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Moral Sind Tiere von Natur aus gut?

2. Teil: Küsse, Sex und Fellpflege: Lesen Sie im zweiten Teil, wie Tiere das Zusammenleben in der Gruppe sichern

Zwergschimpansen- Baby in den Armen seiner Mutter: Wie du mir, so ich dir
AP

Zwergschimpansen- Baby in den Armen seiner Mutter: Wie du mir, so ich dir

Müssten die Blutsauger mit dem auskommen, was jedes Tier für sich allein erbeutet, stünde es schlecht um sie. Die Hälfte ihres Nachwuchses würde keine vier Wochen alt, und die gesamte Spezies wäre nach nur zwei Generationen ausgestorben. Nachbarschaftshilfe ist ihre Lebensversicherung, das Ganze eine Art Sozialvertrag.

Mit dieser Deutung hat Gerald Wilkinson ein Fenster aufgestoßen, durch das nicht nur Vampire, sondern der animalische Kosmos überhaupt in einem neuen, freundlicheren Licht erscheint.

Statt automatenhaft auf Reize zu reagieren oder einem genetischen Programm zu gehorchen, verfolgen Vampire genau, was um sie herum geschieht, ehe sie unter mehreren Möglichkeiten wählen. Für welche sie sich entscheiden, hängt davon ab, was sie - aus Erfahrung und Beobachtung - über ihre Artgenossen wissen. Auch "freundschaftliche Beziehungen" spielen eine wichtige Rolle.

Am meisten jedoch überrascht, dass die Fledertiere den Hunger eines Artgenossen nachempfinden. Woher sonst wüssten sie, was ihm fehlt? Und sie erwarten eine Gegenleistung. Warum sonst reagieren sie auf deren Ausbleiben mit Sanktionen? So scheint plötzlich denkbar, dass Nettsein zum Nachbarn manchmal die beste Überlebensstrategie sein kann.

Das ist Wasser auf die Mühlen des niederländischen Biologen Frans de Waal. Der Forscher, der an der Emory University in Atlanta lehrt, hat sich seit 20 Jahren einen Namen gemacht auf dem lange vernachlässigten Feld des "ethischen Verhaltens" von Primaten. Zugleich hat er seine Kollegen immer wieder gedrängt, es ihm gleichzutun und bei Nicht-Primaten zu untersuchen, was er bei Schimpansen, Bonobos, Makaken und Kapuzineraffen entdeckt hat.

Wilkinsons Ergebnisse bestätigen, was de Waal als "tiefes Paradoxon" bezeichnet: dass "die genetische Selbstverwirklichung auf Kosten anderer - also das, was die Evolution hauptsächlich antreibt - ausgeprägte Fähigkeiten zur Fürsorge und zum Mitgefühl hervorgebracht hat".

Frau mit Affe: Kennen nicht nur Menschen Moral?
Dominik Baur

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Aufgrund seiner Beobachtungen hält de Waal es für erwiesen, dass moralische Empfindungen "älter sind als unsere Spezies". Den Ursprüngen von gut und böse, richtig und falsch spürt er nach in jenen einfachen Regelsystemen, "wie sie das Verhalten sozial lebender Tiere bestimmen und deren Gemeinschaft stabilisieren".

De Waals Interesse an tierischen Normen, seine Überzeugung, dass es sich um "Bausteine menschlicher Moral" handelt, ist vor 30 Jahren geweckt worden, als der Primatologe, noch am Anfang seiner Karriere, im niederländischen Arnheim arbeitete. Fasziniert vom Thema Aggression, verfolgte er das Treiben der damals größten Schimpansenkolonie im Zoo. Denn mindestens fünfmal täglich gab es Streit im Gehege. Und fast ebenso regelmäßig sanken die Gegner einander kurz danach wieder in die Arme. Selten ertrugen sie es, einander länger böse zu sein.

Damit stieß de Waal auf den ersten "Baustein" und nannte ihn Versöhnung - in der Primatologie der 1970er Jahre ein radikaler Begriff. So begann eine Revolution gegen die einseitige Auslegung der Natur als Schauplatz eines gnadenlosen Kampfes. Dass Primaten einander gelegentlich übel zurichten, Schimpansen sich gegenseitig umbringen oder ihre Rivalen kastrieren, bestreitet de Waal nicht. Dies aber beschreibe nur die eine Hälfte des Bildes. Daneben existiere ein paralleles Universum, in dem Primaten zusammenhalten, soziale Gruppen bilden, einander durch Küsse, Sex, Umarmungen und Fellpflege ihre Zuneigung beweisen und durch wechselseitige Hilfe ihre Lebensqualität verbessern.

Baustein um Baustein dieser urwüchsigen Primatenmoral hat de Waal seither erforscht und mit Begriffen benannt, die in der Biologen-Sprache bis dahin verpönt waren: Schimpansen zeigen Mitleid mit Schwachen und Alten, spenden Unterlegenen Trost. Einzelne, meist weibliche Tiere betätigen sich als Friedensstifter der Gemeinschaft und vermitteln zwischen grollenden Gegnern, die es nicht schaffen, den ersten Schritt zu tun.

Ihre kollektive Auffassung von dem, was sich für die Mitglieder ihrer Gruppe gehört, setzen die Tiere mit Sanktionen durch. Wer vom Futter nichts abgibt, wer Nebenbuhler erbarmungslos verfolgt oder zu spät aus dem Freigehege ins Schlafhaus kommt und alle aufs Abendessen warten lässt, wird gemieden, bedroht, verprügelt.

Jüngst hat Frans de Waal einigen Kapuzineraffen entlockt, unter welchen Bedingungen sie zur Kooperation bereit sind; nur dann nämlich, wenn sie damit rechnen können, dafür von ihrem Partner anschließend mit Futter belohnt zu werden. Und er hat ermittelt, was sie sich bei ihrem ausgeprägten Sinn für Fairness und Gerechtigkeit auf keinen Fall bieten lassen: ungleiche Behandlung! Gurkenstücke als Arbeitslohn - sonst sehr willkommen - wirft ein Kapuzineraffe wütend weg, wenn er sieht, wie der menschliche Versuchsleiter einem anderen Probanden für die gleiche Leistung ein paar süße Weinbeeren reicht.

"Würden Außerirdische", so Frans de Waal, "auf unserem Planeten nach moralischem Verhalten suchen, wer weiß, ob der Mensch dabei wirklich am besten abschnitte."

Uta Henschel, GEO Wissen

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