Von Volker Mrasek
Für gewöhnlich äußere er sich ja nüchtern und sachlich, sagt Oyvind Nordli. So, wie es sich eben gehört für einen Wissenschaftler, der am Norwegischen Meteorologischen Institut in Oslo seinen Dienst tut. Doch dann entfährt es dem Klimaforscher: "Die Temperaturen scheinen völlig verrückt zu spielen!"
Wie viele seiner Kollegen blickt Nordli seit Wochen und Monaten mit immer größerem Erstaunen ins europäische Polarmeer. Dort, auf 77 bis 80 Grad nördlicher Breite, liegt Svalbard: eine Gruppe unwirtlicher, stark vergletscherter Inseln. Die bekannteste und größte von ihnen ist Spitzbergen. Dort, etwa 1200 Kilometer vom Nordpol entfernt, spielen sich in diesem Frühjahr Dinge ab, die selbst Experten nicht so recht fassen können.
Seit Dezember liegen die Monatsmitteltemperaturen auf Svalbard um bis zu 12,6 Grad Celsius über den Normalwerten. Der arktische Archipel avanciert damit zum unangefochtenen Hot Spot der Klimaerwärmung. Nirgendwo sonst auf dem ganzen Globus sind in den letzten Jahrzehnten derart krasse Temperaturabweichungen registriert worden.
Der April auf Svalbard war zuletzt im Mittel exakt null Grad warm - und damit wärmer als jeder vorhergehende Mai. Noch extremer ging es im Januar 2006 zu: Mit einem Durchschnittswert von minus 2,7 Grad war er wärmer als jeder April in den Aufzeichnungen des Wetterdienstes. Normalerweise liegen die Temperaturen in dieser Jahreszeit zwischen minus 12 und minus 16 Grad. "Einen so milden Winter hat Svalbard seit Beginn der Temperaturmessungen 1912 noch nicht erlebt", resümiert Meteorologe Nordli, der in seinem Institut für die hohe Arktis zuständig ist. Schon im Mai war der Ozean um die Inseln herum praktisch eisfrei. "Auch das", sagt Nordli, "haben wir so früh im Jahr noch nie beobachtet."
Starke Schmelzwasser-Abflüsse
Auch deutsche Forscher sind Zeugen des Geschehens. Das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) betreibt eine Station in Ny-Ålesund an der Westküste Spitzbergens, der nördlichsten Siedlung der Welt. Von dort meldeten AWI-Forscher unlängst starke Schmelzwasser-Abflüsse zwischen dem Dauerfrostboden und der noch verbliebenen Schneedecke. Da sie folglich im Verborgenen verlaufen, bringen sie die Forscher vor Ort in Gefahr. "Wir können den Ort praktisch nicht mehr verlassen, um an unseren Messgeräten außerhalb zu arbeiten", meldete Stationsingenieur Kai Marholdt am Jahresanfang in die Heimat.
Phil Jones gehört zu den Ersten, denen die extreme Wärme in der entlegenen Region aufgefallen ist. Der Hydrologe ist Direktor der Klimaforschungsabteilung an der University of East Anglia in England. Dort werden schon seit 25 Jahren globale Temperaturdaten routinemäßig erfasst und Ausreißer auf einer Weltklimakarte mit Fähnchen versehen. Svalbard ist in diesem Frühjahr ständig beflaggt. "Es gab bisher nur einen einzigen Monat, in dem Ähnliches beobachtet wurde", sagt Jones. "Im März 1990 lag die Temperatur in der früheren Sowjetunion um 10 bis 12 Grad über dem Mittelwert, aber das nur für einen Monat."
Auf Spitzbergen und seinen Nachbarinseln kann man derzeit erleben, was passiert, wenn der Klimawandel und natürliche Wetterschwankungen sich gegenseitig verstärken. Der norwegische Vorposten erlebt in diesem Frühjahr eine ausgesprochene Warmwetterlage. Hinzu kommt, dass sich die Klimaerwärmung in hohen nördlichen Breiten in den vergangenen Jahren immer stärker bemerkbar macht. Aus 1978 begonnenen Satellitenmessungen geht hervor, dass die Meereisbedeckung in der Arktis um knapp drei Prozent pro Jahrzehnt zurückgeht. Das Eis auf dem Polarmeer aber wirkt wie ein großer Strahlungsreflektor. Schwindet er, heizt sich die Hocharktis noch stärker auf.
Warmes Wasser aus dem Süden
Eine weitere starke Wärmequelle ist offenbar der Westspitzbergenstrom. Er transportiert Atlantikwasser aus dem Süden in das europäische Nordmeer und fließt im Westen an Svalbard vorbei. Forscher der polnischen Akademie für Wissenschaften haben diese Meeresströmung jetzt genauer untersucht. Gestützt auf Messdaten seit dem Jahr 2000 stellen Waldemar Walczowski und Jan Piechura fest, dass der Westspitzbergenstrom an Kraft gewonnen hat und zusehends wärmer geworden ist. "Wir gehen davon aus, dass der starke Wärmeeintrag anhalten und sogar größer werden wird als in den vergangenen sechs Jahren", schreiben die polnischen Meeresforscher jetzt in der Fachzeitschrift "Geophysical Research Letters".
Dem derzeitigen Hot Spot des Klimawandels steht also möglicherweise eine noch heißere Zukunft bevor. "Bei Warmwetterlagen werden wir immer wieder mit neuen Höchsttemperaturen rechnen müssen", prophezeit Peter Lemke, Leiter des Fachbereichs Klimawissenschaften im AWI. Genauso werde es im Rahmen der normalen Wetterschwankungen aber auch wieder zu kalten Wintern in Ny-Ålesund und Umgebung kommen.
Anders als in Alaska, Kanada und Nordostsibirien leben auf Svalbard keine Eskimos, die noch traditionell jagen und dafür auf eine intakte Meereseisdecke angewiesen sind. Doch es gibt Eisbären, und die, sagt Klimaforscher Jones, hätten dieselben Ansprüche: "Auch sie müssen zur Robbenjagd aufs Eis hinaus." Wenn es sich immer weiter Richtung Nordpol zurückziehe, könnten ihm die Tiere nicht mehr folgen, da sie sich nicht zu weit vom Land entfernen dürften. "Das heißt, es gibt für sie praktisch keinen Platz mehr, wo sie noch hinkönnen", erläutert Jones.
Aus der kanadischen Arktis wurden kürzlich erste Fälle von Kannibalismus unter Eisbären gemeldet. Biologen war dieses Verhalten vorher fremd. Womöglich ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis solche Berichte auch von Spitzbergen und seinen Nachbarinseln kommen.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Natur | RSS |
| alles zum Thema Klimawandel | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH