Von Volker Mrasek
Die Tiere sind unscheinbar, gerade mal ein bis zwei Millimeter von Antenne bis Abdomen, kaum größer als ein Stecknadelkopf also. Doch im Rudel mutieren selbst Zwerge zu Monstern und bringen beträchtlich größere Beutetiere zur Strecke. So hält es auch die in Amazonien beheimatete, auf Bäumen lebende Ameisen-Art Allomerus decemarticulatus.
Diese Tatsache an sich ist nicht weiter ungewöhnlich. Doch wie diese Sorte Sechsbeiner dabei zu Werke geht, das überraschte selbst Experten wie Jérôme Orivel und Alain Dejean von der Universität Toulouse. Über die in dieser Form bislang unbekannte organisierte Jagd berichten die französischen Biologen jetzt erstmals im Fachblatt "Nature" (Bd. 434, S. 973).
Die Tiere leben exklusiv auf einer für das Amazonasgebiet typischen "Ameisen-Pflanze" namens Hirtella physopohora. Der kleinwüchsige Baum verliert sich im Unterholz des Regenwaldes und hat dünne, stark behaarte Äste. Den dichten Flaum machen sich seine Untermieter beim Beutefang auf trickreiche Weise zunutze. Haufenweise kappen die Ameisen die Asthaare, bauen daraus regelrechte Emporen, in die sie Löcher schneiden und unter denen sie dann zu Hunderten oder gar Tausenden geduldig kauern, ihre scharfen Mundwerkzeuge (Mandibeln) sperrangelweit offen.
Lauern im Untergrund
Landet zum Beispiel eine Heuschrecke auf der Galerie, schießen die Ameisen blitzartig aus ihren Löchern, verbeißen sich in die Beine, Flügel und Fühler ihrer Beute und versuchen, sie alle gleichzeitig in ihr Loch zu zerren. Dadurch wird das Insekt auseinandergezogen und bewegungsunfähig, "wirklich ganz ähnlich wie auf einer Folterbank", so Orivel.
Für die Heuschrecke gibt es kein Erbarmen - und schon gar kein Entkommen. Während sie hilflos auf der Streckbank festhängt, schwirren weitere Ameisen heran, stechen auf ihr Opfer ein, beißen es schließlich tot und machen sich auch gleich ans Filetieren ihrer Beute. Orivel und seine Kollegen beobachteten Dramen wie diese bei einer Feldexkursion in Französisch-Guayana im Nordwesten Südamerikas: "Es ist das erste Mal, dass wir entdecken: Ameisen errichten gemeinschaftlich Fallen, um Beute zu fangen."
Schon beim Bau ihrer Baumgalerien verblüffen die Insekten durch ihre Fähigkeiten. Zum Verweben der Asthaare verwenden sie eine Art Naturkleber, womöglich aus Eigenproduktion. "Es scheint so zu sein, dass sie die Substanz auswürgen", sagt Dejean. Demnach könnte es sich um ein besonderes Drüsensekret handeln. Doch damit nicht genug: In einem dritten Fertigungsschritt sorgen die Ameisen auch noch dafür, dass ein Pilzgeflecht das Haarskelett ihrer Emporen überwuchert und es so verfestigt.
"Rußig-schwarze" Pilze als Fallen-Klebstoff
Dejean spricht von einer "rußig-schwarzen Pilzart", die noch nicht genau identifiziert sei. Doch Kollege Orivel vermutet schon jetzt, "dass die Ameisen die Pilze in ihren Kolonien züchten, und zwar allein zum Zweck der Galerie-Konstruktion." Ein triftiges Argument für die verblüffende Hypothese: Bei Gewächshaus-Versuchen mit jungen Hirtella-Sprösslingen waren die Pilze nur bei jenen Pflanzen nachweisbar, die in Gegenwart der Ameisen aufwuchsen. Da, wo die Insekten fehlten, fanden sich auch keine Pilz-Kommunen.
Unscheinbare Ameisen, entlarvt als Pilzzüchter, Klebstoffproduzenten und Fallenbauer. Man darf gespannt sein, welche Geheimnisse das Insektenreich in Zukunft noch bereithält. Und wann Biologen wie Orivel und Dejean die nächsten Gruselgeschichten aus dem Dickicht des Dschungels zu Tage fördern.
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