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24.09.2006
 

Libanon

Bedrohte Schildkröten-Oase in Orange

Von Markus Bickel aus Mansourieh (Libanon)

Sie gehören zu den bedrohtesten Arten des Mittelmeeres - Schildkröten, die auch an Libanons Küste ihre Eier vergraben. Der Nachwuchs hat nur mit Hilfe engagierter Umweltschützer eine Chance. Doch vor Bomben und Granaten mussten auch diese fliehen - und die Nester zurücklassen.

Sour kam auf der Landstraße zurück in die Familie. Zehn Tage nach Kriegsende trottete der braune Mischlingsrüde durch das von lila Bougainvillier-Blüten gezierte Tor der Frühstückspension Orange House. Mona Khalil and Habiba Syed waren überglücklich: Überstürzt hatten sie Sour und seinen jüngeren Spielgefährten, den Hund Poopie, fast vier Wochen zuvor zurückgelassen. Jeden Tag rückten die Einschläge israelische Bomben und Raketen näher an das Grundstück unweit der südlibanesischen Stadt Mansourieh heran.

Nur fünfzehn Kilometer nördlich der israelischen Grenze liegt das Orange House – aus dem Hinterland schoss die Artillerie, vis-à-vis vom Hausstrand die Kriegsschiffe, und am Himmel kreisten Drohnen, Kampfjets und Helikopter. Als auch das nur 200 Meter entfernt gelegene Nachbarhaus von einem Treffer zerstört wurde, flohen die beiden Tierschützerinnen Khalil und Syed.

Schon unmittelbar nachdem Hisbollah-Milizionäre zwei israelische Soldaten am 12. Juli gefangen nahmen, hatte sich die von Fahnen der "Partei Gottes" und Bildern der im Kampf gegen Israel gefallen Märtyrern gespickte Gegend südlich der Hafenstadt Tyrus zum Kampfgebiet gewandelt. Aber bis in die zweite Kriegswoche hinein standen Khalil und Syed jeden Morgen um sechs Uhr auf und machten sich unbeirrt von den israelischen Kriegsschiffen, die nur ein paar Hundert Meter entfernt im Mittelmeer schwammen, auf den Weg zum Strand.

Der Grund: Zwischen Juli und September nisten hier Dutzende Meeresschildkröten und legen ihre Eier. Um sie vor weniger naturbewussten Nachbarn zu schützen, aber auch vor Füchsen und Krebsen, legten die Tierschützerinnen wie in den Sommern zuvor kleine Maschendrahtgitter über die Nester. Doch dem machte der Krieg ein Ende.

Verletzliche Exoten in unsicheren Zeiten

Unechte Karettschildkröten (Caretta caretta), die als bedrohte Art unter dem Schutz des Washingtoner Artenschutzabkommens stehen, und die schon seit Ende des 19. Jahrhunderts vom Aussterben bedrohte Suppenschildkröten (Chelonia mydas) kommen beide noch an den Stränden des Südlibanons vor. Wie dünn der Bestand aber geworden ist, zeigen die Aufzeichnungen aus den letzten fünf Sommern: An den rund anderthalb Strandkilometern von Mansourieh zählten die Tierschützerinnen zwischen 33 und 51 Caretta- und nur zwischen einem und sechs Chelonia-Nestern im Jahr.

Wenn die Kleinen schlüpfen, müssen sie sich zunächst aus der Schale ihres Eis befreien und dann durch die schützende Sandschicht den Weg an die Oberfläche freibuddeln. Ein natürlicher Instinkt sagt ihnen dann, in welcher Richtung sie das Meer finden, in dem sie sich zu erwachsenen Schildkröten entwickeln können. Dass jedes einzelne Schildkrötenbaby es auch bis ins Wasser des Mittelmeers schafft, ist die größte Sorge der Tierschützer - normalerweise. Doch irgendwann drängte sich auch bei ihnen angesichts der Kämpfe im Südlibanon der Gedanken an die eigene Sicherheit in den Vordergrund.

"Ich hatte solche Angst, dass wir die nächste Nacht nicht überleben würden", sagt Khalil, die das alte Familienhaus gemeinsam mit Syed nach Ende der israelischen Besatzung des Südlibanon im Mai 2000 mühsam wieder in Schuss brachte. "Ich dachte, es wäre besser, die beiden Hunde hier zu lassen und so schnell wie möglich unsere Sachen zu packen." Zum Trauern darüber, dass die viel versprechende Sommersaison mit ausgebuchten Zimmern gelaufen war, blieb gar keine Zeit.

Tausend Vorwüfe machte sich die 57-jährige säkulare Schiitin in den Wochen des unfreiwilligen Exils in Beirut – auch noch nach der Rückkehr ins vorübergehend verwaiste Zuhause. "Ich war so unendlich traurig, weil ich das Gefühl hatte, Sour im Stich gelassen zu haben." Poopie hatte das zwischen Bananenplantagen und Zitrusfrüchten gelegene Grundstück offenbar nie verlassen – unbändig vor Freude sprang er den beiden Frauen entgegen, als sie am dritten Tag der Waffenruhe in ihr mindestens zweimal getroffenes Haus zurückkehrten.

Morgendliche Zählung am Strand: Wie viele sind geschlüpft?

Knapp einen Monat nach Kriegsende sind die Schäden in einem der Gästezimmer in der oberen Etage immer noch nicht behoben, auch im Salon im Erdgeschoss fehlen die Scheiben. Wann genau die israelischen Geschosse in dem orange gestrichenen, zwischen Bananenplantagen und Zitronenhainen gelegenen Haus einschlugen, wissen die beiden Frauen nicht. Auf der Terrasse, zwischen afrikanischen Masken, einer kopflosen Büste und ein paar Blumentöpfen, stehen nun die Reste von zwei Granaten. Am Strand fanden Khalil und Syed Metallstücke mit Aufschriften wie "Computer Bomb Guidance" und "For Use on MK-82".

Vom morgendlichen Gang an die Küste lassen sich Khalil und Syed dadurch nicht abhalten. Nach ihrer Rückkehr Mitte August waren viele Nester schon leer, aber bis in den September hinein helfen die beiden Frauen den Baby-Schildkröten noch aus ihren Eiern. Spät, aber nicht zu spät. "Angesichts der Anzahl der Eier, die wir nach unserer Rückkehr fanden, kann man sagen: Es war ein gutes Jahr", sagt Syyed.

Doch eigentlich hätten sie jeden Tag die Zahl der geschlüpften wie der nicht geschlüpften Schildkröten an das Zentrum der Mediterranean Association to Save the Sea Turtles (Medasset) in Zypern melden müssen, klagt die 51-jährige. "Uns ist mindestens ein Monat an Dokumentationsarbeit verloren gegangen." Genaue Aufstellungen von Freiwilligen an den Oststränden des Mittelmeers, aus der Türkei, Griechenland und aus Zypern sind nicht nur eine wichtige Quelle für Wissenschaftler. Artenschützer benötigen diese Daten, um gegenüber Politikern, Fischern und der Tourismusindustrie überlebensnotwendige Nischen für die Schildkröten durchsetzen zu können. Seit einigen Jahren nimmt Syed gemeinsam mit Khalil an Medasset-Seminaren und -Treffen teil, um das Überleben der bedrohten Seeschildkröten zu sichern.

Ölpest und Blindgänger

Die durch den Beschuss des südlich von Beirut gelegenen Kraftwerks von Dschija verursachte Ölpest – mindestens 15.000 Liter Heizöl strömten ins Wasser – im Ostmittelmeer erschwert die Situation zusätzlich. Zahlen darüber, wie viele der jungen Schildkröten davon betroffen sein könnten, gibt es keine. Schlechte Zeiten für Freunde von Flora und Fauna: Weil die Wasserversorgung in Dutzenden südlibanesischen Orten noch immer brach liegt, haben viele Bauern ihre Ernte verloren.

Auch die Bananebäume rund um das Orange House sind ganz ausgetrocknet. Syrische Gastarbeiter, die beim Räumen der Trümmer im Haus halfen, fanden Blindgänger in den Plantagen – gefährliche Überbleibsel für die Agrarbetriebe der Gegend.

"Die Leute haben jetzt natürlich anderes im Sinn als Umweltschutz", sagt Syed, während Khalil resigniert mit den Schultern zuckt. Davon abhalten, rund um das orangefarbene Haus ihre kleine Oase aufrecht zu erhalten, lassen sich die beiden deshalb aber nicht. Die ersten Gäste haben sich bereits kurz nach Kriegsende wieder hier einquartiert – und wie in den Jahren zuvor wird auch weiterhin ein Drittel der Übernachtungskosten dem Schildkrötenschutz zugute kommen.

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