Insel Riems - Der mit dem gefährlichen Virus infizierte Kater lebte auf einem Bauernhof bei Schaprode im Westen Rügens in der Nähe der Wittower Fähre. Dort waren die meisten der verendeten Vögel gefunden worden. Möglicherweise hat der Kater auf seinen Beutezügen ein infiziertes Tier gefressen - ein Mahl, das letztendlich zum Tode führte.
Der wohlgenährte Kater war 4,8 Kilogramm schwer und bis kurz vor seinem Tod offenbar gesund. Sein Herrchen schloss ihn weg, als der Kater sich am Sonnabend merkwürdig benahm. Am nächsten Morgen war das Tier tot. Der Besitzer, sensibilisiert von dem Vogelgrippe-Geschehen in seiner unmittelbaren Umgebung, informierte die Rügener Behörden. Ob der Kater mit der hochansteckenden Variante des Erregers infiziert war, die in Asien und der Türkei zu Erkrankungen bei Menschen geführt hat, wird erst am Mittwoch endgültig feststehen. Der Kater war nach Angaben seines Besitzers kein "Stubentiger" oder "Schmusekater". Der Bauer steht unter medizinischer Beobachtung.
Der Landwirtschaftsminister von Meckenlenburg-Vorpommern, Till Backhaus, hat Katzenbesitzer dringend gebeten, ihre Tiere nicht streunen zu lassen. Sie sollten unter Aufsicht gehalten und notfalls weggesperrt werden, sagte Backhaus heute in Schwerin. Hunde sollten an die Leine geführt werden. Dies gelte vor allem für die Vogelgrippe-Schutzzonen auf Rügen und den angrenzenden betroffenen Landkreisen. Auf die Tiere zu achten, sei praktizierter Tierschutz. Streunende Hunde und Katzen dürfen laut Backhaus in den Schutzzonen um die Vogelgrippe-Fundorte auch eingefangen oder getötet werden. "Zwischen dem Dürfen und Müssen könnte sich das vielleicht verändern", sagte Ministerpräsident Harald Ringstorff.
Bayern, wo der H5N1-Erreger inzwischen auch gefunden wurde, hat sofort nach Bekanntwerden der Infektion einer Katze seine Vorsorgemaßnahmen verschärft. In den Sperrbezirken müssen Katzen ab sofort im Haus bleiben und Hunde angeleint werden, erklärte Bayerns Verbraucherschutzminister Werner Schnappauf am Abend in München. Die seuchenrechtlichen Vorsorgemaßnahmen gelten demzufolge in den Schutzzonen Bayerns und Baden-Württembergs gleichermaßen.
Weil das Überspringen auf ein Säugetier nach den Erfahrungen mit der Krankheit in Asien nicht ausgeschlossen war, waren in Mecklenburg-Vorpommern in den vergangenen Tagen insgesamt zehn Säugetierkadaver auf Vogelgrippe untersucht worden, sagte Backhaus. Neun davon waren negativ: Zwei weitere Katzen, zwei Füchse, ein Marder, ein Marderhund, ein Nerz und zwei Wildschweine. Auf Rügen sollen nun alle Kadaver toter Kleinsäugetiere eingesammelt und überprüft werden.
"Dass Katzen sich mit dem Virus infizieren können, wenn sie infizierte Vögel fressen, ist seit längerem aus Asien bekannt", erklärte Thomas Mettenleiter, Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) auf der Insel Riems. Dort, im nationalen Vogelgrippe-Referenzlabor, war bei einer Analyse das Virus in den Proben gefunden worden. Unklar ist, was die Entwicklung für den Menschen bedeutet. In den vergangenen Jahren starben in Asien mehrere Großkatzen, die in Zoos mit H5N1-infiziertem Geflügel gefüttert worden waren. Hauskatzen erwiesen sich in Studien ebenfalls als empfänglich. Eine Ansteckung von Menschen durch infizierte Katzen wurde aber bisher noch nicht nachgewiesen, auch eine Weitergabe des Erregers von Katze zu Katze ist bisher nicht dokumentiert worden.
Dennoch sehen Mediziner in Katzen durchaus eine potentielle Gefahr, da die meisten Menschen zu den Pelztieren einen intimeren Kontakt pflegen als zu Vögeln. "Ich würde keine Katze in Gebieten frei herumlaufen lassen, in denen Vögel in nennenswerter Zahl an einer H5N1-Infektion verendet sind", sagte der Marburger Infektionsbiologe Hans-Dieter Klenk im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Die Kontaktmöglichkeiten zwischen Mensch und Katze sind größer als die zwischen Mensch und Vogel."
Auch Mettenleiter mahnte Katzenbesitzer zu besonderer Hygiene. "Eine theoretisch nicht auszuschließende Ansteckung des Menschen kann vermutlich nur bei sehr innigem Kontakt mit infizierten Tieren erfolgen", erklärte der FLI-Präsident. Bei Anzeichen von schweren Erkältungen bei Katzen aus Vogelgrippe-Gebieten sollte der Tierarzt aufgesucht werden.
Andere Säugetiere wie etwa Hunde scheinen dagegen weniger empfänglich für die Vogelgrippe zu sein. Denn obwohl Hunde im von der Vogelgrippe durchzogenen Asien allgegenwärtig sind, wurden bisher keine H5N1-Fälle unter ihnen bekannt. "Über die Gründe kann man nur spekulieren", sagt Klenk. "Aber bisher wurden nur Hauskatzen, Raubkatzen und Frettchen infiziert." Dennoch haben die Behörden Hundehalter auf Rügen aufgefordert, ihre Tiere in den Schutzzonen an die Leine zu nehmen.
Vogelgrippe greift auf Bayern über
In Südbayern sind zwei verendete Wildvögel gefunden worden, die das Virus in sich trugen. Der Nachweis, ob es sich um die gefährliche Variante H5N1/Asia handelt, steht noch aus. Bundesweit wurde das Virus damit in mittlerweile fünf Bundesländern nachgewiesen.
In Schweden wurde der H5-Stamm des Erregers bei zwei Wildgänsen in der Nähe von Oskarshamn festgestellt. Nach Angaben der EU-Kommission sollen endgültige Tests im EU-Referenzlabor im britischen Weybridge bestätigen, ob es sich auch dort um die gefährliche Form des H5N1-Virus handelt.
Sachsen und Thüringen beschlossen, ihre Vorräte an antiviralen Arzneimitteln für den Fall einer Grippe-Pandemie für 20 Prozent der Bevölkerung aufzustocken. Einen entsprechenden Beschluss fasste das Kabinett heute in Dresden auf Vorschlag von Gesundheitsministerin Helma Orosz (CDU). Bisher hatte Sachsen nur für 8,4 Prozent der Bevölkerung entsprechende Medikamente. In Thüringen soll nach Angaben von Dieter Althaus (CDU) der vorgesehene Bestand von 7,7 Prozent auf ebenfalls 20 Prozent erhöht werden. Wie hilfreich antivirale Medikamente im Fall einer Grippeseuche unter Menschen wären, ist allerdings offen.
In Mecklenburg-Vorpommern erhöhte sich die Zahl der mit dem Erreger infizierten Wildvögel inzwischen auf 121. Am Montag waren nach Angaben des interministeriellen Führungsstabs 183 tote Wildvögel an das Landesamt für Landwirtschaft, Lebensmittelsicherheit und Fischerei und das Friedrich-Loeffler-Institut geschickt worden. 74 Proben wurden untersucht.
Markus Becker/ddp/AP/dpa
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