Von Uta Henschel
Dafür musste es einen entwicklungsgeschichtlichen Grund geben. Was, so grübelte er, bringt Beutelratten nach zwei Jahren um - und lässt etwa gleich große afrikanische Stachelschweine mit ähnlichem Stoffwechsel gut zwei Jahrzehnte lang leben? Darauf fiel dem Biologen nur eine Antwort ein: Opossums haben einfach Pech - Stachelschweine haben Stacheln. Opossums sind wehrlos, langsam, gut sichtbar und Räubern wie Kojoten, Pumas, Luchsen oder Eulen wehrlos ausgeliefert. Sie sind "Beutetiere". Jeder Tag kann ihr letzter sein. "Es lohnt sich für sie einfach nicht", argumentiert Austad, "ihre Energie für ein solides Immunsystem zu verschwenden."
Statt eines langen, gesunden Lebens hat die Evolution den Opossums einen anderen Weg bestimmt: rasch heranzuwachsen, früh geschlechtsreif zu werden und möglichst viele Nachkommen zu hinterlassen. Was macht es da schon, wenn zur Abwehr gegen körperlichen Verschleiß nichts mehr übrig bleibt? Noch ehe die ersten Altersbeschwerden auftreten, sind die meisten Opossums längst verdaut. Nach dieser buchhalterischen Auslegung der Evolutionstheorie verfügt jeder Organismus nur über begrenzte Mittel: Gibt er sie hier aus, fehlen sie dort.
Dass Altern derart "plastisch" sein sollte, verblüffte den Biologen. Es entpuppt sich als ein Merkmal, das von der Evolution unterschiedlich "eingestellt" werden kann. Verborgene Mechanismen, die Tiere lange leben lassen, erschienen mal aktiviert, dann wieder unterdrückt. "Was würde sich ändern", spekulierte Austad, "wenn die Opossums die Gefahrenzone verlassen und auf einer Insel ohne Feinde existieren könnten? Eigentlich müssten sie dann länger leben."
Nach einem Jahr Suche hatte er diese Insel gefunden: Sapelo Island vor der Küste Georgias. Dort lagen Opossums tagsüber schlafend in der Sonne, statt sich wie in Venezuela vor Feinden verstecken zu müssen. Sie liefen vor Austad nicht davon, sondern ließen sich von ihm aufheben und untersuchen. Und: Sie wurden um bis zu 50 Prozent älter als ihre Artgenossen, hatten kleinere Würfe und bekamen ihren Nachwuchs später.
Mit diesem Ergebnis wie aus dem Lehrbuch der Evolution, noch mehr aber mit seinem eleganten Vergleich hat Austad in der Welt der Gerontologen Aufsehen erregt. Plötzlich schien plausibel, was es mit dem Altern auf sich hat: Es reagiert wie eine Art Thermostat auf die Umstände des Lebens, legt in sicheren Verhältnissen ein gemächliches Tempo vor und beschleunigt, wenn die Umwelt riskant ist. Mittlerweile häufen sich die Berichte über ähnliche Beobachtungen auch an anderen Spezies.
Die rettende Insel der Opossums hat - wie sich heute zeigt - nicht nur geographische Koordinaten. Sie ist vielmehr allgegenwärtig, ein Sinnbild der Zuflucht schlechthin.
Informationen über dieses Abwehrprogramm und wodurch es in Gang gebracht wird, sind in jeder einzelnen Körperzelle gespeichert. Das ist sinnvoll, denn dort wird der Schatz des Lebens gehütet, das Erbmolekül DNS. "Wir messen einfach", folgert Austad, "wie gut die Zellen bestimmter Arten einen Angriff abwehren, und vergleichen die Ergebnisse dann miteinander, um die besten Anti-Alters-Kandidaten zu ermitteln." Deshalb die "Kometenprüfung".
Zwischen den Zellen gibt es allerdings erhebliche Qualitätsunterschiede. Labormäuse besitzen nur eine Art "passiver Abwehr". Nacktmullzellen werden dagegen aktiv und reparieren einen Zellschaden, wie sich am Schluss des Versuchs erwiesen hat. Nach drei gezielten Angriffen hatten nach zwei Tagen nur fünf Prozent der Mäuse-, aber 50 Prozent der Nacktmullfibroblasten überlebt.
Folgen sollen demnächst Vergleiche zwischen großen und kleinen Nagern, Opossums und Flughörnchen, Menschen und Marmoset-Äffchen. Dann, so stellt Austad es sich vor, kommt ein großer Schritt: das Genom des besten tierischen Altersverhüters wird nach jenem Merkmal durchsucht, das die Zellen schützt. Ist es gefunden, wird es ins Genom von Kurzlebigen eingeschleust; für eine stärkere Abwehr und damit ein längeres Leben.
Verheißungsvoll - aber dennoch Flickwerk, ein bloßes Nachbessern dessen, was die Natur schon erreicht hat. Jüngste Beispiele von Langzeitbeobachtungen in der Wildnis haben die Gemeinschaft der Gerontologen verunsichert. In Jahrzehnte dauernden Studien wird von Tieren berichtet, die nachweislich überhaupt nicht altern. Gemeint sind nicht etwa Hydren, die sich sogar aus klein gehackten Teilen regenerieren, sondern Sperber, Wanderfalken, Rotbarscharten, amerikanische Dosen- und Sumpfschildkröten, Nazca-Tölpel und Flussseeschwalben.
Diese Funde widersprechen allem, was Forscher bisher für gesichertes Wissen hielten. Dafür bestätigen sie Austads These, dass die Evolution schlauer ist als der Mensch und Lösungen bereithält, mit denen eines Tages vielleicht auch die Menschheit das Altern besiegen kann.
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