Von Ngamba berichtet Dominik Baur
Doch die Auswilderung von Schimpansen ist kein leichtes Unterfangen. Bahati hat das schon einmal mitgemacht. Auch sie wurde als kleine Schimpansenwaise im April 1994 im Alter von vier oder fünf Jahren von den Behörden beschlagnahmt. Man brachte sie zur Feldstation der Makerere-Universität im Park, wo auch Richard Wrangham arbeitet, ein Primatologe aus Harvard, der dort seit 1987 das Verhalten einer wilden Schimpansengruppe beobachtet. Wrangham wagte ein Experiment: Er wollte Bahati in seine an die Anwesenheit von Menschen gewöhnte Forschungsgruppe integrieren.
Zwei Studenten Wranghams schlugen zunächst gemeinsam mit Bahati am Waldrand ihr Lager auf. "Wir wollten, dass sie wieder zu Kräften kommt und selbst nach Nahrung suchen kann", erklärt Wrangham. Früher als geplant jedoch stießen Bahati und ihre beiden menschlichen Begleiter auf die wilden Schimpansen. Alphamännchen Stocky näherte sich der kleinen Artgenossin und streckte die Hand nach ihr aus. Anfangs suchte Bahati noch Schutz bei den beiden Studenten, nach einer Weile jedoch brach das Eis. Nach nur anderthalb Stunden umarmten sich Stocky und Bahati. Schließlich zog das Waisenkind mit den anderen Affen von dannen. Mission erfüllt, so schien es.
Doch nachdem Bahati drei Wochen lang mit den anderen im Wald gelebt hatte und vollends in die Gruppe integriert schien, tauchte das Schimpansenmädchen immer öfter im Camp und in umliegenden Dörfern auf und ließ sich dort mit Bananen verwöhnen. Der Grund: Die Saison, in der der Regenwald manche Lieblingsfrüchte der Schimpansen im Überfluss lieferte, war vorüber. Für Bahati war die Futtersuche in den Dörfern leichter. Das Experiment musste abgebrochen werden. "Wenn die Gegend abgelegener gewesen wäre", vermutet Wrangham, "hätte es geklappt." Heute lebt Bahati auf Ngamba.
Was mit einem kleinen Affenmädchen nicht funktioniert hat, ist mit einer ganzen Gruppe von Schimpansen noch viel schwieriger. "In Uganda ist eine Auswilderung fast unmöglich", sagt Richard Ssuna, Tierarzt und stellvertretender Chef des CSWCT. Es gebe nur zwölf größere Waldgebiete, und die seien alle schon von Schimpansen bevölkert. Setzte man hier eine neue Gruppe wie etwa die Schimpansen von Ngamba aus, käme es unweigerlich zum Krieg mit den Alteingesessenen. "Dann gibt es Tote."
Arche Grzimek
Bernhard Grzimek war dennoch erfolgreich. Der damalige Direktor des Frankfurter Zoos ließ zwischen 1966 und 1969 auf der Insel Rubondo 17 Schimpansen aus Zoos frei - gemeinsam mit Nashörnern, Elefanten, Giraffen und Kolobusaffen. Das Projekt "Arche Noah" sollte zeigen, wie die Tiere in der ungewohnten Freiheit zurechtkamen. Das zu Tansania gehörende Eiland liegt im Victoriasee, rund 250 Kilometer von Ngamba entfernt. Rubondo ist groß genug, dass die Schimpansen auf sich allein gestellt - ungestört von Menschen und wilden Schimpansen - überleben konnten. Inzwischen, so haben Tierfilmer festgestellt, leben dort mehrere Dutzend der Tiere, zum Teil in dritter Generation.
Doch solche Refugien lassen sich heute kaum noch finden. Dass Schimpansen, die in Menschenobhut aufgewachsen sind, der Respekt vor ihren zweibeinigen Verwandten fehlt, macht Auswilderungsversuche besonders heikel. Da ausgewachsene Schimpansen siebenmal so stark sind wie Menschen und nicht selten aggressiv werden, kommt eine Auswilderung nur in weit abgelegenen Gebieten in Frage. Veterinär Ssuna folgert: Wenn überhaupt, wäre eine Auswilderung allenfalls im Kongo möglich. Nur dort gibt es noch riesige und entlegene Waldgebiete.
In der Tat läuft im Kongo derzeit die einzige erfolgreiche Auswilderungsaktion. Der 1989 gegründete Verein HELP (Habitat Ecologique et Liberté des Primates) der Französin Aliette Jamart bereitet zunächst Schimpansen, die bislang in Gefangenschaft gelebt hatten, in der Bucht Conkouati im Süden des Landes auf ein Leben in Freiheit vor. Die Tiere werden hier zwar noch zugefüttert, der Kontakt zu Menschen jedoch minimiert. Sobald die Schimpansen fit genug für ein Überleben in der Wildnis erscheinen, werden sie per Boot ins Conkouati-Douli-Reservat gebracht. 36 Tiere erlangten so seit 1996 ihre Freiheit zurück, die meisten von ihnen sind heute noch wohlauf.
Doch garantiert das schon den Erfolg? Wrangham ist da nicht so sicher. "Das ist sehr problematisch. Das Gebiet könnte jetzt überbevölkert sein", befürchtet der Harvard-Professor. "Wenn man Schimpansen erfolgreich auswildern will, muss man zuerst die schon bestehende Population in dem Gebiet genau untersuchen. Wildert man fünf Schimpansen in einem Gebiet aus, verursacht das möglicherweise den Tod von fünf Tieren, die dort vorher gelebt haben." Es könne auch dazu führen, dass sich der vorhandene Bestand weniger stark fortpflanzt. "Auswilderung birgt die Gefahr, dass es aussieht wie eine gute Sache, ohne dass es dem Artenschutz wirklich etwas bringt."
Auffangstationen wie Ngamba sind in Wranghams Augen dennoch sehr wichtig. Zum einen wegen ihrer aufklärerischen Funktion, zum anderen als ein mögliches "Schimpansenreservoir" für spätere Zeiten. "Ich halte es für möglich, dass es intakte Lebensräume gibt, in denen die Schimpansen von Wilderern ausgerottet wurden. Dort könnte man dann Gruppen wie die in Ngamba auswildern - vorausgesetzt, man hat zuvor das Problem der Wilderei in Griff bekommen."
Der Schweizer Primatologe Christophe Boesch ist da skeptischer. Auffangstationen wie Ngamba könnten zwar Aufklärung leisten, darüber hinaus nützten sie dem Artenschutz aber wenig. Boesch, einer der Direktoren des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, plädiert daher dafür, alle Ressourcen in den Schutz der Art zu stecken, also vor allem den Kampf gegen die Abholzung der Wälder, gegen die Wilderei und gegen Epidemien wie Ebola. "Die Lage ist heute noch nicht so dramatisch. Wenn wir jetzt die richtigen Weichen stellen, können wir Tausende von Tieren retten."
Man müsse sich jedoch entscheiden, ob man sich für Tierschutz, also die Rettung einzelner Individuen in Auffangstationen, oder den Artenschutz einsetzen möchte. "Man kann aber so viel mehr Tiere retten, wenn man in den Artenschutz investiert."
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