Seth Reice ist bekannt für seine streitbaren Thesen. Im Jahr 2001 veröffentlichte der Biologie-Professor von der University of North Carolina ein Buch namens "The Silver Lining" - Untertitel: Der Nutzen von Naturkatastrophen. Das Buch erregte die Gemüter, nicht zuletzt nach dem Tsunami am 26. Dezember. Reice erläutert darin, wie Wirbelstürme, Erdbeben und Überschwemmungen das Leben regelrecht erneuern und die Artenvielfalt in Ökosystemen erhöhen.
Auch den Wirbelsturm "Rita", der derzeit mit gewaltiger Kraft auf die Küste von Texas zurast, sieht der Biologe mit einem gewissen Wohlwollen, ohne dabei zynisch zu sein. Zumindest die Stadt New Orleans könnte seiner Meinung nach von dem Regen profitieren, den der Hurrikan mit sich bringt. Regen als Segen für die untergegangene Stadt?
"Die Leute könnten denken, ich mache einen bösen Scherz", sagte Reice. "Aber ich mache keinen." Nach wie vor stünde Wasser in vielen Straßen von New Orleans - eine Folge des Hurrikans "Katrina", der am 29. August über Louisiana hinwegbrauste und einen Deich brechen ließ. In der Folge ergoss sich das Wasser in die Stadt und bedeckte bis zu 80 Prozent ihrer Fläche.
In dem Wasser seien extrem hohe Konzentrationen von Kolibakterien gemessen worden - zehn mal mehr als die Grenzwerte erlaubten. Hinzu kämen ausgelaufenes Benzin, Öl und andere Schadstoffe. "Das ist wirklich eine giftige Suppe."
15 Zentimeter Regen genau richtig
Intensiver Regen würde das Wasser und den Schlamm stark verdünnen. Fische und andere Lebewesen hätten so größere Chancen zu überleben.
Regenmengen von etwa 15 Zentimeter wären genau richtig, um den Schmutz wegzuspülen, glaubt Reice. Das sei viel besser, als alles so zu belassen, wie es ist, sagte der Biologe der Website "National Geographic News".
Sollte der Regen jedoch stärker ausfallen, etwa 25 bis 30 Zentimeter, dann drohen nach Angaben des National Weather Service erneut Deichbrüche. Die bisherigen Bemühungen, New Orleans trocken zu legen, wären dann wohl umsonst gewesen.
Der Meteorologe Paul Trotter von der US-Wetterbehörde will nicht ausschließen, dass Regenfälle infolge von "Rita" New Orleans säubern könnten. Es komme aber auf die Menge an.
SUVs sind "Verbrechen gegen die Natur"
Reice übte harte Kritik an dem Konzept der Katastrophenhelfer, um New Orleans schnell wieder trocken zu bekommen. Die Behörden hätten einen großen Fehler gemacht, als sie das Wasser aus der Stadt zurück in den Lake Pontchartrain gepumpt hätten. "Sie verursachen eine gewaltige Verschmutzung und wahrscheinlich ein Fischsterben." Man hätte das verschmutzte Wasser vielmehr in den Mississippi und somit in den Golf von Mexiko leiten müssen, damit es schnell und ausreichend verdünnt werde.
Der Biologie-Professor hofft, dass "Katrina" zu einem Umdenken bei Politikern und US-Bürgern allgemein führt. Man müsse der Umwelt mehr Aufmerksamkeit schenken. Die Amerikaner trügen eine Mitschuld an dem Desaster, weil sie sich Benzin-hungrige Autos kauften. SUVs bezeichnete Reice als "Verbrechen gegen die Natur" - heftige Worte in einem Land, in dem große Autos das Straßenbild bestimmen. Reice forderte eine massive Steuererhöhung für Kraftstoff; die Preise in den USA müssten des Niveau europäischer Länder erreichen, um die Benzinverschwendung zu stoppen.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Natur | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH