wand aus Wasser auf. Übersetzt heißt die japanische Wortkombination "Tsu-nami" deshalb "Hafen-Welle".
Genau genommen fließt dabei kein Wasser wie in einem Fluss; lediglich die Energie wird weitergeleitet, indem ein Wassermolekül an das nächste stößt. Rund 80 Prozent aller Monsterwellen suchen den Pazifischen Ozean heim.
Das Osterbeben zeigt, wie wichtig ein funktionierendes Tsunami-Warnsystem ist. Die Stärke des Bebens allein erlaubt keine genaue Tsunami-Prognose. Rückschlüsse auf die Art des Bebens und die Richtung der Bewegung können Geologen erst nach aufwendiger Auswertung verschiedener Seismogramme treffen - für eine schnelle Warnung ist es dann meist schon zu spät.
Ein Warnsystem, wie es US-Forscher im Pazifik betreiben, besteht aus vielen Bojen mit Drucksensoren. Die Auswertung der damit gemessenen Daten ermöglicht eine schnelle und mittlerweile relativ verlässliche Prognose.
Die meisten Tsunamis entstehen durch Unterwasserbeben, aber auch Vulkanausbrüche oder Meteoriteneinschläge können Monsterwellen hervorrufen. Nicht nur Südostasien und die Pazifikregion, auch Europa ist von Tsunamis bedroht, wenn auch weniger stark. 1755 starben 60.000 Bewohner Lissabons, als sie nach einem Erdbeben an das Tejoufer flüchteten und dort von einer riesigen Welle überrascht wurden.
Holger Dambeck
© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH