Einen Tag nach dem Seebeben vor der Insel Java hat die indonesische Regierung zugegeben, Warnungen vor der herannahenden Riesenwelle nicht an die Bevölkerung weitergegeben zu haben. Sowohl vom Pacific Tsunami Warning Center als auch vom Japanischen Wetterdienst seien 45 Minuten vor dem Eintreffen der Welle Tsunami-Warnungen eingegangen, sagte Forschungsminister Kusmayanto Kadiman. Aber: "Wir haben sie nicht veröffentlicht."
Vizepräsident Jusuf Kalla erklärte auf eine Frage von Journalisten, eine Warnung der Bevölkerung wäre überflüssig gewesen, weil viele Menschen nach dem Beben der Stärke 7,7 ohnehin aus Angst ins Landesinnere geflüchtet seien. Es habe daher "eine Art natürliches Frühwarnsystem" gegeben. Ein Wissenschaftler sagte, die Experten hätten die Stärke des Seebebens zunächst unterschätzt.
Das bestätigte Manfred Henger von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (GBR) SPIEGEL ONLINE. Die erste automatische Erfassung des Seebebens habe ergeben, dass das Epizentrum in einer Tiefe von 48 Kilometern gelegen habe. Deshalb habe man zunächst nicht mit einem Tsunami gerechnet. Erst eine spätere genauere Auswertung der Daten habe ergeben, dass sich das Beben in einer geringeren Tiefe ereignet habe.
Mindestens 341 Menschen wurden durch die zwei Meter hohe Flutwelle am Montag in den Tod gerissen, weitere 229 wurden nach Angaben des Gesundheitsministeriums noch vermisst. Noch immer würden in den Trümmern von Häusern Leichen geborgen, sagte Polizeichef Syamsuddin Janieb.
Frühwarnsystem funktioniert noch nicht
Das nach der Tsunami-Katastrophe von Weihnachten 2004 angekündigte Alarmsystem funktioniert indes noch immer nicht. Behördenvertreter klagen über fehlendes Geld und technische Probleme. Eigentlich sollte "der ganze Indische Ozean" bis Ende Juli eine erste Version eines rund um die Uhr laufenden Alarmsystems haben, hatte Unesco-Generalsekretär Koichiro Matsuura jüngst erklärt. Mit Hilfe des Systems "Indotsunami" sollten die Anrainerstaaten im Indischen Ozean Erdbeben, die Tsunamis auslösen, besser und schneller entdecken, Epizentren exakter bestimmen, Flutwellen erkennen und entsprechende Warnhinweise geben. Allerdings funktioniert das System "noch nicht richtig", wie der Geologe Fauzi vom Wetterdienst in Jakarta einräumte.
Bislang verfügt Indonesien gerade einmal über zwei Bojen zur Feststellung von Tsunamis - und die wurden im November mit Hilfe deutscher Wissenschaftler nicht vor Java ausgesetzt, sondern vor der Westküste Sumatras, das Ende 2004 von dem schweren Tsunami getroffen wurde. Die beiden Bojen hätten technische Probleme und befänden sich wieder an Land, räumt Edi Prihantoro vom indonesischen Wissenschafts- und Technologieministerium ein.
Unabhängig von den Indonesiern entwickelt das Geoforschungszentrum Potsdam (GFZ) gemeinsam mit mehreren Partnern ein Tsunami-Frühwarnsystem für die gefährdete Region im Indischen Ozean, das aber erst 2009 in Betrieb gehen soll. Es gebe zwar ein globales Netz an Seismometern, aber das sei nicht so schnell wie ein regionales Netz, sagte GFZ-Forscher Jochen Zschau. Bisher befinde man sich aber im vorher festgelegten Zeitplan.
Das vom GFZ geplante System besteht aus mehreren Komponenten: Die seismische Komponente registriert Erdbeben, Bojen messen, ob ein Tsunami entstanden ist. Mittels Simulation soll dann vorhergesagt werden, wie der Tsunami gegebenenfalls aussieht und wo er die Küste treffen wird.
Mehr Messstationen reichen nicht
In einer ersten Stufe des GFZ-Projekts soll das bereits vorhandene Erdbeben-Überwachungssystem ausgebaut werden. 22 zusätzliche Stationen planen Zschau und seine Kollegen: Vier davon sind bereits aufgebaut, bis Ende des Jahres sollen zehn weitere dazu kommen. Da Indonesien und Nachbarländer wie Australien noch weitere Stationen planen, sollen in ein paar Jahren über 160 in der Region existieren.
Allerdings: "Ein Erdbeben zu beobachten heißt ja nur, dass das Potential für einen Tsunami da ist", sagt Zschau im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Im Herbst 2005 hat das GFZ die beiden Warnbojen an der Westküste Sumatras, wo es Weihnachten 2004 zur Tsunami-Katastrophe kam, ausgesetzt - "zum Testbetrieb", wie der Geophysiker betont. "Die wurden da hin gebracht, um Schwachstellen herauszufinden."
Seit einiger Zeit seien die Bojen wieder an Land, um bereits festgestellte Probleme zu beheben; später werden sie wieder ausgesetzt. Das System soll frühestens im nächsten Jahr auch auf Java ausgedehnt werden - das Gebiet, wo gestern die Flutwelle anrollte.
Die Technik allein reicht jedoch nicht für ein funktionierendes Frühwarnsystem. Zschaus Ziel ist, dass innerhalb einiger Minuten alle Informationen in einem Zentrum zusammenlaufen, von wo aus dann die Warnungen verteilt werden sollen. Indonesien plane sogar, bis zu zehn solcher Frühwarnzentren aufzubauen. "Wir können mit unserem System nur helfen, alle wichtigen Informationen zusammenzuführen", so Zschau.
Bis das ganze System in der Region funktioniert, kümmert sich das Pacific Tsunami Warning Center (PWTC) um die Region. Das PTWC mit Sitz auf Hawaii hatte auch nach dem gestrigen Tsunami Alarm für die indonesischen Inseln Java und Sumatra sowie für die australischen Weihnachtsinseln und die Kokos-Inseln gegeben.
Vorerst gibt es keine weitere Flutwellen
In den nächsten Tagen werde es noch einige Nachbeben geben, allerdings mit abnehmender Stärke, sagte Manfred Henger von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe. "Die Wahrscheinlichkeit, dass es jetzt noch einmal solch ein starkes Seebeben geben wird, ist sehr gering." Die Spannungen zwischen der Sundaplatte und der Australischen Platte, die zu dem Erdbeben und somit zum jüngsten Tsunami geführt haben, hätten sich erst einmal abgebaut.
Wann die nächste Flutwelle im Indischen Ozean gen Küste rollt, lässt sich indessen nicht abschätzen. Laut Zschau ist in dieser Region aber immer wieder mit Erdbeben der Stärke 7 zu rechnen - und somit auch mit Tsunamis. In einem Konzept, welches das Geoforschungszentrum Potsdam und das Bundesministerium für Bildung und Forschung 2005 vorstellten, heißt es: "Aufgrund der geologischen Situation muss davon ausgegangen werden, dass vor allem Indonesien wegen der unmittelbaren Nachbarschaft des seismisch aktiven Sundabogens auch in Zukunft am häufigsten und am stärksten von katastrophalen Tsunami-Ereignissen betroffen sein wird."
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