Früher, als Fernsehsendungen mit Nachwuchs-Fotomodellen noch unbekannt, landwirtschaftliche Betriebe hingegen weit verbreitet waren, kannte jedes Kind die Fleischbeschau. Sie gehörte zur Hausschlachtung, seit der Berliner Arzt Rudolf Virchow um die Jahrhundertwende durchgesetzt hatte: Frisch geschlachtetes Fleich muss von Veterinären beschaut und für den menschlichen Verzehr für unbedenklich befunden werden. Häufig wurde der Fleischbeschauer auch Trichinen-Beschauer genannt. Denn der Parasit Trichinella spiralis tötete noch Ende des vorletzten Jahrhunderts Tausende Menschen.
Nun haben Berliner Wissenschaftler erstmals bei einem in Deutschland erlegten Wildschwein den Parasiten Trichinella pseudospiralis nachgewiesen. Auch er ist ein für Menschen gefährlicher Fadenwurm aus der Gattung der Trichinen. Im Muskelfleisch eines auf der Insel Usedom geschossenen Tiers sei eine "sehr hohe Konzentration Parasiten" gefunden worden, teilte am Montag das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) mit.
Nach dem Fund müsse sich künftig die Fleischbeschau in Deutschland ändern: Der Erreger könne mit der klassischen Methode des Trichinoskops kaum erkannt werden. Bei dieser Untersuchung sucht der Veterinär nach den typischen Kapseln der Larven im Muskelfleisch geschlachteter Wirtstiere. Allerdings ist die nun erstmals in Deutschland gefundene Trichinen-Art im Larvenstadium gar nicht eingekapselt. Daher sei der Schweineparasit überhaupt nur bei künstlich vorverdauten Proben festzustellen.
Hausschweine unbedenklich, Wildschweine untersuchen
Trichinella pseudospiralis sei bisher nur im Ausland und dort vor allem bei fleischfressenden Vögeln und Wildtieren gefunden worden, hieß es weiter. Zusätzlich sei bei der Usedomer Probe auch der bei deutschen Wildschweinen bekannte Parasit Trichinella spiralis festgestellt worden. Dies sei der weltweit erste Nachweis eines solchen Mischbefall.
Hausschweine in Deutschland seien jedoch trichinenfrei. Das Essen von Rohwurst oder Schweine-Mett aus dem Ausland oder eben von infizierten Wildschweinen kann gefährlich sein. Darauf weist das Institut hin. Die Wahrscheinlichkeit eines Trichinellen-Fundes bei einem erlegten Wildschwein ist mit 1:50.000 sehr gering. Trotzdem sollten Jäger ihr erlegtes Wild vor dem Verzehr von einem kompetenten Institut untersuchen lassen, rät das BfR.
Die Infektion beim Menschen kann tödlich verlaufen, wenn die Larven im Dünndarm des Menschen zu Würmern heranreifen und sich dann im Herz- oder Zwerchfellmuskel einnisten. Aber auch der Befall anderer Gewebe führt schon zu Magen- und Darm-Beschwerden, Fieber und Muskelschmerzen. Trichinosen müssen mit der längeren Gabe eines hoch dosierten Wurmmittels behandelt werden.
stx/dpa
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