Die etwa 60 Minuten dauernde Tour führt rund um einen mit vielen bunten, aber auch grauen, toten Korallen bewachsenen Unterwasserberg. Mal taucht Biologin Larsen in die Tiefe und kommt mit einem Korallenstück zurück. Dann zeigt sie auf eine sanft gerundete Gehirnkoralle, auf der sich eine ausladende, gelbliche Elefantenohrkoralle breit macht und ihre Wirtin langsam abtötet. "Die Korallen bekämpfen einander mit chemischer Kriegführung", sagt Larsen. "Sie sind höchst empfindlich. Fast noch labiler aber sind die winzigen Algen, die auf ihnen wachsen und den Korallen die bunten Farben geben."
Die Aufgabe dieser Minipflanzen sei die Nährstoffversorgung der Korallentiere durch Photosynthese. Schon geringe Schwankungen von Wasserqualität oder Temperaturen reichten aus, um die Algen verschwinden zu lassen. "Die Korallen machen dann eine unfreiwillige Diät durch und verhungern letztendlich", sagt Larsen. Übrig bleibt ein grau-weißes Korallenskelett - Experten sprechen von der Korallenbleiche. Der genaue Prozess ist Forschern noch ein Rätsel. Verlassen gestresste Algen die Koralle? Stößt die von Schmutz oder hohen Temperaturen geplagte Koralle die Algen ab? Sterben die Algen? "Was genau passiert, weiß keiner", so Larsen.
Hitzewellen und Fressmaschinen
Geklärt ist mittlerweile, warum es in den Jahren 1998 und 2002 zu den großen Korallenbleichen gekommen ist. "Es gibt klare wissenschaftliche Beweise, dass die zunehmende Häufigkeit von Massenbleichungen seit Mitte der siebziger Jahre mit dem weltweiten Temperaturanstieg in Verbindung steht", erklärt Janice Lough, Riff-Expertin am AIMS.
Schäden durch kurze Hitzewellen in heißen Sommern könnten die Riffe mit ihren Selbstheilungskräften weitgehend beheben. Jüngsten Entdeckungen zu Folge seien Korallen in der Lage, durch die Absonderung von Schleim kühlende Schutzwolken zu bilden.
Aber gegen Ereignisse vom Ausmaß des weltweiten Klimawandels sei die Riffnatur ziemlich machtlos. Bei einer üblichen Wassertemperatur am Great Barrier Reef von 27 bis 28 Grad im Sommer komme schon die Erwärmung von nur einem Grad einer Hitzewelle gleich. "Das kann die Bleichrate auf über 80 Prozent bringen", sagt Lough.
In den letzten Jahrzehnten ist es zudem immer wieder zu wahren Invasionen der sogenannten Dornenkronen-Seesterne gekommen, die ganze Riffe wegmampfen können. Erst diese Woche meldeten australische Medien eine neue Invasion der gefräßigen Tiere in den bei Tauchern und Seglern beliebten Gewässern um die Whitsunday-Inseln vor der australischen Ostküste. Taucher des eiligst aufgelegten Seestern-Vernichtungsprogramms hätten Tiere mit einem Durchmesser von 130 Zentimetern und einem Gewicht von 80 Kilo entdeckt.
Schuld an den Seestern-Attacken seien die Zuckerrohrfarmer entlang der Küste von Nordqueensland, meint Glenn De'ath, Experte für die stachligen Meeresbewohner. Zur Ertragssteigerung traktierten die Landwirte Boden und Pflanzen mit Pestiziden und Düngemitteln, die dann von heftigen Regenfällen ins Meer gespült würden.
Schon eine Verdoppelung der Nährstoffmenge im Wasser reiche aus, um die Überlebensrate der bis zu zehn Millionen Larven eines Dornenkronen-Seesterns auf das Zwanzigfache zu steigern. Ein wirksames Mittel gegen die gefräßigen Tiere gibt es nicht. An einigen Riffen werden die Seesterne von Tauchern per Hand eingesammelt und entsorgt. "Das ist aber nur ein Tropfen auf dem heißen Stein", seufzt De'ath.
Kronjuwelen in Öl
Kleine Krebse, seltene Haie, vom Aussterben bedrohte Schildkröten, ausladende Seegrasfelder, riesige Wale und bizarr geformte Korallengärten bilden am Great Barrier Reef eine Wohn- und Lebensgemeinschaft. Vieles von dem, was dort in trauter Symbiose existiert, ist noch gänzlich unbekannt. Australische Forschungsinstitute gehen derzeit im Rahmen des Great Barrier Reef Seabed Biodiversity Project mit Kameras und Schleppnetzen den Geheimnissen des Riffs auf den Grund. In etwa zwei Jahren wird mit ersten wissenschaftlichen Analysen der Seesafari zu rechnen sein.
Dem Riff droht derweil zusätzliches Ungemach. Am touristischen Kronjuwel Australiens sind reichhaltige Öl- und Gasreserven entdeckt worden. Australiens Regierung ist entschlossen, Ölfirmen die Lizenz zur Ausbeutung der fossilen Bodenschätze zu erteilen. Richard Leck von der Umweltorganisation WWF Australia ist fassungslos. Es habe 30 Jahre der Diskussion gebraucht, um endlich den maritimen Naturschutzpark durchzusetzen. Es sei "lächerlich", dass dieselben Debatten zum Erhalt des Riffs jetzt erneut geführt werden müssten.
In der Öffentlichkeit gebe es eine eindeutige Mehrheit gegen die Ölförderung in der Nähe des Riffs. "Es ist an der Zeit, dass die australische Regierung das respektiert und die Ölpläne ad acta legt." Leck hat noch eine weitere Forderung an die Regierung in Canberra: die Unterzeichnung des Kyoto-Protokolls zum Klimaschutz. Das allein werde zwar das Riff nicht retten, räumt Leck ein. "Aber es wäre ein deutlicher Schritt hin zu einer Serie von notwendigen wichtigen Entscheidungen."
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