Von Axel Bojanowski
Wer Geologen ratlos sehen will, sollte diese Frage stellen: Können Erdbeben Vulkane zum Ausbruch bringen? "Nach allem, was wir wissen: nein", sagt der Vulkanologe Bernd Zimanowski von der Universität Würzburg. "Allerdings wissen wir nicht viel darüber."
Der umgekehrte Mechanismus ist die Regel – der Aufstrom von Magma lässt die Erde leicht erzittern. Die Wirkung von Erdbebenwellen auf Vulkane hingegen scheint gering, denn ihre Energie verliert sich schnell.
Was aber, wenn sich ein schweres Beben ganz in der Nähe ereignet – wie am Wochenende geschehen? Vulkane wie der Merapi, die ohnehin sehr aktiv sind, könnten nach einem Beben explodieren, meint Thomas Walter vom Geoforschungszentrum Potsdam (GFZ). Der Mauna Loa auf Hawaii sei mehrmals in Folge von Starkbeben ausgebrochen, schreibt Walter in der heute erscheinenden Ausgabe des Fachblatts "Journal of Geophysical Research" (Band 111, B05204, 2006).
Nach einem Beben verschiebt sich das umliegende Gestein – Spannungen verlagern sich. Baut sich unter einem Vulkan so der Gesteinsdruck ab, könne das den gleichen Effekt haben wie bei einer Mineralwasserflasche, die aufgedreht wird, sagt Walter: Der Vulkan schäumt über. Wenn das Beben den Vulkan zudem erschüttert, wirke das als ob eine Sprudelflasche geschüttelt würde – Gase lösten sich aus dem Magma und erhöhten den Druck unter der Erde.
Historische Beispiele für Ausbrüche nach Beben
Nach einigen besonders starken Beben in Guatemala im Jahre 1902, in Kamtschatka 1952 und in Chile 1960 ereigneten sich in der Umgebung deutlich mehr Ausbrüche als sonst, hat Walter herausgefunden. Die Aktivität der Vulkane hielt jeweils jahrelang an. So brach bereits zwei Tage nach dem stärksten je gemessenen Beben am 22. Mai 1960 vor der Küste Chiles der 150 Kilometer entfernt gelegene Vulkan Cordon aus, weitere in der Region gelegene Vulkane folgten. "Ein Zusammenhang mit den Erdbeben ist wahrscheinlich", ist Walter überzeugt.
Walter reist am Dienstag zusammen mit GFZ-Kollegen nach Java, um die Aktivität des Merapi zu untersuchen. Messungen deutscher Forscher in den letzten Jahren lieferten erste Indizien, dass der Vulkan auf Erdbeben reagiert. Beispielsweise hätten sich aus dem Berg sprühende Dämpfe nach einem Beben deutlich erwärmt, berichtet GFZ-Forscher Jochen Zschau.
Das verheerende Beben vom Samstag vergrößert das Dilemma der Vulkanologen: Sie können zwar bestimmen, wie aktiv ein Vulkan ist, jedoch nicht festlegen, wann er ausbrechen wird. Auf ihre Warnungen hin haben vor drei Wochen Zehntausende Anwohner des Merapi ihre Häuser verlassen - eine der größten Vulkan-bedingten Evakuierungen aller Zeiten. Nun sind die meisten Menschen zurückgekehrt.
Auf das Beben reagierte der Vulkan mit Aschewolken
Der Geochemiker Martin Zimmer vom GFZ warnt, das Erdbeben habe sich ausgerechnet in einer Phase ereignet, in welcher der Vulkan so aktiv ist wie zuletzt 1930. Kurz nach dem Erdbeben spuckte der Merapi am Samstag eine drei Kilometer hohe Aschewolke. "Ein Zusammenhang mit dem Beben ist denkbar", meint Walter. Die Gefahr eines großen Ausbruchs scheint größer denn je.
Damit verbunden ist die Furcht vor den pyroklastischen Strömen aus bis zu 800 Grad heißer Asche und Dampf, die mit Rennwagengeschwindigkeit gespenstisch leise talabwärts rasen und Lebewesen bis auf die Knochen versengen. Zuletzt tötete eine Glutlawine vor zwölf Jahren 66 Menschen, Hunderte erlitten schwere Verbrennungen. Das passiert alle paar Jahre am Merapi.
Und immer wieder kommt es auch zum großen Ausbruch: Im Dezember 1930 tötete eine Eruption 1300 Menschen, eine Explosionsserie im Jahr 1872 löschte gar alle Dörfer im weiteren Umkreis aus. Die 35 Kilometer südlich gelegene Stadt Yogyakarta steht auf alten Lawinenablagerungen.
Propfen auf dem Glutschlot erschüttert
Der Berg könnte irgendwann explodieren wie der Mount Saint Helens in den USA im Jahr 1980, dessen Flanke kollabierte und Platz machte für eine gewaltige Eruption, erklärt der Vulkanforscher Birger Lühr vom GFZ: "Die Folgen für Millionen Menschen im Umland des Merapi wären kaum auszudenken."
Einen derart großen Ausbruch des Merapi erwarten die Forscher zurzeit aber nicht. Dafür fehlen die Vorzeichen: Große Magma-Mengen würden den Vulkan ausbeulen und ihn stark erzittern lassen. Zudem stiegen vermehrt Dämpfe und Gase aus dem Boden, kleinere Explosionen erfolgten.
Derzeit hängt alles an der Stabilität jenes Gesteinklumpens, der wie ein riesiger Fladen auf dem Vulkanschlot sitzt und ihn verstopft. Seit dem Herbst drückt Magma den erstarrten Lavabrocken kontinuierlich aus dem Berg heraus, berichtet der Geophysiker Mattias Hort von der Universität Hamburg. Kollabierte der Kolloss, der bereits gefährlich über den Gipfel ragt, schössen die gefürchteten Glutlawinen hervor.
Das Beben vom Wochenende ist nicht vom Merapi ausgelöst worden, dafür war es viel zu stark. Aber es könnte den Propfen auf seinem Schlot destabilisiert haben – da sind sich die Forscher einig.
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