Aus Yogyakarta berichtet Michael Lenz
Schon seit den dreißiger Jahren steht der Merapi unter kontinuierlicher wissenschaftlicher Beobachtung. Heute ist der Feuerberg von einem dichten Netz von Messstationen förmlich umlagert. "Trotzdem ist unser Wissen über den Feuerberg und Vulkane überhaupt noch sehr grob", sagt der Merapi-Experte Birger Lühr vom Geoforschungszentrum in Potsdam. "Wir haben es in der Vergangenheit schon erlebt, dass er 700 Mal am Tag bebt und dann wieder einschläft. Aber die Ursachen dafür kennen wir nicht." Unter den 129 aktiven Vulkanen Indonesiens ist der Feuerberg, wie die Javaner ihn nennen, der rastloseste.
Mit großen Erwartungen schauen die einen, mit angespannter Ruhe die anderen in diesen Tagen auf den indonesischen Vulkan Merapi in Zentraljava. Für Vulkanologen weltweit ist dessen offenbar bevorstehender Ausbruch der Testfall, ob ihre Messtechniken und Prognosemethoden funktionieren. Für die drei Millionen Menschen, deren Lebensgrundlage und Heimat der Merapi und seine Umgebung sind, lautet die bange Frage: Wie schwer wird der Ausbruch werden? Aber darauf haben die Experten keine Antwort. Der Berg qualmt schon gewaltig. Seit Donnerstag quillt aus ersten Ritzen und Spalten etwas Lava. Nur wann der große Knall kommt, das kann keiner vorhersagen.
Klar ist, der Ausbruch kommt
Seit Anfang Mai ist den Experten klar: Er spuckt bald. Die Spezialität des Merapi, ein Schichtvulkan wie auch der Pinatubo auf den Philippinnen oder der Krakatau, sind "nuee ardens", heiße Wolken. Die bringen es auf 700 Grad Celsius und können bis zu zehn Kilometer hoch in die Atmosphäre steigen. Der Seismologe Antonius Ratdomopurbo vom Vulkanforschungszentrum in Yogyajakarta erklärt, wie die Wolken zustande kommen.
Aus mindestens sechs Kilometern unter der Erdoberfläche steigt Magma empor, das beim Austreten Dome formt. Wird der Druck in diesen Domen zu groß, platzen sie. Durch die ungeheuere Wucht fliegen dann heiße Gesteinsbrocken durch die Luft, die beim Aufprall auf anderes Gestein Gase freisetzen. Aus den zerbrochenen Domen fließt dann durch Flussbette und Jahrtausende alte Lavakanäle zähflüssige Lava den Berg hinunter. Beim letzten schweren Ausbruch 1994 rauschten zwei Millionen Kubikmeter ins Tal.
Die im Rahmen internationaler Projekte installierten Instrumente am Merapi zeichnen rund um die Uhr jede Erdbewegung, Verformung des Untergrunds oder die Menge und Zusammensetzung der vulkanischen Gase auf. Unterstützt werden sie dabei durch Messungen von Satelliten, die aus dem All beispielsweise mithilfe von Infrarotsensoren die Temperatur im Inneren des Vulkans messen oder mittels GPS jede Regung des Berges aufzeichnen.
Deutschland forscht nicht mehr am Merapi
An der Erforschung war auch das Geoforschungszentrum in Potsdam beteiligt. Aber das Merapi-Projekt ist 2002 nach fünfjähriger Laufzeit eingestellt worden. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) habe die Finanzierung eingestellt, klagt Lühr. Viele der beteiligten Forscher seien inzwischen in andere Länder wie Neuseeland abgewandert, wo die Vulkanologie geschätzt werde.
Der Geophysiker hält die intensive Erforschung von Vulkanen für wichtig: "Natürlich kann man nichts gegen das Phänomen von Vulkanausbrüchen machen. Aber man kann die Vorhersagemethoden immer weiter verfeinern." Darüber hinaus sei es von Nutzen zu verstehen, wie Vulkane funktionierten, weil sie einen erheblichen Einfluss auf globale Klimaeffekte hätten.
Die Dorfgemeinschaften am Merapi verstehen sich seit Generationen als Teil des Ökosystems des Bergs. Sie haben gelernt, mit dem Vulkan zu leben und akzeptieren, dass er mächtiger ist als sie – als Naturgewalt wie als spirituelle Kraft. Durch diese harmonische Beziehung fühlen sich nicht wirklich bedroht, trotz Warnungen der Behörden im 30 Kilometer entfernten Yogyakarta. Auch Appelle des Sultans Hamengkubuwono X., ihre Häuser und Höfe zu verlassen bleiben sie in ihren Siedlungen: Alltag wie immer, keine Panik, nicht mal Angst.
Für die Javaner ist der Merapi der Sitz eines unsichtbaren Königreiches und der König beschützt sie. Die mythische Bedeutung des Vulkans stammt noch aus der Zeit, als die heute mehrheitlich moslemischen Javaner Animisten waren.
Marijan ist der spirituelle Hüter des heiligen Bergs. Der 79 Jahre alte Mann lebt in einem bescheidenen Haus ziemlich weit oben auf dem Berg in dem Weiler Kinahrejo. Jedes Jahr organisiert Marijan das Labuan-Fest, bei dem der Sultan persönlich in einer prachtvollen Prozession zum Vulkan hinaufsteigt - mit Opfergaben.
Die Menschen misstrauen den Vorhersagen der Wissenschaftler. Sie verlassen sich lieber auf ihren Instinkt und den Warnzeichen der Natur. "Wenn sich die Aktivität des Vulkans verstärkt, ist das eine klare Warnung an die Menschen, dass sie in ihrer Habgier Raubbau an der Natur betreiben", sagt Marijan. Die Javaner seien davon überzeugt, dass der Merapi sich in solchen Momenten selbst restrukturiere. "Für die Menschen ist es ein Zeichen, inne zu halten und darüber nachzudenken, was sie der Natur antun."
Dem Seismologen Antonius Ratdomopurbo vom Vulkansforschungsinstitut in Yogyakarta stehen ob solchen Aberglaubens die Haare zu Berge. Er räumt jedoch ein, dass etwa das Verhalten von Tieren Rückschlüsse auf einen kurz bevorstehenden Vulkansausbruch zulässt. "Die reagieren sehr empfindlich auf Veränderungen im Magnetfeld." Aber wegen der intensiven Nutzung des Merapi für Landwirtschaft, Hausbau und andere Aktivitäten gebe es dort gar nicht mehr so viele Tiere. Sich auf wissenschaftliche Daten zu verlassen, sei auf jeden Fall besser. "Wir machen erstmalig alle unsere Daten öffentlich und können nur hoffen, dass die Menschen daraus die richtigen Schlüsse ziehen", sagt Ratdomopurbo. "Wir Vulkanologen sind der Ersatz für die Tiere."
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