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01.06.2006
 

Versinkende Stadt

Von New Orleans zu New Atlantis

Von Stefan Schmitt

Neue Satellitenmessungen verheißen nichts Gutes für New Orleans: Die Metropole im Mississippi-Delta versinkt schneller als vermutet, während der Meeresspiegel steigt. Forscher sehen die Hypothese bestätigt, dass New Orleans dem Untergang geweiht ist.

"Bisher gab es nur Vermutungen und wenige Messungen, vor allem entlang der Highways", sagt der Geophysiker Falk Amelung. Nun ist es Gewissheit: New Orleans sackt ab - und jetzt wissen Forscher auch genau wie schnell: acht Millimeter jährlich. Dieser Wert, so klein er klingt, kündet vom Untergang einer Großstadt. "Wir glauben, dass unsere Einschätzungen auch die Rate über einen längeren Zeitraum wiedergeben", schreiben Amelung, sein Kollege Timothy Dixon und weitere Forscher aus den USA und Italien im Wissenschaftsmagazin "Nature".

Aus Radar-Höhenmessungen des kanadischen Satelliten "Radarsat" haben die Geologen und Geophysiker in feiner Auflösung abgelesen, welche Stadteile sich in den Jahren 2002 bis 2005 wie stark bewegt haben. An einigen Stellen beobachteten sie, dass der Erdboden um bis zu 29 Millimeter pro Jahr nachgab. Fast drei Zentimeter - das ist eine drastische Absenkung für einen so kurzen Zeitraum.

Bis auf eine Auflösung von 20 Metern nahmen die Forscher die Stadt unter die Lupe, sagte Amelung zu SPIEGEL ONLINE. Jedes Bauwerk konnten sie als Orientierungspunkt nutzen. "Anders als das Marschland reflektiert ein Dach oder eine Straße den Radarstrahl des Satelliten immer gleich", sagt Amelung, der nach seinem Geophysik-Studium in Münster in die USA gegangen war. 33 Aufnahmen entstanden so im Zeitraum von über drei Jahren.

"Das sind Todesfallen"

Einige Gegenden der Stadt liegen bereits heute drei bis fünf Meter unter dem Meeresspiegel. Bislang war zwar die Tatsache der Absenkung, nicht aber ihr Ausmaß bekannt. "Meine Sorge gilt den sehr tief liegenden Gebieten", sagt Geophysiker Timothy Dixon. "Ich denke, das sind Todesfallen. Ich finde nicht, dass diese Viertel wieder aufgebaut werden sollten."

Den nun vorliegenden Messungen zufolge haben sich Teile der Stadt in den drei Jahren vor Ankunft des Hurrikans "Katrina" am 29. August 2005 "rapide gesenkt". Die Dämme in der Nähe des Mississippi-Deltas lagen im vergangenen Jahr durch die stete Senkung des Bodens mehr als einen Meter tiefer als zur Zeit ihrer Entstehung 40 Jahre zuvor. Besonders starke Vertikalbewegungen haben die Forscher um den Mississippi River Gulf Outlet Canal (MRGO) gemessen. Dort waren unter der Last des Hurrikans "Katrina" die Dämme gebrochen.

Diese Umstände hätten wahrscheinlich erheblich zur Überflutung und Zerstörung von New Orleans beigetragen, schreiben Dixon und seine Kollegen in "Nature" (Bd. 441, S. 587). Die Katastrophe kostete 1500 Menschenleben und Milliarden von Dollar an Sachschäden.

Gesamtes Delta ruht auf bröseligem Material

Bereits im Januar 2000 hatten Wissenschaftler der University of New Orleans und des United States Geological Survey (USGS) in Washington die bange Frage gestellt: "New Orleans... oder das neue Atlantis?"

Die Gruppe um den Geologen Shea Penland hatte den Landverlust im Mississippi-Delta erforscht. 40 Prozent aller küstennahen Feuchtgebiete der USA befinden sich nach seinen Angaben in Louisiana, 80 Prozent aller Landverluste in Feuchtgebieten der USA treten in diesem Bundesstaat auf. "Das ist mehr als ein ernstes Problem, es ist ein katastrophales", hatte Penland damals kommentiert. "Wir leben am Rande eines Küstenkollaps."

Schon bis 2050 könnten viele der kleinen Insel, die als Wellenbrecher und vorgelagerter Schutz für die Küste und den Großraum New Orleans dienen, verschwunden sein, warnten die Forscher. Falk Amelung bestätigt das: "Das ist schon möglich, das passt zu unseren Daten."

Was ein relativer Anstieg des Meeresspiegels für die Stadt und ihre Umgebung im Mississippi-Delta bedeuten würde, können auch Laien auf der Website "Flood Maps" des englischen Programmierers Alex Tingle nachvollziehen. Er hatte den Satelliten-Kartendienst Google Maps mit Radar-Höhendaten der Nasa versehen.In Meterschritten kann man dort die Überflutung von Küstengebieten simulieren.

"Einen Pakt mit dem Teufel abgeschlossen"

Als Grund für die Senkung nannten die Forscher um Amelung und Dixon unter anderem die Beschaffenheit des Bodens. Dieser sei durch die Sümpfe im Mississippi-Delta ausgesprochen reich an organischen Stoffen, die sich mit der Zeit auflösten und die Erde sacken ließen. In diesem Fall, so Amelung, würde das Absacken sich wohl irgendwann verlangsamen.

Eine zweite Möglichkeit wäre hingegen, dass das Mississippi-Delta langsam in den Golf von Mexiko rutscht. "In dieses Szenario passt das Bild, dass New Orleans bald eine Insel sein könnte", so Amelung.

Ob erst das Gewicht von Straßen und Häusern das Absacken überhaupt ausgelöst hat, wird unter den Wissenschaftlern derzeit debattiert. Dixon glaubt, dass es sich um ein ausschließlich von Menschen verursachtes Problem handelt: "Bevor die Leute sich hier im 18. Jahrhundert ansiedelten, war diese Gegend auf Meereshöhe."

Roy Dokka, ein anderer Forscher des Teams, widerspricht dem. Das Absacken sei zum Teil auf natürliche Prozesse zurückzuführen - und kluge Sicherheitsmaßnahmen könnten New Orleans' Zeit verlängern. "Wir haben einen Pakt mit dem Teufel abgeschlossen, als wir hergezogen sind", sagte Dokka, "aber wenn wir uns richtig verhalten, können wir in dieser Gegend noch mal 100, 200 oder 300 Jahre herausschlagen."

Beginn der Hurrikan-Saison

Die "New York Times" berichtete am Dienstag über eine Studie der University of California in Berkeley, die den Katastrophenschutz für New Orleans als völlig unzureichend kritisiert. Demnach war die Südstaatenmetropole noch nie auf einen Hurrikan von "Katrinas" Stärke vorbereitet, sondern maximal auf einen Sturm der Kategorie 3. Die Berechnungen hätten schon damals nur auf einem "Standard-Hurrikan" basiert und den schlimmsten Fall gar nicht in Erwägung gezogen. Auch während der Hurrikan-Saison 2006, die mit dem Monat Juni beginnt, rechnen Meteorologen mit 10 schweren Wirbelstürmen über dem Atlantik, von denen vier die US-Küste treffen werden.

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