Mittwoch, 10. Februar 2010

Wissenschaft



  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
15.12.2005
 

Anhängliche Eier

Kalmare schleppen Brut durchs Meer

Von Markus Becker

Viele Kalmare setzen ihre Eier einfach im Wasser ab und verschwinden. Andere aber haben eine ziemlich anhängliche Brut: Einzigartige Fotos aus der Tiefsee beweisen, dass zumindest eine Kopffüßer-Art ihre Eier in langen Schläuchen durch die Ozeane schleppt.

Tintenfische sind alt. Sehr alt. Seit dem Ende des Kambriums vor knapp 500 Millionen Jahren gleiten die eleganten Tiere, unter ihnen auch die zehnarmigen Kalmare, durch die Weltmeere. Doch im Laufe der Evolution starben immer mehr Kopffüßer-Spezies aus. "Wer übrig geblieben ist, hat sich stark angepasst, um mit den Fischen konkurrieren zu können", sagt Uwe Piatkowski vom Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften. "Um zu überleben, machen viele von ihnen ziemlich merkwürdige Sachen."

Eine der extravagantesten Strategien haben jetzt Meeresbiologen aus den USA belegt. Auf einzigartigen Fotos und Videos aus der Tiefsee sind Köderkalmare der Art Gonatus onyx zu sehen, die Tausende ihrer Eier in langen Schläuchen hinter sich her ziehen. "Das war eine Überraschung", schreiben Brad Seibel von der University of Rhode Island in Kingston und seine Kollegen im Wissenschaftsmagazin "Nature". "Dieses Verhalten unterscheidet sich von den Gewohnheiten aller anderen bekannten Kalmar-Arten."

Ob das zutrifft, ist nicht unbedingt sicher. Meeresforscher Piatkowski etwa glaubt, dass wahrscheinlich auch andere Kalmare ihrer Eier mitnehmen, anstatt sie einfach im freien Wasser abzusetzen - wie etwa der im europäischen Nordmeer vorkommende Gonatus fabricii. "Nur wurden sie bisher nie dabei gefilmt", erklärt Piatkowski im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Im Aquarium seien die empfindlichen Tiere kaum überlebensfähig, und in Fischernetzen seien die "Eipakete" meist nur schlecht erhalten.

Seibels Team hat nun erstmals bewiesen, dass die Kalmare der Gattung Gonatus onyx nicht einfach ihre Eier auf dem Meeresboden oder im Wasser hinterlassen und sich anschließend davonmachen. Überraschend ist das auch deshalb, weil einige körperliche Eigenschaften der bis zu 40 Zentimeter langen Kopffüßer der These vom Eiertransport zu widersprechen schienen. Vor allem die Verkümmerung der Muskeln nach der Geschlechtsreife habe Forscher zweifeln lassen, ob die Tiere überhaupt in der Lage seien, ihre Brut mit sich zu nehmen, schreiben Seibel und seine Kollegen.

Mit Hilfe von Tauchrobotern haben die Forscher in Tiefen zwischen 1500 und 2500 Metern fünf Kalmare abgelichtet, die Tausende ihrer Eier hinter sich herzogen. 2000 bis 3000 Eier, so schätzen die Wissenschaftler, bilden eine lange Röhre, die vom Mund des Kalmars bis weit hinter seine Arme reicht und insgesamt länger werden kann als der Kalmar selbst. Die Tiere hielten die Eier mit Haken an ihren Armen fest und spülten sie mit rhythmischen Bewegungen regelmäßig durch.

Für den Nachwuchs ist die ungewöhnliche Strategie vermutlich von Vorteil, doch den erwachsenen Weibchen bekommt die anstrengende Arbeit weniger gut. Seibel und seine Kollegen haben beobachtet, dass Kalmare, die noch recht frische Eier trugen, zu schnellen Fluchtmanövern in der Lage waren. Diejenigen aber, die ihre Eier schon lange mit sich herumgetragen hatten, rührten sich bei der Annäherung des Tauchroboters kaum von der Stelle.

Das Problem dabei: Die Kopffüßer schleppen sich träge durch Wassertiefen, in denen Wale und Seeelefanten bevorzugt tauchen. Und beide mögen Kalmare gern.

Doch der Erfolg scheint Gonatus onyx Recht zu geben: Er gehört, auch wenn er in großen Mengen verspeist wird, nach wie vor zu den am weitesten verbreiteten Kopffüßern des Pazifiks. Was natürlich auch damit zusammenhängen könnte, dass der Kalmar nach erfolgreicher Fortpflanzung ohnehin nicht mehr viel vorhat: Er wird nur ein, höchstens zwei Jahre alt.

Social Networks

  • Twitter
  • Facebook
  • MySpace
  • deli.cio.us
  • Digg
  • Folkd
  • Google Bookmarks
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • Newsvine
  • reddit
  • StumbleUpon
  • Windows Live
  • Yahoo! Bookmarks
  • Yigg

© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH













Service von SPIEGEL-ONLINE-Partnern